Der Spaß, einen romantisch erlebten, im Artikel  http://www.platinnetz.de/artikel/wie-der-hase-vor-der-schlange-224723 geschilderten Vorgang auf mehrfachen Wunsch in einer weniger pathetischen Sprache zu schildern, ohne dass er für die Wünschenden an Bedeutungslosigkeit verliert, ist eine schöne Herausforderung für einen Schreiber.

 

Hier der Stoff in androgyn verträglicher Form.

 

Zwei Mittsechziger, bereits vom Arbeitsleben freigestellt, hatten immer noch nicht aufgegeben. Trotz häufiger Niederlagen in mehreren Lokalen mit deutscher Hausmannskost  versuchten es beide in einer Art von Alters-Starrsinn immer, immer wieder, dort noch einmal anzufangen, wo andere bereits mit Anfang zwanzig eines Besseren belehrt worden waren und sich auf das Wesentliche konzentriert hatten.

 

Besonders sie, bezeichnenderweise Julischka genannt, wie eine Figur aus einer auf der ungarischen Puszta spielenden Operette gegriffen, glaubte an die allumfassende, sanierende Wirkung der göttlichen Kohlroulade.

 

Unendliche Versuche, dieser naiven Dame beizubringen, dass Kohl anzubauen nichts weiter als eine Animation zur Fortpflanzung der betreffenden Art (Brassica oleracea var. capitata f. alba) darstellt, hatten nichts bewirkt. Ihr Körper produzierte trotz abgeschlossenen Klimakteriums pausenlos Endorphine, die ihre Besitzerin auf der Suche nach Kohl zu eher pubertären Wünschen nach einem passenden Fress-Partner verführten.

 

Er, im Grunde in einer gesicherten Position ohne Langeweile oder Verzicht, eher von Spinat und Feldsalat angetan, tanzte auf  dem lächerlich dünnen Eis der letzten Jahre seines Lebens und ließ ihn nach einer neuerlichen Belastung seines geordneten Alltags suchen.

 

In einer wohl dem Film Love-Story nachempfundenen Szene eilten beide auf einem übermäßig grün dargestellten Weißkohl-Feld aufeinander zu und fielen sich in die Arme. Nur dem Zufall und keinesfalls ihrer Körperbeherrschung ist es zu verdanken, dass sie einander nicht verfehlten, auf die Nase fielen und parallel liegend in die noch ungekochten Kohlköpfe bissen.  

 

Julischka übernahm die Rolle der phonetisch ähnlich klingenden Julia, einer Figur William Shakespeares und bat ihn in ihrer unendlichen Liebe zur fixen Idee um gemeinsames Wickeln gekochter Kohlblätter um eine Portion gehackten Schweinefleisches, gebunden mittels Zwirnsfäden.

 

Er, der immer noch nicht glauben konnte, dass nach der bei ihm bereits beginnenden Eiszeit ein neuer Frühling ausgebrochen sein sollte, tat sich schwer damit, ihrer Triebhaftigkeit Folge zu leisten. Der unverhoffte Lustgewinn, verursacht durch Julischkas unglaubliche Naivität und seinem daraus resultierenden Überlegenheitsgefühl jedoch brachte ihn zu dem Schluss, dass er es in jedem Fall so lange mit ihr treiben sollte, wie seine letzten Testosteron-Reserven und Verdauungs-Enzyme dies noch zuließen.

 

Als sie nach einem ausgiebigen, orgiengleichen Mahl wie halb betäubt statt auf dem dafür vorgesehenen Kissenbezug auf seinem weiß behaarten, bereits dicklich deformierten Männerbauch einschlief, in dem es bedenklich grummelte, kam er zur Besinnung.

 

Wie lange sollte er diesen Druck noch ertragen? Besser, wie lange konnte er ihn noch ertragen?

 

„Ich habe Blähungsängste“, formulierte er mühsam, als sie erwachte. „Du liegst mir schwer auf dem Magen. Irgendwann werde ich körperlich darauf reagieren müssen.“

 

„Ich weiß“, sagte sie.

 

„Und warum geht es dir nicht genau so? Du hast doch auch Kohl gegessen.“

 

„Weil ich so offen bin“, sagte sie und lächelte. „Meine Gasbildung absorbiert sich permanent und geräuschlos, während sich bei dir erst ein gewisser Gasdruck angesammelt haben muss, bevor es geräuschvoll zur Entladung kommt.“

 

Er zog sie an sich und küsste sie. Er wusste, dass er bei ihr auf Verständnis stoßen würde. In jedem Moment war es soweit. Gleich..., jetzt!!

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© Jürgen Berndt-Lüders

Bildquelle: STAR DIVISION CD. 10.000 Cliparts und Fotos