Als ich sie zum ersten Mal besuchte, bewirteten sie mich mit bewunderswerter Gastfreundschaft. Ich merkte jedoch bald, dass es ihnen an vielem fehlte. Zum Beispiel besaßen sie kaum warme Kleidung, und der Winter stand vor der Tür.

    Ich fragte bei unseren Bekannten herum. Sehr schnell kam eine ziemliche Menge verhältnismäßig guter Kleidung zusammen. Von Natur aus bin ich ziemlich spontan. Deshalb wollte ich zunächst alles in den Kofferraum packen und der Familie aus Lettland vorbeibringen. Doch dann merkte ich, dass ich sie damit überrumpelt und möglicherweise in ihrer Würde verletzt hätte.

    Ich habe deshalb in unserem Keller so etwas wie eine Boutique eingerichtet. Die Kleidung hängte ich auf Kleiderbügeln an einen Garderobenständer. Die Pullover und Blusen legte ich im Raum aus und stellte die Schuhe ordentlich auf.

    Tatjana war so überwältigt, als ich sie in den Raum führte, dass sie es nicht wagte, für sich und ihre Familie etwas auszusuchen. So bemühte ich mich zu verstehen, was ihr gefiel. Dies stellte ich ihr dann zusammen, und sie nahm es mit nach Hause.

    Die angestoßene Kleideraktion wuchs jedoch ungeahnt weiter, die ich auch an diese Familie weitergab. Und Wladimir und Tatjana verteilten sie weiter unter den anderen Flüchtlingen in dem Wohnheim, was sie selbst nicht benötigten.

    Bei einer unserer Begegnungen stellte sich heraus, das Tatjana und Wladimir ausgebildete Musiker sind, und auch jedes ihrer Kinder spielte ein Instrument. Da wir ein Klavier zu Hause haben, konnten wir ihnen anbieten, bei uns zu üben. Sie bedankten sich dafür, indem sie eine Familienfeier musikalisch umrahmten und dazu mit großer Begeisterung deutsche Lieder spielten, die sie vorher speziell für diesen Abend eingeübt hatten.

    An einem unserer Begegnungsabende schauten sich die beiden an, drucksten erst ein wenig herum, und dann erzählte uns Tatjana, dass sie zwei ihrer Kinder taufen lassen wollten, und sie wollten uns dazu einladen. In der Osternacht war es soweit. Die Taufe war ein großes Fest für sie - und für uns.