Er sass mir wortberaubt gegenüber. Dieses Schweigen befreite den Blick, die Hände, das Gesicht und die Haltung des Körpers von der Stille und machte sie zur tösenden Botschaft. Seine Hände spielten in kindlicher Selbstvergessenheit mit dem leeren Blatt Papier,
ziellos und doch entstanden Papiervögel, Papierflieger, Papierblumen und Papiersterne.
Jedesmal endete das planlose Entstehen in geduldigem Auseinanderfalten und behutsamen Glätten des entschwundenen Schaffens und sein Lächeln setzte den Punkt hinter die Phasen des Werdens und der Erneuerung. Der Kopf neigte sich einen Augenblick zur Seite, ward das Alpha, das Lächeln erschien und war Omega, immer wieder ohne scheinbarem Anfang und Ende.
Ich sah zu und in meiner aufkeimendene Ungeduld wurden Sekunden zu Tage und Minuten zu Jahren und mein Zorn über die Ziellosigkeit seines Tun wuchs mit jedem
Vogel. Die Frage nach dem Warum drängender mit jedem Flugzeug und im Moment der Beendigung der ungezählten Blume, die als Letzte eine Sommerwiese gefüllt
hatte, beendete meine abendrötige, zorngeleitete Hand mit schnellem Griff die kleinkindliche Sinnlosigkeit. Das Papierkneuel rollte durch die Weite des Raums und
beendete in einer entfernten Ecke mit einer letzten ruckeligen Bewegung ihren Weg.
In der zähen Aufmüpfigeit, die Teenagern dazu befähigt immer langsamer zu werden, je mehr die Zeit drängt, nahm er eine Illustrierte aus dem hinter ihm hängenden
Board und begann zu lesen, als hätte es meine zornige Reaktion nicht gegeben. In arroganter Ignorranz sprang er von einer Seite zur anderen, las mit desinterrisiertem Gehabe wahllos alles, was die Zufälligkeit des Umblättern vor Augen führte. In stoischer Unfähigkeit las er Artikel in der Mitte beginnend, übertrug aus der vor ihm liegenden
Lösung Wort für Wort in das Kreuzworträtsel, um dann selbstgefällig das vollständig ausgefüllte Rätsel, mittels einem hingebungsvoll gemalten Stern das Prädikat
ausgezeichnet zu verleihen. Ich nahm fassunglos des Selbstbetruges die Zeitschrift und stopfte sie in dem neben meiner Bank stehenden Zeitungsständer und er nahm,
jegliche Notiz verweigernd, die nächste vom Board. Ich nahm weg und er beschaffte sich die Nächste und der Irrsinn beförderte nach und nach alles Lesbare von der
übersichtlichen Ordnung des Boardes in die überquellende Unordnung des Zeitungsständers.
In der panischen Erkenntnis, dass seine Sinnlosigkeit des Handelns mich mit dem Chaos des Papierständers nicht nur zum stillem Beobachter und Mitwisser der Sinnlosigkeit, sondern zum Mittäter an der Ermordung jeglicher Logik machte, rief ich wild gestikuliernden die Bedienung herbei und bestellte mir ein reichliches Essen. Nicht nur, weil ich somit wenigstens meine Mittäterschaft verhinderte und einer sinnhaften Betätigung nachging, sondern auch, um den in meinen Eingeweiden wütenden Hunger zu stillen. Während ich die lebenserhaltende Nahrung mir zuführte, im Stile eines zivilisierten Mitglieds der Gesellschaft, degenerierte mein Tischgegenüber, beraubt seiner unstrukturierten Lesetätikeit, in beängstigender Geschwindigkeit vom Jugendlichen in das Stadium der ersten sexuellen Erfahrungen des Kleinkindes.
Während ich die guten Tischmanier würdigte, erging es sich zuerst in die Peinlichkeit der Ersterforschung der primären Geschlechtsmerkmale, um dann zu meinem Entsetzen die nächste Entwicklungsstoffe zu erklimmen, in dem er mit debilem Lächeln und gleichem Stolz, allen sein neues Wissen mitteilte. Ich quälte mir jeden Bissen durch meinen immer enger werdenden Hals, während er keine Gelegeheit auslies den Beweis zu erbringen, dass sich ein Körper auch ohne jegliches Vorhandensein eines Gehirns bewegen lies. Ich konnte mich der Peinlichkeit auch nicht entziehen, denn so sehr meine Augen auch umher irrten, nirgends war ein freier Stuhl an einem anderen Tisch zu entdecken. Genötigt
durch diese Tatsache und dem Umstand, dass ich das Essen nicht beenden konnte, da der Tag noch lang und kräfteraubend war, blieb mir nur die Qual der Akzeptanz,
dass alle anderen im Raum unsere Zusammengehörigkeit annehmen musste.
Es gab nur einen Ausweg aus dieser Situation und ich begann jegliche zivilisierte Nahrungsaufnahme sein zu lassen und schaufelte die Notwendigkeit der Lebenserhaltung in mich hinein. Jegliches Völlegefühl, Magendrücken und aufkeimende Blähung ignorierend, nahm ich auf, was zum Leben notwendig ist, um mit der gleichzeitigen Schockerkenntnis, er begann jetzt halbstark die Leute anzupöbeln, leerte die Getränke, vorzugsweise die mit alkoholischem Inhalt, begann ich noch größere Mengen in kürzester Zeit in meinen Mund zu stopfen.
In dem Augenblick, als er eine Zigarette lässig im Mundwinkel und den Arm um die Hüfte einer drallen Entwicklungshelferin zur nächsten sexuellen Entwicklungsstufe, mit unsicherem Schritt auf mich zukam, fiel mein Blick zufällig in den links von mir stehenden Spiegel. Da ich, den Mund eklig verschmiert mit hastiger Eile, die Backen unappetitlich gebläht vom Stillen
des Hungers und hervorquellenden Augen, die die würgende Übelkeit der befriedigten Gier schier aus den Höhlen zu drücken schien. Dort die Pein meiner vermeintlichen Begleitung, der mit hemmungsloser Triebhaftigkeit und exzessiven Genuß mich entwürdigte. Das Spiegelbild offenbarte schonungslos, ich war er und er war ich, unterschiedlich im Antrieb ihres Handels, aber identisch in der Folge ihres Tuns. Der Horror der Erkenntnis trieb mich in blinder Flucht hinaus auf die Straße.
Es dreht sich alles vor meinen Augen und Wellen des Schmerzes jagen durch meinen Körper. Durch wallende rote Schleier entziffere ich mühevoll die grelle Schrift über den Eingang:
- My Life - Das etwas andere Restaurant -
Mühevoll drehe ich meinen Kopf und sehe den Bus der mich erfasst hatte.
Es war der Bus auf den ich das ganze Leben gewartet hatte .....
Ich hätte so gerne den Bus genommen.
Sinnlosigkeit - keinen Sinn wollende, aneinandergereihte Ereignisse zu einem Alptraum verkettet. Keine Botschaft wollend, sondern den Leser in bedrohlicher Abfolge zu eigenen Schlüssen zwingen. Der Versuch, einfach Ratlosigkeit mit dem Inhalt der Geschichte zu erzeugen.
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