... Das kann ja gar nicht sein, kurz vor der Vollendung des sechzigsten Lebensjahres ... ich spürte förmlich, wie es im Kopf meines Mannes arbeitete. Mit meinen erlösenden Worten:
"Ich erzähle dir alles heute Abend", konnte ich ihn zurück in die Gegenwart holen.

Was war geschehen? Am Nachmittag läutete die Tochter meiner Hausnachbarn an der Tür und fragte mich, ob ich immer noch als Tagesmutter arbeiten wolle oder vielleicht auch bereit wäre, stundenweise ein Kind zu betreuen.
Sie arbeitet in einem Kindergarten, und erzählte mir von der kleinen Jana. Sie sei drei Jahre alt, ein fröhliches und liebenswertes kleines Mädchen. Die Mutter des Kindes sei schon längere Zeit an Krebs erkrankt gewesen und hatte in der vergangenen Woche den Kampf verloren. Zurück ließ sie ihren geliebten Ehemann, der im Alter meines ältesten Sohnes sei, und die kleine Jana.

Großeltern und Verwandte gab es nicht im näheren Umfeld. Die Dorfpflegerin, die die Familie während der Krankheit der Frau versorgte, durfte auf Grund der Gesetzeslage die Betreuung nicht weiterführen.
Mein erster Gedanke war eine spontane Zusage. "Ja, natürlich, das ist doch keine Frage ..."

Dann stand er vor mir: Ein gutaussehender Mittdreißiger, mit hängenden Armen und großen traurigen Augen. Ja, die Augen... Sie rührte mich an, diese Traurigkeit in seinem Blick...
Stockend erzählte er mir von seinem schweren Schicksalsschlag. "Gestern war die Urnenbeisetzung ...", sagte er leise und unterdrückte ein Schluchzen. "Ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Das Jugendamt will die Kleine vorübergehend in eine Pflegefamilie geben, weil noch niemand gefunden wurde, der sich in unserem Zuhause aufhält, den Haushalt führt und das Kind betreut. Obwohl ich zu Hause arbeite und mich um Jana kümmern kann", er unterdrückte die Tränen, dann hauchte er "... Sie schläft jetzt immer mit in meinem Bett... Was soll ich ihr sagen, wenn sie nach ihrer Mutter fragt? ... Gestern sagte sie, wenn sie von einem Auto überfahren würde, könnte sie bei ihrer Mama sein! ... Ich habe so große Angst... Ich bin so leer."

Da stand ich nun, mein Herz schmerzte vor Mitgefühl, aber ich fand keine Worte. Vorsichtig umarmte ich ihn und sagte:
"Wir finden eine Lösung. Es wird alles gut."
Erschrocken lauschte ich meinen Worten nach. Wie kam ich dazu, solch ein Versprechen abzugeben ...?

Nach einem langen Gespräch vereinbarten wir, dass die kleine Jana nächste Woche nach dem Kindergarten zu mir kommt. Es ist ein kleiner Schritt vom Heute in das Morgen. Wir werden sehen ...!

Als der Vater gegangen war, stand ich noch lange reglos da.
Trotz des traurigen Anlasses überkam mich eine große Ruhe und ein großes Glücksgefühl. Vorsichtig strich ich über das Foto, auf dem mir die kleine Jana entgegen lachte:
"Nächste Woche werde ich ein Kind haben...!"