In letzter Zeit fiel mir mal wieder verstärkt auf, dass die meisten Menschen alles nur aus ihrer Perspektive sehen und nicht erkennen wollen, dass es auch noch andere Sichtweisen auf ein- und denselben Vorgang ihre Berechtigung haben. Sie verweigern die Fairness gegenüber anders Betroffenen.

 

Sind es dieselben Leute, die wie konservative Politiker jeden, der keine Arbeit  hat, als Leistungsverweigerer ansehen?

 

Oder wie die Ehemänner, die täglich genervt und gestresst von der Arbeit kommen und von ihren Ehefrauen erwarten, dass sie sich auch am Wochenende ihre beruflichen Konfliktsituationen anhören und bereitwillig die Beine breit machen, wenn den Männern danach ist? Sind diese Frauen dann „Liebesverweigerer“; die den Männern im Grunde nur zeigen wollen, dass auch sie eine gewisse Macht über den Partner besitzen?

 

Oder sind es Exfrauen wie meine, die mir die Schuld daran geben, wenn unser pubertierender Sohn jegliche Leistung verweigert, nur weil ich vor Jahren zwei, dreimal gesagt habe, dass die Schulen im Grunde die falschen Fächer unterrichten und statt Höhere Mathematik und Geschichtszahlen lieber alltägliche Notwendigkeiten  vermitteln sollten?

 

Verweigert sie nicht der Logik gegenüber die Einsicht, dass  unsere eher streberhafte, aber  geschickt kalkulierende Tochter diese Äußerungen von mir auch mitbekommen hat und somit ebenfalls die schulische Leistung verweigern müsste? Und dass unser Sohn von seinen Eltern generell nichts annimmt? Genau so, wie ich meine Eltern in dem Alter auch nicht ernst genommen habe?

 

Verhalten sich diese Verweigerer nicht unakzeptabel?

 

Bin ich da so anders?

 

Vielleicht bemühe ich mich, andere Sichtweisen zu durchdenken und zu verstehen. Vielleicht verurteile ich Menschen nicht, wenn sie anders sind als ich. Vielleicht habe ich nie versucht, meinen Exfrauen meine sexuellen Wünsche aufzuzwingen. Aber was ich mir selber auf jeden Fall verweigere ist der zwischenmenschliche Kontakt zu anderen.

 

Ich mauere micht regelrecht ein.

 

Da gibt es den Männergesangsverein, der seit Monaten darauf wartet, dass ich wie versprochen meine vielleicht ganz gute Baritonstimme in das Klanggefüge einmische.

 

Da gibt es die Frau, die mir vor Wochen eine CD mit ihren Gedichten gegeben hat, weil ich ihr doch meine Meinung dazu sagen möchte. Und nur, weil ich weiß, dass sie sich mehr von diesem Kontakt verspricht, rühre ich die CD nicht an.

 

Da gibt es meine Seele, die sich nach Einvernehmen, Liebe,  Zärtlichkeit und guten Gesprächen sehnt. Aber ich verweigere ihr jeglichen Ansatz, aufmerksam nach einer Frau zu suchen, mit der ein Geben und Nehmen möglich wäre. Nur manchmal, eher selten, begegnet mir eine, bei der mir mein Herz sagt, dass sie die Richtige sei. Aber ich verweigere mich, finde tausend Entschuldigungen wie, dass sie sicherlich verheiratet sei oder dass sie viel zu weit weg wohne.

 

Und warum?

 

Weil ich Angst vor Neuerungen habe. Wer weiß denn, was die von mir will, was ich nicht ertragen könnte? Nein, da bin ich lieber allein, auf der sicheren Seite und schmore im eigenen Saft.

 

On my own, wie der Anglophone sagt.