Jetzt ist gerade die unruhige alte Dame mit dem getupften Kleid dran, und dann ist die Reihe an mir. Auch ich würde am liebsten, wie sie es getan hatte, auf und ab gehen und die Sprechstundenhilfe nach der Uhrzeit fragen in der Hoffnung, dass die Zeit so schneller verstreicht. Stattdessen sitze ich, ziemlich ruhig und unauffällig schon seit zwei Stunden auf dem harten Holzhocker.

    In mir ziehen die letzten Wochen und Monate vorbei. Die unerwartete und schwere Nierenoperation hatte mich ziemlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Noch nie hatte ich mich so hilflos und abhängig vom Können anderer gefühlt. Plötzlich erlebte ich, was ich theoretisch schon immer wußte: Ich habe nur ein Leben und will es gut nutzen.

    Die Zeit der Rekonvaleszenz war nicht nur ein körperliches, sondern auch ein seelisches Aufbautraining. Der Nächste wurde mir eine Brücke zu Gott, weil er mir half, mich nicht nur auf meine eigenen Wehwehchen und Sorgen zu konzentrieren, sondern auch für die anderen zu leben: Die Ärzte geduldig anhören, die Anweisungen der Schwestern gut befolgen, der Bettnachbarin meinen Walkman mit ihrer Lieblingsmusik leihen. Ich spüre eine neue Freude in mir...

    Bald 'normalisierte' sich alles wieder. Ich ging an meinen Arbeitsplatz zurück: Ab und zu erinnerte ich mich an eine heilsame Grenzerfahrung, aber der Alltag überrollte mich. Dann der Umzug, Routinekontrolluntersuchung bei einem anderen Arzt und die Befürchtung wird Gewißheit, dass ein neuer Eingriff unumgänglich ist: Labor-untersuchungen, weitere Konsultationen.  

    Die alte Dame kommt zurück; ich helfe ihr in den Mantel. Mein Name wird aufgerufen. "Nehmen Sie bitte Platz, der Arzt kommt gleich." Ich bin wieder allein und nütze die letzten Augenblicke, um ein kleines Gebet nach oben zu schicken...

    Und ich werde ruhig. In fünf Minuten ist alles geregelt, ein herzlicher Händedruck, und ich stehe wieder vor der Tür. Ich kann es noch nicht glauben, die letzten Befunde waren außerordentlich positiv. Von Operation keine Rede. 

    Draußen auf der Straße treffe ich die alte Dame wieder. Sie hatte noch auf ein Rezept gewartet und nun ihren Bus verpaßt. Ich hätte sie am liebsten umarmen können - stattdessen fuhr ich mit dem Auto nach Hause.