„Letztes Jahr um diese Zeit waren wir ja in Shanghai! Da war es auch ganz toll…“
Und es hebt eine lebhafte Bescheibung der Riesenstadt Shanghai, der Rush hour dort, des Getümmels der Millionen Einwohner und Chinas im allgemeinen und besonderen an.

Die Sprecherin sitzt hinter mir im Bus und berichtet den anderen Mitreisenden.
Das würde mich gar nicht weiter stören und könnte sogar ganz interessant sein – wenn sich nicht gerade vor meinen Augen ein saftig grünes Panorama entfalten würde, mit weißen Punkten drauf, die sich als Schafe entpuppen und grauen Punkten, die sich beim Näherkommen als Cottages heraus stellen
Wir verlassen gerade im dritten Sprühregen dieses Tages eine kleine Stadt am Meer, deren Pubs Guinness-Reklame hängen haben.
Wir fahren nämlich gerade durch Irland. Für 1500 Euro. Neun Tage lang, Rundreise.

Ich möchte dort auch gerne sein, ich habe nämlich lange von dieser Reise geträumt…ich würde gerne den Anblick genießen, der sich mir bietet.
Auch die anderen haben viel Geld bezahlt, um an dieser Reise teilzunehmen. Aber wo sind sie? In Shanghai….

Beim Abendessen. Wir waren auf dem Dingle, wir haben ein alte Burg besichtigt, nun gibt es irischen Lachs. Wir haben es unglaublich gut.
Die beiden Herren an meinem Tisch unterhalten sich über den Terroranschlag vom 11. Sepember und wie furchtbar die Welt geworden ist.

Ich sitze also nach einem wundervollen Ausflug bei irischem Lachs in einem schönen Hotel.
Aber wo sind die anderen? Im Jahr 2001 in New York, bei Angst und Schrecken.
Ich sehne mich nach den alten Zeiten, in denen es als schlechte Erziehung galt, wenn man sich beim Essen über Trauriges, Politisches oder sonstwie Belastendes unterhielt.
Über den Ausflug, über die Fahrt durch dieses wunderbare Land spricht keiner...DAS wären aber doch die Themen, die sich anböten.

Ich frage mich: warum fahren Menschen für viel Geld nach Irland (oder sonst wo hin), wenn sie dort weder wirklich sind noch es zu würdigen wissen? Wenn sie, statt den Ort zu genießen, an dem sie sich befinden, über Orte sprechen, an denen sie sich mal befunden HABEN oder demnächst befinden WERDEN?

Nächstes Jahr, wenn sie in St. Peter-Ording eine Wellnesskur machen - bei der man auch lernt, im „Hier&Jetzt“ zu sein, damit man sich nicht immer so zerrissen fühlt…nächstes Jahr werden sie nämlich erzählen, dass sie im Vorjahr in Irland waren und dass sie sich für übernächstes jahr Quebec vorgenommen haben; eine Mitreisende in Irland habe so interessant von Kanada erzählt.
Nächstes jahr werden sie in St. Peter-Ording nicht in St. Peter-Ording sein