Fertig. Ich sitz auf der Bettkante, bück mich nach meinen Strümpfen. Als ich mich aufrichte, ist er neben mich gerutscht. Was guckt er mich so von der Seite an? Sieht aus wie ein Frettchen. Und wie nass er spricht.
“Zweifuffzig”, spuckt mir sein fieser kleiner Mund entgegen.
“Drei Mark hatten wir aber ausgemacht!”
Ich roll die Seidenen hoch. Sie sind voller Löcher und Laufmaschen, es ist Dezember, ich muss neue Strümpfe ... Kohlen hab ich auch keine mehr.
Er springt aus dem Bett. “Ich lass mich doch nicht neppen!”, ereifert er sich und setzt seinen Kneifer auf. “Mit mir nicht, nicht mit mir, Frolleinchen!”
So steht er vor mir, in Socken, den Kneifer auf der Nase, mit erhobenem Zeigefinger.
“Neppen?!” Ich gerate außer mich. Ich will doch nur drei Mark! Eine Wut kriecht in mir hoch. “Einer hat mal vierzig gezahlt!”
Dieser verdammte Rannowsky ... wenn man ihn braucht, ist er nicht da. Und ich bin selbst daran schuld. Ich hab ihn angezeigt. Wegen mir ist er im Knast, weil er mein Gesicht zerschlagen hat und nun hab ich keinen Schutz.
Das Frettchen grapscht nach seiner Unterhose, die auf dem Fußboden liegt. Zwischen den Schenkeln baumeln seine lang gezogenen, behaarten Dinger. Er dreht sich zu mir um.
“Schau dich doch mal an, du ... du ... was hast du da im Gesicht unter dem Leukoplast? Bist du krank? Zweifuffzig und keinen Pfennig mehr!”
Ich möchte ihn schlagen, aber ich bin wie gelähmt und mir wird schlecht. Dann klaut er noch das Feuerzeug und lässt mir seines hier. Das ist kaputt und ich muss die Zigarette an der Flamme vom Gasherd anzünden. Meine Haare brennen! Ein Glück, nur ein paar sind angesengt, was für ein Glück! Den Ansatz müsste ich mal wieder bleichen. Meine Hände zittern, ich geh besser schlafen, mir reicht`s für heute.

“Sorge für die mir geliebten Tiere, Weib, anderenfalls krache ich dir die Rippen im Leib kaputt, wenn ich rauskomme”, hat er aus dem Knast geschrieben. Seine Goldfische, besonders der Lolo, sein Liebling ...
Warum ich? Warum nicht eine von den anderen drei Pferdchen, wie er uns nennt, wenn er mal gut gelaunt ist, aber das ist schon lange her. Immer mehr Arbeitslose auch unter den besser Gestellten, keiner hat Geld dafür übrig oder sie drücken die Preise und wir müssen es ausbaden. Dabei weiß er, dass ich ihm wirklich alles abliefere. Ich bin die Einzige, der er da vertraut, hat er einmal gesagt. Ich war so stolz. Und dann hat er mir fünf Mark extra in die Hand gedrückt. Er kann auch nett sein, der Rannowsky. Vielleicht habe ich ihn zu sehr gereizt, als ich mich gewehrt hab gegen seine Vorwürfe, ich würde ihn jetzt auch noch betrügen. So wenig hätte ich doch früher nie verdient. Wüsste er, was ich jetzt einnehme, seitdem ich so aussehe, dann ... Aber ist das meine Schuld? Er kann auch nett sein! Wie dusselig bin ich eigentlich? “So dick wie dusselig”, hat er oft genug zu mir gesagt.

Die Wunde unter dem Leukoplast juckt wenigstens nicht mehr. Furchtbar war das, wie soll man sich auf die Arbeit konzentrieren, wenn man sich dabei heimlich kratzen muss? Und arbeiten muss ich ja. Für das verdammte Fischfutter und dem Rannowsky seine Miete. Lieber an was anderes denken, vielleicht an das Fräulein Doris?
Ich hab sie lange nicht gesehen, aber vor ein paar Wochen ist sie wieder zurück zu den Scherers. Die landet ebenfalls in der Gosse. Wovon lebt die nur? Na, wovon wohl. Arbeit hat sie keine. Im Treppenhaus kam sie mir entgegen, ich sie nach Geld für Fischfutter ... Das war so erniedrigend, auch wenn sie freundlich tat. Übertrieben freundlich, finde ich, als hätte sie Angst vor mir. Und so ein bisschen von oben herab. Schließlich ist sie doch noch mit hochgegangen, um sich den Lolo anzusehen. Eigentlich hat sie ein gutes Herz. In Rannowskys Wohnung bekam ich wieder das Zittern, dass ich etwas falsch gemacht habe.
“Der ist nur fett und faul”, hat sie mich beruhigt. “Vielleicht kippen Sie zu viel Futter hinein, Fräulein Hulla”, womit sie den Lolo meinte.

Wenn ich bloß schlafen könnte! Es wird hell, ich wälze mich sowieso nur herum, ich geh jetzt zum Arzt.

Er löst mir das Pflaster ab. Was sieht jetzt schlimmer aus? Das wuchernde Fleisch kann weggeschnitten werden, sagt er, aber die Narbe bleibt. Wie verzogen mein Mund dadurch ist, ich kann gar nicht richtig sprechen! Dreckskerl von Rannowsky! Ich krieg so einen Hass!

Ich weiß nicht wie, da steh ich in dem seiner Wohnung und starre ins Goldfischglas. Ich fische den Lolo mit der Suppenkelle raus. Leg ihn auf den Fußboden. Unter ihm Zeitungspapier. Er zappelt und windet sich, sein Maul klappt auf und zu, er glotzt mich an, während das Papier die letzten Tropfen Wasser aufsaugt.
“Schau her, Rannowsky”, sag ich, “das mach ich mit deinem Lololiebling!”
Der Lolo zuckt noch ein bisschen und ist plötzlich ganz ruhig. Ich stupse ihn in die Seite, fängt er doch wieder an zu zucken.
“Verreck endlich, du Dreckfisch”, sage ich, nehme ihn am Schwanz hoch und stehe auf.
Ich sollte ihn lieber ins Glas zurück ..., denk ich gerade, da glitscht er aus meinen Fingern, platscht auf die Erde, rührt sich nicht mehr. Ich poltere die Treppen runter, haue an die Tür von den Scherers und schrei nach Fräulein Doris.
“Der Lolo ist tot!”
Einen Augenblick später knien wir vor ihm.
“Tu ihn ins Wasser, mach ihn lebendig!”, flehe ich sie an.
Sie klaubt ihn auf, jetzt schwimmt er wieder, nur umgekehrt, mit dem Bauch nach oben.
“Ich hab das nicht gewollt!”, schrei ich vor Angst, denn bald wird der Rannowsky entlassen und ich hab so lange ordentlich für seine Fische gesorgt und jetzt das!
Da fängt auch Fräulein Doris an zu heulen. Ich zittere am ganzen Leib, erzähle ihr von heute Nacht, dem Frettchen, vom Arzt und wie ich den Rannowsky hasse. Dann liegen wir uns in den Armen und heulen gemeinsam.
“Der arme Lolo”, schluchzt Fräulein Doris. Dabei hat der es doch hinter sich. Die Angst schüttelt mich, ich brech in die Knie, was hab ich bloß getan!
“Heilige Mutter Gottes, hilf mir, wo soll ich nur hin!”
“Hulla, ich hol dir einen Kognac!”, sagt Fräulein Doris.
Die Stille wird unerträglich, was macht sie denn bloß so lange? Da, ich hör was, sie kommt ... nein, diesen Schritt kenn ich! Lauf, sagt etwas in mir. Meine Haare sind wie elektrisch.
Rannowsky steht in der Tür.
Ich klettere aufs Fensterbrett. Spring zum Fenster hinaus.

Es ist viel besser hier. Keine Rannowskys, keine Frettchen. Ich arbeite nur für mich selbst, die Freier darf ich mir aussuchen. Sie zahlen dreißig Mark, manche auch vierzig. Sobald ich genug zusammengespart habe, kauf ich mir ein Häuschen im Grünen. Vielleicht finde ich dort sogar einen netten Ehemann. “Hulla, wunderschöne Hulla”, haucht er mir ins Ohr, “dass ich dich gefunden habe.” Dabei bin ich immer noch so dick und die Narbe seitlich am Mund legt zwei Zähne frei. Doch hier ist das nicht wichtig, ich werde geliebt wie ich bin. Alles ist und wird so, wie ich es mir in meinen Träumen ausgemalt habe, damals, als ich noch am Anfang stand. Dorthin zu kommen, wäre der Himmel auf Erden, hatte ich mir vorgestellt. Und jetzt hab ich den genau so bekommen. Das darf ja wohl nicht wahr sein, habe ich zuerst gelacht.
Aber nun entscheide ich mich gegen meinen Himmel für einen besseren. Doris, du hast mir den Himmel gewünscht, in dem das Gute in meinen Augen Verwendung findet.
Viel Schlimmes erwartet dich, kleine Doris, und ein Glanz, wie du`s dir erhoffst, wirst du schon gar nicht. Ich nehme also an, du brauchst mich. Du liegst auf einer Bank im Tiergarten, die Beine eng an den Leib gezogen. Die Nacht ist sternenklar, es ist Weihnachten. Der Pelzmantel schützt dich nicht auf Dauer, die Kälte kriecht unter ihn und dein dünnes Kleid. Du bist in Gefahr zu erfrieren. Sieh mal, du hast mir noch Flügel gewünscht ohne Leukoplast. Sie sind stark und daunenweich und werden dich, jedes Mal sobald du einnickst, wärmen. Ich trage ein langes Hemd aus echter Bembergseide, wie findest du das? Es spannt ein wenig an den Hüften. Auch wenn ich immer noch wie Hulla, die Hure aussehe, jetzt bin ich ein Glanz.