Ja, ich hatte es geschafft, bin angekommen und ich dachte mir, „du hast es hier rauf geschafft, dann schaffst du alles andere auch“.

 

Die Küchengruppe hatte das Abendessen zubereitet und den Tisch gedeckt. 5 Patienten, mit mir eingerechnet, die zur Essstruktur gehörten, Wir hatte abgesprochen, darauf zu achten, dass keiner mehr als die üblichen Portionen zu sich nahm. Das klappte sehr gut. Danach Abwasch und aufräumen und den Tagesplan für den nächsten Tag besprechen.

Der sah so aus:

6:00 Uhr aufstehen, 6:30 Uhr dynamische Meditation, danach Frühstück, 1 Stunde Pause zum aufräumen, dann die Tische und Stühle aus dem Aufenthaltsraum in die Küche räumen und den Raum mit Matten auslegen.

 

Dynamische Meditation? Ich konnte mir nichts darunter vorstellen. Nun gut. Ich lasse mich überraschen. 22:00 Uhr sind alle müde und ich gehe duschen und dann schlafen. Ich schlafe ausgesprochen gut in dieser Nacht.

 

 

6:00 Uhr der Wecker klingelt, aufstehen, Zähne putzen, anziehen. Leichte Kleidung war gesagt worden, uns würde warm.

 

6:30 Uhr finden sich alle im Aufenthaltsraum zu dynamischen Meditation ein.

 

Der Therapeut erklärt, um was es sich dabei handelt:

 

    Schnaufen (10 Minuten): Atme schnell durch die Nase ein und aus und konzentriere dich auf verstärktes stoß weises Ausatmen. Der Atem soll bis tief in die Lunge gehen. Atme so schnell du kannst, aber achte darauf, dass die Atmung tief bleibt. Atme so intensiv wie möglich und chaotisch, und achte darauf, dass dein Körper, Schultern und Nacken dabei entspannt bleiben.

    Katharsis(10 Minuten): Jetzt lass alles los! Explodiere! Sei total verrückt: schreie, weine, lache, spring, tritt zu, schleudere dich umher. Halte nichts zurück, halte den ganzen Körper ständig in Bewegung. Manchmal hilft ein bisschen schauspielern, um reinzukommen. Nutze die Energie der andern.

    Hüpfen (10 Minuten): Halte Schultern und Nacken entspannt, hebe die Arme so hoch du kannst, ohne die Ellbogen ganz zu strecken. Springe mit erhobenen Armen hoch und nieder. Rufe bei jeder Landung laut "Hu", "Hu", "Hu" tief aus dem Bauch heraus. Lande mit flachem Fuß, Ferse auf dem Boden.

    Stopp (15 Minuten): Halte wie eingefroren in der Position, in der du gerade bist, inne. Jedes Husten, jede auch noch so kleine Bewegung zerstreut den Energiefluss, und die ganze Mühe war umsonst. Beobachte als stiller Zeuge alles, was mit dir geschieht. Das ist die eigentliche Meditation.

    Tanzen (15 Minuten): Feiere! Drücke im Tanz das aus, was da ist. Tanze deine Lebendigkeit – und nimm sie in den ganzen Tag hinein.

     

So ganz loslassen kann ich noch nicht. Trotzdem komme ich ganz schön ins schwitzen.


 

Schnell duschen und umziehen und dann in die Küche, ich bin zum Frühstücksdienst eingeteilt, koche den Kaffee, schneide mit den anderen 3 vom Küchendienst Obst, mache den Frischkornbrei fertig. Wir decken den Tisch und einer geht den Therapeuten Bescheid sagen.

Nach dem Frühstück ist Aufräumdienst und Spüldienst dran.


 

Wieder sind wir alle im Aufenthaltsraum.

Die Matten sind ausgelegt. Laken darüber gelegt. Bonden ist angesagt. Ich kann mir auch darunter überhaupt nichts vorstellen. Ich werde von eine Gruppenteilnehmerin angesprochen, ob ich mir ihr bonden mag. Sie ist klein und zierlich, hat höchsten 50 kg. Ich frage sie, ob ich ihr nicht zu schwer werden würde. Nein, meint sie und so sage ich ja. Der Chefarzt erklärt uns, was bonden ist, auch die verschiedenen Formen, klassisches bonden ist die Stellung, in der man aufeinanderliegt, der obenliegende ist der „Teddybär“, er sagt nichts und macht nichts, hält nur fest. Das ist das, was wir heute machen werden.

Ich bin nervös. Was soll dabei herauskommen? Was soll das bringen? Ich hatte schon von anderen in der Klinik gehört, dass man damit an seine Gefühle kommt. Das Erinnerungen hochkommen, weit aus der Kindheit. Eine Patientin, die mittlerweile abgereist war, hatte mir erzählt, sie habe ihre eigene Geburt erlebt.


 

Ich bin skeptisch. Kann mir nicht vorstellen, dass es etwas bewirkt, wenn jemand reglos auf mir liegt. Meine Bondingpartnerin fragt mich, wer fängt an? Wir einigen uns darauf, dass ich anfange, sie also mein Teddybär ist. Ich liege auf dem Rücken, halte meine Bondingpartnerin wie einen Teddybär im Arm. Die Augen sind geschlossen, ich atme tief durch. Im Raum hört man ein Keuchen, dann einen Schrei, ein Therapeut eilt zu der Schreienden, spricht mit ihr, fragt sie, was sie erlebt, ich höre die Antwort nicht. Andere fangen jetzt auch an zu schreien. Irgendwie komme ich mir vor wie in einem Kreißsaal. Die Atmosphäre hat etwas von einer Geburt. Ich spüre nichts, außer das meine Bondingpartnerin irre schwer ist, was eigentlich gar nicht sein kann. Ich empfinde sie als unerträgliche Last, sie nimmt mir die Luft, ich wehre mich gegen das Gewicht. Ein Therapeut fragt, was ist? Ich antworte, „das Gewicht ertrag ich nicht“, ich kriege keine Luft, mein Bauch schmerzt, meine ganze linke Seite schmerzt, mein Rücken bricht durch.


 

„Atme tief und versuche dem Atem einen Ton zu geben.“ Ich kann es nicht, ich schluchze, doch ich kann nicht weinen. „Lass es los, lass es raus“. Ich kann nicht, ich darf nicht, stöhne ich unter dieser Last. „Warum darfst du nicht? Wer verbietet es dir zu weinen? Meine Mutter, wenn ich geweint habe, bekam ich Prügel, damit ich Grund hatte zum weinen. Deswegen weine ich schon lange nicht mehr“. Ich wehre mich gegen das Gewicht meiner Partnerin, doch sie lässt mich nicht los, ich rufe, ich kriege keine Luft. Irgendwann ist es vorbei. Ich bin schweißgebadet. Jetzt das ganze anders rum.

Meine Bondingpartnerin spürt mein Gewicht überhaupt nicht. Sie schläft sogar ein. Na toll.


 

2 Stunden sind herum. Wir sollen noch ausruhen, nachwirken lassen, liegen auf den Matten. Man sieht, wie fertig alle von dem Erlebten sind. Ich frage mich innerlich, was war das, wie kann jemand der nur 1,60 groß ist und grade mal 50 kg wiegt, bei mir ein solches Gefühl der Last und der Schwere ausgelöst haben und ich mit meinen 1,72 cm und etwas mehr als 80 kg, werde von ihr überhaupt nicht als schwer empfunden.


 

Danach ist Matten wegräumen, Mittagessen machen und Mittagessen angesagt. Ich bin erschöpft und da ich keinen Dienst habe, hole ich mir eine Decke und lege mich auf den Mattenstapel zum ausruhen.

Nach dem Mittagessen geht es weiter. Befindlichkeitsrunde und das Erlebte besprechen.


 

Zwischenzeitlich sind der Oberarzt der Klinik und eine weitere Therapeutin eingetroffen.

Ich komme an die Reihe. Ich erzähle was ich erlebt habe, dass ich es jedoch nicht verstehen kann. Die Therapeutin meint, das sei wohl die Last, die ich schon Zeit meines Lebens trage und der Schmerz über Erlebtes, der noch tief begraben sei, aber an die Oberfläche wolle. Sie fordert mich auf, aufzustehen, ich soll atmen, soll spüren wo der Schmerz ist. Er ist in meinem Bauch, sage ich.

Spüre hin, spüre tiefer und atme. Gibt dem Atem einen Ton. Ich fange mit einem leisen Aaahh an. „lauter“. „Spür hin“. Ich werde lauter. „noch lauter“.


 

Und dann.......


 

dann lasse ich meinen ganzen Schmerz in einem lauten Schrei heraus, schreie und schreie und breche weinend zusammen.


 

Die Therapeutin kommt auf mich zu, nimmt mich in den Arm, tröstet mich. Endlich beruhige ich mich wieder.


 

Für heute reicht es. Ich fühle mich leichter.


 

Der Tag geht zu Ende, wie der Tag vorher auch. Ich falle müde ins Bett. Der nächste Tag soll beginnen mit meditativem Atmen.


 

6:00 Uhr, wieder klingelt der Wecker, wie gestern auch, Zähneputzen, schnell anziehen und 6:30 Uhr im Aufenthaltsraum. Wieder liegen wir auf Matten. „lasst den Atem fließen“. „Gedanken und Bilder die kommen, schaut sie euch an, schiebt sie weiter.“

Die Gedanken purzeln durch meinen Kopf, ein einziges Wirrwarr, doch dann werde ich ruhiger. Erinnerungen kommen und gehen. Viele Erinnerungen, viele traurige Erinnerungen, Tränen fließen, ich lasse es zu. Atme weiter. Dann ist es zu Ende.


 

Frühstück, aufräumen und wieder treffen im Aufenthaltsraum. Wieder bonden. Diesmal mit einer anderen Partnerin. Wieder empfinde ich die Schwere, die Atemnot, wehre mich dagegen. Wieder kommt der Therapeut zu mir. „Gib deinem Atem einen Ton“. Diesmal klappt es. Ich schreie, schreie, ich kriege keine Luft, schreie, mir ist das zu schwer, schreie, schreie um Hilfe, schreie in Todesnot, die ich grade erlebe. Die das Kind in mir erlebt. Weine, schluchze, schreie mich heiser.


 

Später in der Befindlichkeitsrunde kann ich das erste Mal über dieses Kindheitserlebnis erzählen. Das, was ich schon so lange verdrängt hatte. Das ich nach Hause kam und ich mal wieder in den Augen meiner Mutter alles falsch gemacht hatte. Nicht richtig geputzt, nicht vernünftig gekocht, ich war 12 Jahre alt. Durfte mir anhören, wie dumm ich sei, zu nichts zu gebrauchen. Dass ich Schuld sei, dass es ihr so schlecht geht, ich habe ihr Leben zerstört als ich auf die Welt kam. Und sie schlägt auf mich ein, wie wild bis ich schreie, ich will nicht mehr leben, nicht mehr bei dir, nicht mehr so und sie ein Messer holt und auf mich losgeht und dabei schreit, da kann ich dir helfen. Das Messer traf das Brustbein, sonst würde ich wahrscheinlich nicht mehr leben. Zwei Narben erinnern daran.

Mir laufen ohne Unterlass die Tränen über das Gesicht, als ich das erzähle. Ich sehe die Betroffenheit in den Gesichter der anderen. Neben mir sitzt jemand und nimmt mich in den Arm. Ein anderer reicht mir die Box mit den Taschentüchern. Auch diesmal bin ich total erschöpft.


 

Der nächste Tag ist der Abreisetag. Aufstehen, Frühstück, Aufräumen, Sachen packen und los geht’s nach Oberstaufen zum Bahnhof. Runter geht es um einiges leichter.


 

In der Klinik angekommen, gehe ich auf mein Zimmer. Ruhe mich eine Weile aus und mache mich dann auf den Weg zum Speisesaal, es ist Zeit zum Mittagessen. Mitpatienten, die mir begegnen, fragen mich, wie es wahr, sagen, dass ich so viel gelöster aussehe. Gesicht und der Blick weicher geworden sind.

Es mag sein, dass es so ist, doch ich weiß auch, ich bin noch lange nicht am Ziel, vor mir liegt noch viel Arbeit und mit Sicherheit wird die nicht leicht sein. Doch ich habe den Mut weiter zu machen.

 

 

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Text: Nika Nachtwind