Wer kennt es nicht? Mal ehrlich, Hand auf das Herz, wer hat sich noch nicht dem virtuellen Sex hingegeben?
Da treffen zwei erwachsene Menschen im Net aufeinander, sind sich sympathisch, und es dauert vielleicht ein, zwei Chats, oder der Austausch von einigen Mails, und schon geht es zur Sache.
Die schönste Sache der Welt flackert über den Bildschirm … langsam testet man sich gegenseitig ab. Na, wie weit geht die neue und interessante Traumfrau? Wann ist sie bereit, die ersten hüllenfallenden Fotos an ihn zu senden? Gerne an die private Mailadresse …
Auch er ist fleißig. Anstatt ihn angezogen zu sehen, bekommt Traumfrau gleich ein Foto seines besten Stücks. Peinlich, wenn frau der besten Freundin, in der Hoffnung den Adonis nun mal in ganzer Statur zu sehen, das noch nicht geöffnete Foto präsentieren will, und es lacht einem sodann nur der Teil des Adonis entgegen, was das beste Stück in voller Pracht und Größe zeigt … Ja, da weiß doch Traumfrau, was er will und hat … Fragt sich nur, wann dieses Foto gemacht wurde …
Aber auch sie hat sich der Zeit angepasst, Fotos von sich und speziellen Körperteilen machen lassen, denn eine moderne Frau von heute hat so etwas im Repertoire; es ist so selbstverständlich wie diverse Handtaschen und Schuhe …
Es scheint ja ganz normal zu sein. Man checkt sich virtuell ab. Er sitzt da in Filzpantoffeln mit einer Flasche Bier vor dem Bildschirm, während sie mit einem Glas Rotwein und ungekämmten Haaren, die so aussehen, als wären sie gerade in der Steckdose getrocknet, gebannt liest, was er so von sich gibt … Adonis und Traumfrau kommen sich näher … und dies über die intimste Sache der Welt … Heiß geht es her, Phantasien schlagen Purzelbäume, gerne bedient man sich dabei eines Pornos, der gleichzeitig über den Fernseher läuft und schon fühlt sich Adonis als Held. Sie hat sich ja auch informiert und ist nicht minder auf den Mund gefallen, was man so an Phantasien austauschen kann …
Etwas schwieriger wird es, wenn es beide wagen, all diese Phantasien über die Webcam zu leben. Zumindest muss man sodann den Hintergrund des Zimmers aufgeräumt haben und gestylt, wie zu einem Date, erscheinen. Doch was ist einem die Mühe nicht alles wert, um zu beweisen, wie toll man doch ist, wie routiniert … wie erfahren und … entsprechende Hilfsmittel liegen neben dem Bildschirm, für den Fall der Fälle … Oh, wie geil ist das, und dank unserer Technik von heute, ist es doch tatsächlich möglich, sich gegenseitig virtuell zu befriedigen … Nach erfolgreichem Ergebnis, was zumindest er mit verknüllten Taschentüchern anschließend präsentiert, verabschiedet man sich gefühlvoll voneinander, denn man muss ja noch duschen, oder aber die/der Nächste hängt schon in der Warteschleife der Messenger …
Aber auch das ist ja in unserer modernen Welt normal … denn man muss sich ja immer und immer wieder bestätigt wissen, wie gut man auch noch in die gekommenen Jahren ist … Ist man mit ihm/ihr zufrieden, könnte sich da wirklich auch real ein richtig geiler Abend entwickeln, geht man über zum Telefonsex. Auch hier ist man äußerst routiniert, man hat sich ja mit diversen Büchern und Apps über dirty talk bereits bestens bewaffnet, um auch hier einzigartig zu glänzen … Ja, mann/frau haben es drauf … nun kommt es zum Date … Die Rahmenbedingungen stimmen ja nun …
Ein Hotelzimmer wird gebucht, denn man muss ja nicht gleich die Wohnung präsentieren und das wahre Umfeld seiner selbst, was vielleicht verraten würde, dass doch nicht alles so stimmt, wie man es so von sich gegeben hat. Weder Adonis, noch Traumfrau möchten sich gegenseitig mit der Wahrheit konfrontieren, also ist ein Hotelzimmer immer noch der geeignetste Ort für eine verheißungsvolle Nacht …
Einmal tief durchatmen, sich noch während der jeweiligen Autofahrt gegenseitig richtig aufgeilen, damit auch nur ja nichts schief geht … und dann steht man sich gegenüber … und stellt fest … dass da die Geilheit wie verflogen ist … Zwei sich fremde Menschen, die nun in einigen Stunden eine Nacht miteinander verbringen sollen … Doch ignoriert man so etwas, denn nun hat man ja schon so viel Aufwand betrieben, also muss es doch jetzt auch klappen …
Er fühlt, dass sie ihn nicht so reizt, dass sein bestes Stück auch richtig in Fahrt kommt und schmeißt sich auf der Herrentoilette gleich zwei Viagra in den Mund … Sie fühlt, dass er doch nicht so ein Adonis ist, wie es ihre Illusion ihr die ganze Zeit vorgaukelte, also müssen es drei Gläser Rotwein mehr sein …
Und dann kommt der spannende Augenblick … Sie sind alleine, das Bett lacht ihnen auffordernd entgegen … und man fällt irgendwie übereinander her … Nichts erinnert an das, was so die ganze Zeit über den Bildschirm flimmerte … Er vermisst ihren dirty talk, sie vermisst seine Berührungen … und das Ende vom Lied? Für beide schlecht empfundener Sex und der Segen, dass sie die Müdigkeit überfällt, nachdem sie sich beide heimlich übergeben mussten … Sie, weil sie irgendwie zu tief ins Glas geguckt hatte; er, weil er zu viel Viagra schluckte …
(Ja, ich weiss, es gibt auch die wunderbaren ONS, die von dem hier Geschilderten abweichen, aber wurde wirklich mehr daraus? Wahrscheinlich nur in ganz wenigen Fällen ... und da lief es von vorne herein anders, oder?)
Ein Hoch auf unsere moderne Welt! Wir wollen mithalten, aber verbrennen wir nicht auch daran?
Sarah
