"Früh am Morgen bellte der Hund. Anscheinend stimmte etwas nicht. Ich schaute zum Fenster hinaus. Zwei Kinder aus dem Flüchtlingsheim saßen in meinem Vorgarten, mitten in meinem Blumenbeet. Sie waren in meinen privaten Bereich eingedrungen. Ich war außer mir vor Empörung. Doch gleichzeitig erschrak ich über meine eigene, heftige Reaktion. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, allen Mitmenschen mit Achtung zu begegnen, ohne Unterschiede zu machen, welche Hautfarbe oder Religion sie hatten.
Seit einigen Wochen gab es ein Wohnheim für Flüchtlinge in unserer Straße. Die meisten Anwohner waren darüber verärgert, weil sie meinten, die Wohnqualität habe sich verschlechtert. Manchmal machten einige Nachbarn auch fremdenfeindliche Äußerungen. Oft hatte ich das Verhalten der Nachbarn verurteilt, wenn sie schlecht über die Ausländer redeten. Ich hatte mir eingebildet, daß mir so etwas nie passieren könnte.
Der Schock war heilsam. Ich verstand, dass der Vorsatz, jeden Menschen annehmen zu wollen, eine tägliche Herausforderung blieb. Ich ging in den Garten, fragte die beiden Kinder nach ihrem Namen und bot ihnen eine Limo an. Sichtlich erfreut willigten sie ein. Wir setzten uns nebeneinander auf die Gartenmauer. Seitdem sind wir Freunde geworden. Ab und zu kommen sie zum Limotrinken vorbei..." (M.T.)
