Rita starrte aus dem Fenster. Draußen war es schwül,
im Zimmer stickig. Rita holte tief Luft,
aber es nützte nichts. Es wurde kein bissen kühler.
Im Nebenzimmer sprachen eine weibliche Stimme drängend auf jemanden ein. Die Stimme gehörte Ritas Mutter. Eine zweite Stimme antwortete: Michaels Stimme. Es ging um eine Englischarbeit. Die Stimme wurde lauter. Es klatschte, Rita zuckte zusammen. Michael schrie auf, Türen knallten, Mutter brüllte, Michael kreischte zurück, dann war er auf der Straße.
Rita stand auf, kramte in ihrer Kommode herum und zog sich dann eine Mütze über die Ohren. Sie wollte das alles nicht mehr hören Seit Papa weg war, war alles so schrecklich.
Mutter schrie, Michael brüllte, Rita heulte. Oder Mutter brüllte Michael heulte, Rita schrie. Oder Mutter heulte.....
Quer über einen weißen Zeichenkarton schrieb Rita mir rotem Stift:Ich habe das recht aufeine glückliche Kindheit.
Wie lange Kindheit wohl dauert? Rita befürchtete, das sie vielleicht mit 12enden würde. Also in zwei Wochen.
Sie zog die Schublade auf und fischte nach einem Paket Briefe. Die Briefe wurden durch ein Gummiband zusammengehalten. Sorgfältig rollte Rita das Gummiband
herunter, setzte sich aufs Bett und begann, in den Briefen zu
lesen. Nun sah sie nicht mehr ganz so düster aus, ab und zu begann sie zu lächeln, und an einer Stelle lachte sie sogar laut auf, um sich im nächsten Momenterschrocken die
Hand vor den Mund zu halten und ängstlich zur Tür zu blicken. Alles blieb ruhig. Wahrscheinlich lag Mutter nebenan auf dem Sofa und heulte.
Rita fußte, das ihre Mutter sehr unglücklich war.
Rita entschloss sich, weiterzulegen. Sie las jetzt laut,
aber leise genug, um bei Mutter keinen Verdacht zu erregen.
Manschmal, wen Rita zu sich selbst sprach, stürzte dir Mutter ins Zimmer, um nachzusehen, ob sich nicht jemand
eingeschlichen hatte.
,,Mein Liebling",murmelte Rita, "du bist das schönste Mädchen, das ich kenne. Mein leben wäre sinnlos und leer ohne dich. Aber seit ich dich habe...."Rita hielt inne, weil sie die Schrift nur schwer endziffern konnte,
obwohl sie sie doch seit so vielen Jahren kannte, ,,ist mir alles andere egal. Weder Zank noch Streit berühren mich jetzt
noch, wo ich weiß, ich habe dich!Eines Tages werden wir zusammen weit weggehen, vielleicht nach Japan oder sogar nach Alaska, und wir werden uns nie mehr trennen. Ich sende dir einen dicken Kuss und umarme dich und habe dich ganz,
ganz lieb...."
einen Tag später sagte die Mutter:"Für dich", und legte einen Brief vor Rita hin. Sie blieb neugierig hinter ihrer Tochter stehen, sie fragte nicht, rührte sich aber auch nicht von der Stelle."So viele Briefe möchte ich auch einmal bekommen",sagte die Mutter und tat immer noch keinen Schritt.
"Willst du ihn nicht aufmachen?" fragte sie.
"Doch"sagte Rita."wenn du draußen bist.-Briefe sind Geheimsache."
"Du hast doch nicht schon etwa einen Freund!" sagte Mutter und hatte wieder diesen "meine Tochter hat ja kein Vertrauen zu mir"-Blick.
Rita wurde rot und drehte sich weg."Doch";sagte sie.
"Doch. Der Brief ist von meinen Freund.
Von einem, der mich wirklich liebt. Viel mehr als du."
Ritas Mutter ließ sich langsam in den Sessel sinken. Sie starrte ihre Strümpfe an. Einer hatte eine Laufmasche.
"Du bist doch erst 12",sagte sie. Es klang so, als wäre die Welt kurz vorm Untergehen.
Rita öffnete den Umschlag, die Mutter würde ja doch nicht gehen."Ich lies ihn dir vor", sagte Rita.
"Meine Geliebte", las sie vor und warf einen prüfenden
Blick auf die Mutter."Keine Stunde vergeht, ohne das ich dein liebliches Abbild vor meinen Auge sehe. Ich sehne mich nach dir. Ich habe schon ein Haus in Alaska für uns beiden gekauft für uns beide ganz allein, da haben keine Mütter und keine Brüder Platz drin. In dem Haus wird nie geschrien,
und in dem Haus wird auch nie geweint.
Wir werden uns immer nur streicheln und uns liebhaben...."
Rita stockte. Ihre Mutter liefen Tränen übers Gesicht,
während sie den Briefumschlag anstarrte, der auf dem Tisch lag. Ritas Mutter nahm den Umschlag vom Tisch, sie weinte noch immer. Sie las die Adresse wieder und wieder.
"Die Handschrift kommt mir bekannt vor" sagte sie.
Rita Schloss die Augen."Mammi!" sagte sie. "Mammi!" Und sie begann zu weinen wie ein kleines Kind und hörte erst auf,
als sie die Hand ihrer Mutter auf dem Haar spürte.