..Genau genommen gehört sie allenfalls in eine Materialsammlung oder in einen Karteikasten mit Gedanken, die sich irgendwann vielleicht mal nutzen lassen - literarisch.
Dennoch gibt es in dieser meiner Box oft solche kurzen Texte, die für sich genommen, eigenen Wert haben. Eines dieser Fragmente werde ich jetzt in die Öffentlichkeit entlassen.

Mit 14 Jahren war ich schon sehr vielseitig interessiert und ein politisch denkender Mensch. So engagierte ich mich unter anderem in einem Stadtteilladen und redaktionell in deren Zeitung. Im Frühjahr 1977 änderte sich vieles in meinem Leben, da ich meine erste wirkliche Liebe und Freundin kennen lernte. Lissa. Aus gutem katholischen Haus, aber sie hatte es faustdick hinter den Ohren. Lissa war zwei Jahre älter als ich.

Sie wohnte in einem Siedlungshaus im Aachener Süden. Eine lang gezogene Sackgasse mit Reihenhäusern, die nur über Stichwege zu Fuß erreichbar waren. Das Haus, wo sie mit ihrem älteren Bruder Johannes und ihren Eltern wohnte, war das erste in der Reihe. Betrat man den Fußweg zum Eingang, vorne am Haus, passierte man linker Hand einen Jägerzaun, der das Ende des Grundstücks des ersten Hauses in der nächsten Reihe bildete. Eigentlich war ich erst mit Johannes befreundet.
Immer wenn ich den Fußweg betrat, schlugen auf der linken Seite 3 große und scharfe Schäferhunde an, bellten, knurrten und fletschten die Zähne. Stets waren am Haus die Rollläden heruntergezogen. Bewohner sah ich in der ersten Zeit nie, nur die Hunde.

Zentrum dieser Siedlung war die Kirche mit Kirchplatz, großer Linde und dem Jugendheim. Dort war ich fortan sehr oft. Zwischen Lissa, Johannes und mir spielten in Diskussionen die Nachbarn, denen die Hunde gehörten nur sehr selten eine Rolle, aber im Laufe von Monaten sah ich doch ab und an jemanden auf dem Grundstück, der mit den Hunden spielte.
Dort wohnte tatsächlich eine Familie. Die Eltern arbeitslos und dem Alkohol verfallen. Drei Söhne 23, 16 und 9 Jahre alt, wohnten dort ebenfalls und es gab wohl auch eine Tochter, die sich prostituierte. Der älteste Sohn war Josef, auch ohne Arbeit, der ab und an auch mal um das Jugendheim herumlungerte und der mich dann ansprach, weil er mich oft am Zaun entlang laufen sah. Er war sehr schüchtern und stellte Fragen, die eher an ein Kind erinnerten, als an einen Erwachsenen. Man merkte, dass er es nicht gewohnt war, dass ihm jemand zuhörte oder man ihn überhaupt länger als 5 Minuten in seiner Nähe duldete.

Ich schickte ihn nie weg, aber er war sehr rastlos und nervös, sodass ich nur selten mit ihm sprach. Aber ein Satz, eine Antwort von ihm ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Auf die Frage, ob er schon einmal weg war aus dem Viertel oder aus Aachen sagte er: "Ja. Mit 8 Jahren war ich mal in Erholung. Das war sehr schön. Jede Woche wurden die Betten neu bezogen, es gab Tischdecken und jeden morgen warmen Kakao. Da würde ich gern noch mal hinfahren." Mich hat selten eine Antwort so gerührt. Ab diesem Moment war mir bewusst, dass ich nie einen Menschen ausgrenzen werde.

>>> ENDE <<<

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