Achtung! Dieser Artikel ist nicht autobiographisch!
Ich trinke und ich fühl mich deswegen schlecht. Ich fühl mich schlecht, weil ich das Gefühl habe, ich betrüge die Menschen, die Menschen um mich um zu. Fast keiner weiß, dass ich trinke. Aber ich weiß es und deswegen fühl ich mich schlecht.
Aber ich muss trinken, weil, wenn ich nicht trinke, fühle ich mich noch schlechter. Dann kann ich den Tag kaum überstehen. Schon morgens fang ich an. Ich schleich mich in die Stube und nehme einen großen Schluck aus der Wodkaflasche. Ein wohliges Gefühl breitet sich dann in mir aus und ich kann den Tag beginnen. Es ist wie Benzin für einen Motor. Wenn ich getrunken habe, dann bin ich viel leistungsfähiger.
Früh fängt mein Tag an, bevor ich zur Arbeit gehe, mach ich den ganzen Haushalt. Ich will doch das alles perfekt ist. Sauber muss das Haus sein, pikobello, man muss nicht nach außen sehen, wie es in mir aussieht. Dagegen arbeitete ich an. Man kann bei mir vom Fußboden essen, sagen jedenfalls viele. Wenn ich meinen Mann und meine Kinder versorgt habe, dann gehe ich zur Arbeit. Noch schnell einen Schluck aus der Wodkaflasche und dann kann es losgehen.
Ja, ich fahre mit dem Auto zur Arbeit und ab und zu, nehme ich auch eine Arbeitskollegin mit. Ich weiß, wenn die mich erwischen, dann bin ich meinen Führerschein los. Ich bete immer, dass nicht ich, in eine Kontrolle komme und bis jetzt hat es immer geklappt. Aber einmal, da wäre es fast schief gegangen, als ich so betrunken war und mein Auto nicht mehr in die Garage fahren konnte, da bin ich wohl drei oder viermal gegen die Garage gefahren. Aber außer Blechschaden ist nichts passiert.
Ich bin gerne auf der Arbeit, da sind meine Arbeitskolleginnen mit denen, kann man ganz viel Spaß haben und vor allem, kann man reden. Sie sind immer nett zu mir, auch, wenn ich mal nicht so gut drauf bin. Da kann ich auch mal den Ärger loswerden, den ich zuhause habe. Wenn mein Mann mal wieder garstig zu mir ist. Ob die wohl wissen, dass ich trinke? Ich schäme mich sehr dafür. Aber ich kann nicht anders.
Oft habe ich versucht Hilfe zu bekommen, aber ich bin nicht bereit Hilfe anzunehmen. Es ist ein Makel, wer trägt schon gerne einen Makel an die Öffentlichkeit. Ich komm selber klar, ich weiß das. Wie das alles begann? Ich weiß wie alles begann, aber ich trinke, um es zu vergessen. Auch meine Eltern tranken, nicht nur auf Feiern, nein, auch dann und wann in der Woche. Und meine Brüder die tranken auch, als wir noch klein waren. Damals hab ich als einzige nicht getrunken. Bis zu dem Tag.....dem Tag an dem mich meine Brüder besuchten.
Ich lag allein in meinem Zimmer. Alle waren wieder am trinken. Da kam mein ältester Bruder und machte mit mir etwas, was Brüder mit Schwestern nicht machen sollten. Ich hatte furchtbare Angst. Er sagte, wenn ich den Mund aufmache, dann würde er meinen Eltern sagen, es wäre von mir gekommen. Sie sagten sowieso immer, ich wäre ein „Flittchen“, weil mir die Jungs nachschauten. Ich wollte doch nichts von denen, ich war doch erst 12 Jahre alt. Die nachfolgenden Nächte kamen auch meine anderen Brüder. Ich hatte drei. Es war entsetzlich. Aber ich hatte mehr Angst vor meinen Eltern. Die hätten mich totgeschlagen, wenn die es gewusst hätten.
Um das alles ertragen zu können, bin ich dann auch angefangen zu trinken. Wenn ich trank, dann war es nicht mehr so schlimm, wenn meine Brüder mich besuchten. Mit der Zeit konnte ich es dann aushalten. Zu Ende war es erst, als ich auszog. Da ließen die mich in Ruhe. Ich durfte aber erst mit 21 ausziehen. Eher war man ja nicht volljährig.
Dieser rote Faden zog sich durch mein ganzes Leben. Wenn ich mit einem Mann schlafen wollte, ich konnte es nur, wenn ich getrunken hatte und irgendwann musste ich dann trinken, sonst hätte ich keinen Tag überstanden. Ich wollte doch perfekt sein. Er ist irgendwann dahinter gekommen. Sie haben mich schon ein paar Mal zum Entgiften gebracht. Aber ich schaffe es nicht, ohne den Alkohol. Sie verachten mich dafür, mein Mann und meine Kinder. Aber sie wissen auch nicht, warum ich in den Nebel des Vergessens eintauche. Ich ertrage sonst mein Leben nicht.
Ich schäme mich und sie behandeln mich so wie ich behandelt werden muss, denn ich bin schlecht, weil ich trinke.......
Winnie
Verfasst 13.07.2009
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