Agnes schlich sich zur Wagenremise, wo der Handkarren seinen Platz hatte. Aufmerksam achtete sie darauf, dass kein Geräusch entstand. Sie schob den Karren nahezu lautlos aus dem Tor, und als sie davon ausging, dass sie niemand auf der Burg mehr sehen oder hören konnte, schob sie den Karren unbefangener durch das hohe Gras zu der Stelle, an der sie die Eimer versteckt hatte. Sie stellte den Karren ab, zog die zusammen gesteckten Eimer auseinander und verfrachtete sie auf den Handkarren, wo sie sie wieder zusammen steckte.
Agnes verschnaufte eine Weile. Sie genoss die Abendluft. Die Moldau rauschte leise, die Fische sprangen und die Zikaden zirpten ihre ewige Liebesmelodie. Der Mond erhellte die in Dunkelheit gehüllte Landschaft nur mäßig. Die Hindernisse auf dem Rückweg wie Maulwurfshügel und trockene Äste würden gerade eben noch erkennbar sein, ohne dass Agnes würde stolpern müssen.
Herrlich, dachte Agnes und atmete tief die würzige Luft des Spätsommers ein. Plötzlich hörte sie leise Stimmen, die sich kichernd unterhielten, eine männliche und eine weibliche. Die beiden schienen sich völlig unbeobachtet zu fühlen, denn allein am Tonfall war zu erkennen, dass sie sich wie Turteltauben umgirrten.
Die Schritte kamen näher. Jetzt konnte Agnes auch Worte verstehen. Noch einhundert Schritte und sie würden über Agnes stolpern.
Ich will nicht stören, dachte Agnes. Ich will sie nicht erschrecken, aber bald haben sie mich erreicht, was soll ich also tun? Zum Fliehen ist es zu spät, und wenn ich mich verstecke, glauben sie, ich hätte ihnen aufgelauert. Also bleibe ich wo ich bin.
„Ihr seid ja ein toller Hecht“, girrte Liobe. „Kaum seid Ihr aus der Sichtweite der Burg, greift Ihr mir unter den Rock.“
Karel lachte erregt. „Ich musste doch prüfen, ob sich der Spaziergang mit Euch lohnt. Hättet Ihr mich geschlagen, als ich nach Euch griff, wäre ich sofort wieder zurück gegangen.“
„Dann hättet Ihr es wohl bei Agnes versucht? An der beißt Ihr Euch die Zähne aus. Die ist kalt wie ein Fisch im Winter.“
Die beiden waren stehen geblieben. Kaum fünfzehn Schritte entfernt standen sie neben einer dicken Buche. Sie kamen überhaupt nicht auf die Idee, in Agnes’ Richtung zu schauen.
Liobe und Karel standen dicht aneinander gedrängt und küssten sich leidenschaftlich. Agnes hörte dies, und es versetzte sie in Erregung. Dieses japsende und lutschende Geräusch, fast so, als würde jemand heiße Suppe essen.
Ich kann den beiden nicht zusehen, ich kann es aber auch nicht verhindern, alles mit zu erleben, denkt Agnes. Ich bin in einem schrecklichen Dilemma. Einerseits interessiert mich dieses unkonzentrierte, fahrige Saugen, Liebkosen und Wühlen unsäglich, was da vor sich geht, und andererseits schäme ich mich für das geliehene Glück, was ich hier unfreiwillig beobachte. Was ich hier tue ist Sünde, denkt sie. Ich bin ein Voyeur, ein ganz gewöhnlicher Spion bin ich. Ein Spion, der höchste Momente zweier Liebender ausspioniert.
Ihr ganzer Körper zittert vor Erregung, und eine nie gekannte Kraftlosigkeit und Weichheit überkommt sie, ohne dass sie dies irgendwie beeinflussen kann.
„Du bist so stark“, flüstert Liobe mit rauer Stimme. „Ich spüre Dich, aber ich will Dich richtig spüren. Komm endlich.“
Karel lacht wieder unsicher. Er räuspert sich. Seine Stimme ist belegt. „Das grenzt ja an Schwerstarbeit“, bringt er mühsam heraus. „Wie soll ich an Dich heran kommen?“
„Für mich ist das leicht“, girrt Liobe wieder. „Ich mache das jeden Abend, wenn ich schlafen gehe, aber leider nicht für meinen Gemahl.“
Agnes hört das Rascheln diverser Kleidungsstücken. Liobe scheint ihre gesamten Gewänder und Untergewänder abzulegen und sie neben sich ins Gras zu werfen. Agnes schließt die Augen. Nur nicht hin sehen, denkt sie, nur nicht begreifen, was da passiert. Was geht mich das Ganze an?
Aber Agnes sieht genau, was sich dort abspielt. Karel hat offensichtlich nur sein Beinkleid abgelegt. Er scheint ungeduldig darauf zu warten, endlich Zugang zu Liobe zu finden.
Im halben Licht sieht Agnes schemenhaft die eng aneinander geschmiegten Körper. Sie hat nun kaum noch die Kraft, sich frei zu entscheiden, ob sie hinsehen will oder nicht. Sie erwischt sich dabei, wie sie ihre Hand zwischen ihre Schenkel presst. Das heiße Brennen wird noch unerträglicher, je mehr sie den Druck ihres Handrückens auf ihre Scham erhöht. Langsam bewegte sie ihre Hand.
„So kommst Du mir nicht davon“, raunt Liobe und lacht lüstern. „Ich will Dich ganz.“ Sie scheint nun Karel zu entkleiden. Agnes sieht den Reflex einer Gürtelschnalle im Mondlicht.
Agnes starrt auf die bleichen Gestalten, die dicht aneinander gepresst an die Buche gelehnt stehen und sich küssen. Die Bewegungen der Beiden werden immer hastiger, immer wilder. In dem Moment, wo Karel irgend etwas aus dem Gras aufzuheben scheint, sieht sie seine Männlichkeit. Die wippt bei dieser Bewegung, aber schon hat er sich wieder an Liobe gepresst. So etwas hat Agnes noch nie gesehen.
Agnes presst den Handrücken fast schmerzhaft in den Schritt. Sie steigert sich im gleichen Maß, wie Liobe dort Anstrengungen unternimmt, Karels Männlichkeit an die richtige Stelle zu bugsieren. Liobe winkelt ihr Bein an, hantierte herum und versetzt ihren Körper bald darauf in gleichmäßige Bewegungen.
Ein kurzer Ruck unterbricht die Szenerie. „Mist“, schimpft Karel. „Abgerutscht. Ist das ungeschickt.“
„Ungeschickt und schmerzhaft“, fügt Liobe hinzu. „Mein Rücken.“ Sie kichert.
Beide bücken sich und breiten die Kleidung, die Liobe auf dem Boden herum liegt, als Unterlage aus. Agnes sieht sie wieder wippen, die Männlichkeit, ein merkwürdiger Anblick, der sich so sehr von dem unterscheidet, was sie bereits kennt.
Karel greift Liobe und nimmt sie auf seine starken Armen. Er geht in die Knie und legt sie behutsam auf das Gewand. Die ganze Zeit starrt Agnes auf das männlichste aller Körperteile Karels, das unverändert wie eine Kompassnadel immer Richtung Sternenhimmel weist.
„Nun komm zu mir“, flüstert Liobe mit rauer Stimme. Sie zieht ihn zu sich hinunter. Ihre Münder verschmelzen. Nur wenig Platz lässt ihm Liobe, sich in die richtige Position zu bringen. Seine Arme halten ihren Kopf, drücken ihn fest an sich. Freihändig bemüht er sich um sie, und um dem Ganzen einen sicheren Abschluss zu geben, schlingt sie die Beine um seine Hüften und presst ihn in sich hinein.
Das Geräusch, das Liobe in diesem Moment von sich gibt, erinnert an den Brunftschrei des Hirsches im Herbst. Er flüstert ihr fortwährend irgendwelche für Agnes unverständlichen Wörter ins Ohr, liegt starr auf ihr, drückt die Zehenspitzen auf den Boden und schwebt fast waagerecht über ihr, während sie krampfhaft versucht, Bewegung in die Sache zu bringen. Ihr Becken arbeitet hektisch unter ihm.
„Nicht“, raunt er mühsam. „Noch nicht.“
„Doch, jetzt“, fordert Liobe. Wieder schlägt sie ihm die Hacken in den Po, presst ihn hinunter. Karel gibt den Widerstand auf. Als würde er einen Speer werfen, als würde er in den Abwurf hinein springen und ihn mit gewaltiger Kraftanstrengung nach vorn schleudern, schreit er in seinen Kraftakt hinein. Agnes hört klatschende Geräusche, die immer schneller werden. Liobes Lustempfinden scheint sich ins unermessliche zu steigern. Ihr Keuchen wächst zu einem Stöhnen, zu einem Krächzen, es klingt fast wie der Schrei eines Esels....
Agnes kann die Steigerungen Liobes nachempfinden, als seien es ihre eigenen, und es werden die ihren. Ihr ist, als stiege sie eine Treppe empor, um von oben, kaum dass sie die oberste Stufe erreicht hat, ins Bodenlose hinab zu stürzen. Sie taucht in ein nie erlebtes Meer aus flammenden Gefühlen, die sich in einem Sog vereinten und sie unweigerlich mit sich ziehen.
Liobe folgt Agnes. Sie steht auf der vorletzten Stufe. Karel scheint vor Schmerz zu wimmern. Sind es die Krallen, die ihm Liobe in den Rücken schlägt? Beißt sie ihm in die Wange? Agnes befürchtet, dass Liobes Schrei bis nach Stara reicht, den sie jetzt ausstößt.
Als Agnes Atem wieder ruhiger geht, hört sie Liobe.
„Du bist wie alle Männer viel zu früh“, girrt sie zärtlich. „Wenn es nach mir ginge, finge der Abend erst an.“ Sie fährt ihm mit den Fingernägeln an Rückgrat auf und ab. Karel schüttelt sich.
Karel versucht den Körper zu heben und Liobe zu verlassen.
„Nein, nicht, du bleibst noch“, befiehlt sie schelmisch. „Und wenn ich Dich an mir fest nageln müsste. Du gehörst mir, solange ich dies will. Du wirst Agnes von Billung heiraten und gleichzeitig mein sein. Wenn Du Agnes gehörst, werde ich auf nichts verzichten müssen.“ Liobe lacht rauh.
„Freu Dich nicht zu früh“, ruft Karel spöttisch. „Agnes ist noch jung und unerfahren. Wenn sie ihre Gefühle entfaltet, wird sie ein genauso großes Füllhorn der Leidenschaft sein wie Du.“
„Du kennst die Frauen nicht“, ruft Liobe spöttisch und steht auf. „Verflixt, ich laufe aus“, ruft sie und springt von ihrer Kleidung. Sie wischt mit der Unterwäsche an sich herum und beginnt sich anzukleiden. Das nasse Kleidungsstück wirft sie achtlos hinter die Buche.
„Es gibt leidenschaftliche und kalte Frauen. Die leidenschaftlichen Frauen sind zum konzentrierten Handeln viel zu abhängig von ihren Stimmungen. Die kalten Frauen sind zum Herrschen geboren, und Agnes ist eine von den Herrscherinnen. Wenn Du sie heiratest, wird sie Dich mit sich auf den Thron heben und Dich die Welt von oben sehen lassen. Und das alles, damit ich Dich jenseits des Thronsaals mit meiner Leidenschaft beglücke. Und wenn Du bei ihr bist, wirst Du glauben, es gäbe nichts Schöneres auf der Welt, und bei mir wirst Du das Gleiche denken. Und wenn Du dann bei mir warst und Erfüllung gefunden hast, wirst Du Sehnsucht nach ihr haben. Sitzt Du neben ihr und bist der Macht überdrüssig, wirst Du in meine Arme eilen. Entscheide Dich also für beide, und es wird uns allen Dreien gut dabei gehen.“