Konrad Schuster kam nach Hause. Jetzt nur noch ein schönes, nicht allzu gekühltes Bier zum Abendbrot, zwei, drei Stunden Fernsehen und dann ab in die Kiste.
Gertrud stand schon in der Tür. Ihre Augen blitzten wütend, und in der rechten Hand hielt sie eine CD-Rom, die sie pausenlos auf die linke schlug.
Lichtreflexe huschten über die Tapete.
„Weißt du, was das ist?“
Ach du Scheiße, dachte Konrad. „Eine CD, das weißt doch selbst du.“ Er hatte nichts mehr zu verlieren. Der Abend war im Eimer.
Das machte Gertrud noch wütender. „Da wollte ich schon mal meine neue Howard Carpendale Platte hören, und was liegt drin?“
„Na und?“
„Da kommst du das letzte halbe Jahr überhaupt nicht mehr zu mir, und ich denke so, na ja, er ist ein alter Mann und die Arbeit beansprucht ihn zu sehr, und dabei verschleuderst du deine letzten Reserven unter der Hand.“
Konrad setzte alles auf eine Karte. Diese Frau machte ihm keine Vorwürfe. Die nicht. „Guck dich doch mal an. Bei dir vergeht einem ja alles.“
„Guck dich doch mal an“, schrie Gertrud. „Meinst du, dass du schöner bist?“
„Dann mach’s dir doch auch allein.“
Gertrud winkte ab. „Ach, was weißt du schon über Frauen. Ich geh zu meiner Schwester. Dann hast du deine Ruhe und kannst deine letzten...“
„Meine allerletzten“, höhnte Konrad.
„...deine aller, aller, allerletzten Reserven den Küchentüchern anvertrauen.“
Gertrud ließ die Tür krachen und verschwand aus der Wohnung. Noch in der Tür schrie sie „ich verlasse dich“ in den Hausflur hinaus.
Konrad holte sich eine Flasche Bier aus der Kiste und verzog sich vor den Fernseher. Die Küchenrolle stand schon neben dem CD-Player.
Scheiße, dachte Konrad. Aber na ja, was soll’s? Eigentlich hätte ich mich schon selber von ihr trennen sollen, aber nun hat sie mir den Nervenkrieg abgenommen.
Eine Stunde „Ach-was-weiß-ich-denn“ gucken und heute mal drei, vier Flaschen leeren war angesagt, als es an der Tür klingelte. Die Nachbarin, Frau Krause, stand draußen. Noch die Bierflasche in der Hand sah Konrad ziemlich überrascht aus.
„Es geht mich ja nichts an, aber wenn ich irgendwie helfen könnte...“
Die Krausen hatte offensichtlich alles mit gekriegt. Das geht die wirklich nichts an, dachte Konrad. Aber es konnte ganz nützlich sein, eine Frau in der Nähe zu haben, die auch mal nach dem Rechten sah, also bat er sie herein.
„Setzen Sie sich“, sagte Konrad. „Auch ein Bier?“
„Nein danke. Wissen Sie, ich bewundere ja schon seit Jahren Ihre Geduld. Ihre Frau ist ja wirklich nicht die freundlichste. Da müssen Sie ganz schön gelitten haben.“
„Es geht so. Und nun?“
„Naja, ich dachte, ich könnte mich ein wenig um Sie kümmern, wo ich Sie doch schon seit Jahren...“
Um Gottes Willen, dachte Konrad. Da käme ich vom Regen in die Traufe.
„Ich kann auch anders“, sagte Frau Krause, klatschte in die Hände und erschien plötzlich als Michelle Hunziker aus der letzten „Wetten Dass“ Sendung. Nackt wie sie zur Welt gekommen war.
Konrad fiel fast die Flasche aus der Hand. „Sie sind also eine Hexe“, stellte er fest, nachdem er sich gefasst hatte.
„Ich bin Michelle“, rief Frau Krause mit der Stimme von Frau Hunziker. Sie griff ihn am Arm und zog ihn hoch. „Schau mich an. Fass mich an. Damit du merkst, wie toll ich bin.“
Konrad besah sich dieses Exemplar Frau. Kleine Brust, kleiner, langer Arsch, und das Teil, weshalb er die CD-Roms auslieh, schmallippig und unscheinbar.
„Ich kann auch Paris Hilton“, schrie Frau Krause, und plötzlich stand dieses Wesen mit dem Kindergesicht und den neugierigen Augen vor ihm. „Look at me, I’m so beautiful“, sagte Paris.
In und an Konrad regte sich nicht. Im Grunde das gleiche Bild einer lang aufgeschossenen, affektierten Frau, und wieder dieses Teil, nach dem er sich sehnte, völlig unscheinbar und langweilig.
„Na gut, dann eben Heidi Klum“, fauchte Frau Krause.
Heidi war nicht ganz so langweilig. Ihre Figur war weiblicher, und ihre Oberschenkel schienen einiges zu umklammern. Aber auch ihr Anblick löste keinen Wunsch in ihm aus.
„Auch nicht? Wie wär’s mit Gertrud Schuster?“
Heidi wechselte zu Gertrud. Okay, sie hatte Wellfleisch am Bauch, der Po und die Brüste hingen, der Traum seiner einsamen Stunden war gut entwickelt, fleischig und anspruchsvoll.
„Ich glaube, ich nehme dich zurück“, entschied Konrad und griff nach Gertrud. Im Arm hielt er Frau Krause.
„Mich kannste haben“, sagte Frau Krause. „Deine Gertrud ist für immer weg.“
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© für Bild &Text: Jürgen Berndt-Lüders
