Der Bahnhof hat etwas faszinierendes für mich. Sooft es meine Zeit erlaubt findet man mich dort. Alle möglichen Leute sind da. Ich versuche mir ein Bild zu machen, welchen Beruf sie wohl ausüben, ob sie verheiratet sind, und vielleicht Kinder haben.





So war es auch an diesem Morgen.





Da stand ein Mann etwas abseits. Er trug einen langen schwarzen Ledermantel. Meine Interesse waren geweckt.


Ständig wühlte er in seinen Taschen. Ah, jetzt hatte er sie gefunden. Eine einzelne Zigarette, leicht verbogen. Mit zittrigen Händen zündete er sie an. Scheu sah er sich um.





Warum war er nur so nervös?








Welch ein Leichtsinn, warum passten die Eltern nicht auf ihre Kinder auf, es war doch sehr gefährlich, nahe der Bordsteinkante.





Gerade als der Zug einfuhr brach ein Tumult aus. Nun hatte ich den ruhelosen Mann verloren.


Die Leute schrien durcheinander. Neugierig trat ich hinzu, was sich meinen Blicken bot, ließ mich erstarren.








Auf den Schienen lag ein kleines Mädchen, zermalmt von den Rädern der Lokomotive.


Man sah sofort, dass jede Hilfe zu spät kam.


Automatisch zückte ich meine Kamera und rief:





"Presse! Wo sind die Eltern, wie ist es passiert, hat wer etwas gesehen?"


Neugierig scharrten sich die Menschen um den Tatort, viele Frauen weinten, eine bekam einen Schreikrampf. Die Männer standen erstarrt , keiner fand ein Wort. Suchend schaute ich über die Köpfe, aber den Ledermantelmann sah ich nicht dabei.





Schnell schnappte ich mir ein junges Mädchen und fragte: "Sie standen doch unmittelbar daneben, ist sie gefallen?"


Sie zitterte am ganzen Körper und konnte nur stumm verneinen.


Kurzerhand zerrte ich sie vom Bahnsteig hinaus in mein Auto. An einem Kiosk hielt ich an, und holte uns zwei Kaffee.


"Zigarette?"


Langsam taute sie auf und stockend erzählte sie. "Da war ein Mann, er hatte sie gestoßen." Und sie beschrieb ihn ganz genau. "Ja ,den sah ich auch. Wir müssen zur Polizei um unsere Aussage zu machen. Sie werden ein Phantombild machen."-


"Bitte nicht die Polizei und schob ihren Pulloverärmel hoch.


Sie werden mir nicht glauben und mich einsperren.





Über das Handy rief ich in der Redaktion an und schilderte kurz den Hergang.





Mein Chef war ganz begeistert über meine Handlungsweise. Als der Bericht auf seinem Schreibtisch lag, rannte ich zur Toilette, und erbrach mich.


"Ihr Kollege kann sie nach Hause fahren, Sie haben Ihre Sache gut gemacht. Man sieht halt was ein echter Profi ist. Über eine Sonderprämie reden wir morgen."


Jetzt rastete ich aus. "Ein Kind ist gestorben und keiner zeigt Mitleid mit den Eltern. Ich musste es fotografieren, musste alle meine Gefühle ausschalten um Ihnen eine gute Story zu bringen. In den Spätausgaben haben Sie als Erster den Exklusivbericht. Die Ausgaben werden in die Höhe schnellen.





Ich hasse meinen Beruf.