Impressionen einer Radtour
Eine Kurzgeschichte von Hans Sakowski

Teil I

Vorgeschichte
Eine Intuition war es, die mich an jenem Mittwochvormittag meinen Kugelschreiber mitten in der Arbeit niederlegen ließ.
„Der Computer wird heruntergefahren“ leuchtete mir der Bildschirm auf Tastendruck mit den Windows-Grüßen des Herrn Gates entgegen.
Ich hatte in diesem Moment das Gefühl, nicht nur der Computer wird heruntergefahren. Und ich wusste, ich werde jetzt meinen Freund Walter besuchen. Ins Auto steigen, 400 km nach Wien fahren. Einfach so, aus einer Laune raus. Genauer gesagt nach Purkersdorf. Auf diesen feinen Unterschied legt Walter großen Wert. Wobei es doch für mich als „Piefke“ – wie die Österreicher uns Deutsche nennen - schon eine große Leistung ist nicht einfach Österreich zu sagen, sondern schon mal die grobe Richtung angeben zu können. Und so fuhr ich los.
Es gibt Schicksalstage. Tage an denen das Schicksal seinen Lauf zu nehmen beginnt, ohne dass man davon weiß. Dieser Mittwoch war einer. Am selben Tag nämlich begab es sich, wie ich viel später erfuhr, dass meine Exfrau, zu der ich seit vielen Jahren nur sporadisch telefonischen Kontakt hatte, ebenfalls einer Intuition folgend, ihre Arbeit niederlegte und sich kurzfristig entschied einen eintägigen Besuch in Wien zu machen. Und wie wir beide erst Wochen später erfuhren, verstarb eben en diesem Tag unser damaliger engster Verwandter in Wien. Und für beide war es nicht das Ziel unseres Wienausflugs. Ob es da Zusammenhänge gibt?...
Man redet viel. Bei Biertischlaune noch mehr.
Über die anfänglichen Floskeln wie geht’s.. was macht der oder jener.. geht es meist übergangslos zu einem „übrigens da hab ich doch kürzlich..“..
Urplötzlich ist man dann drin in den Diskussionen über alte Zeiten, Autos, Politik, Fußball oder sonstige Neigungen. Plötzlich kommt einer auf eine Idee. Und alle sind schnell dabei mit Pläne schmieden, Bedenken anführen, Versprechen geben und dann fällt der fatale Satz: „Da mach ich mit“! Das „Hundertprozentig!“ wird bedenkenlos - und in diesem Moment auch überzeugt - hinzugefügt.
Und so war es auch an jenem Abend, als wir im „Nicodemus“ zusammensaßen.
Walter erzählte mir von seinem Projekt, eine Radtour um Österreich zu machen, durch sämtliche Anrainerstaaten. Und er wollte damit Eindrücke unter anderem über die Sichtweise der Nachbarn über die Österreicher sammeln. Das ganze wollte er dann in einem Buch verwenden. Er hatte das früher schon angedeutet, ich hatte es jedoch nur als Wunschbild gesehen. Und so ergänzte er dieses „Wunschbild durch den Satz: „ Ich würde mich freuen, wenn Du mich dabei ein Stück begleiten würdest, sagen wir mal drei Tage..“
Aus der oben beschriebenen Laune heraus und der Vorstellung, dass es eh nur ein Wunschbild ist – somit also weit entfernt und wahrscheinlich ohnehin nicht eintreffend - fiel meinerseits eben jener fatale Satz: „Da bin ich dabei! Hundertprozentig!“ Es war wohl das dritte Glas Cai Pirinha, das mir diesen leichtsinnigen Satz entweichen ließ. Der ungefähre Termin wurde noch geklärt und damit war das Thema zunächst einmal vom Tisch. Ein paar Tage später war es in der Erinnerung schon ziemlich weit in den Hinterkopf gerutscht. Und nach weiteren zwei Wochen schickte sich die Erinnerung gerade an, aus dem Kopf zu fallen, als das Telefon klingelte..
Walter, erfahren mit Biertischlaunen, dröhnte mich mit skeptisch sonorer Stimme an:
„Wos i s etz?.. foahrst mit?“ – „Natürlich!“ war die Antwort. Denn man hat ja einen Ehrencodex und will sich keine Blöße geben. Wenngleich die empfundene Begeisterung in Anbetracht von Terminen in dieser Zeit in keinster Weise dem gesprochenen Wort entsprach. „Und trainier´inzwischen schon ein bisschen!“, klang es nach. Nun schien es Realität zu werden. Er meinte, er würde den Donauradweg benutzen und dabei auch in Regensburg vorbeikommen.
Und wieder eine Woche später kam Walters Anruf: „Ich bin 15 km vor Regensburg“!
1. Tag
Da saß ich nun mit meinem Versprechen. Hmmm.. Eine dreitägige Radtour, ausgerechnet ich.. ein 56 jähriger Griffelhalter, wohlbeleibt, bar jeglicher Kondition, unsportlich, Kettenraucher ohne Bewegung. Seit fast mehr als 30 Jahren auf keinem Rad mehr gesessen. Der sollte nun drei Tage lang ca. 70 km auf dem Rad sitzen, mit Gepäck!
Ok, Ok! Ich hatte mittlerweile schon ein Fahrrad von meinem Freund Christoph organisiert, das er mir schweren Herzens für diese paar Tage überlassen wollte. Aber zu der geplanten Vorbereitung, nämlich mich stückweise wieder an dieses Fortbewegungsmittel zu gewöhnen, war es natürlich nicht gekommen. Also blieb mir nur noch „Reinspringen und schwimmen, beziehungsweise Fahrradfahren“.
Ein verdammter Schicksalstag.
Mittlerweile neigt sich der erste Radtag dem Ende zu. Wir sitzen auf der Terrasse eines Lokals in Weltenburg. „Skifoahn“ klingt es jetzt zur Gitarre von einer Gruppe junger Leute im Biergarten herüber und weitere Lieder des Wiener Liedermachers Wolfgang Ambros. Es ist wie eine ungewollte Begrüßung meines österreichischen Freundes. Skifoahrn - und das im Juni bei 30° im Schatten!
Ja ich hatte es tatsächlich geschafft! Nach einer Abschiedsfeier am Vortag und dem daraus resultierend notwendigen Ausschlafen sind wir um 14:00 Uhr in Sinzing gestartet. 43 km! Am ersten Nachmittag! Ich kann’s gar nicht glauben.
„I mecht no an Schnaps“ sagt Walter zur bayerischen Kellnerin.
„Wos für oan?“
an „Vogelbeer“ meint Walter.
„Na, bittschön scho wos Deitsch´“ antwortet die Kellnerin etwas genervt aber noch freundlich.
Meine Freunde hatten natürlich in den letzten Wochen jede Menge Frotzelstoff. Immerhin war ich seit knapp 40 Jahren nicht mehr Radgefahren. Außer zum nächsten Zigarettenautomaten. Die Details will ich hier gar nicht erwähnen.
Nun, als nicht ganz unintelligenter und auch realistischer Mensch hatte ich selbst zwar keine Angst, aber doch gewisse Bedenken. So hatte ich von älteren Menschen gehört, die plötzlich in einem Anfall von Demenz sich untrainiert aufs Fahrrad setzten, sich Leistungen jenseits Ihres Vermögens abforderten um sich dann im Krankenhaus mit Herz-Kreislaufproblemen wiederzufinden. Manche sollen damit sogar ungewollt ihrem Leben ein Ende gesetzt haben! So wollte ich nun wirklich nicht enden. Aber ich hatte in Walter nicht nur einen ausgezeichneten Berater, sondern einen Freund, der sich rührend um meine Vorbereitung gekümmert hat, mir jede Menge Tipps wie einem kleinen Kind gab und sein Tempo voll an das meine anpasste. Toll, nicht wahr? So hatte ich reelle Überlebenschancen. Kurz dachte ich vor der Abreise noch mal daran, ob ich nicht vielleicht noch meine Sachen zu Hause in Ordnung bringen sollte. Da wäre z. B. die Einweisung meiner Frau in die Lage der wichtigsten Papiere, Lebensversicherung und Testament… Ich ließ diese Überlegungen jedoch nach den Beteuerungen Walters, dass es hierfür wirklich keine Gründe gibt, wieder fallen.
So waren wir an diesem ersten Tag losgeradelt. Es ging immer der Donau entlang. Bereits nach 50 Minuten war ich stolz und immer noch nicht tot. Und keine Zigarette geraucht! Nach eineinhalb Stunden machten wir die erste Pause. Eis, Cola, Bier und – endlich – Zigarette!
Ich versuchte die Versäumten in der kurzen Zeit nachzuholen. Es gelang nicht. In Kelheim angekommen musste zuerst der Radweg gefunden werden. Walter schimpfte wie immer über die bescheidene Ausschilderung der Radwege in Deutschland. Als Ortskundiger versuchte ich Walter zu der brettel-ebenen Strecke am linken Donauufer zu überreden, und dann mit der Fähren nach Weltenburg überzusetzen. Ich wusste nämlich, dass die Strecke von Kelheim nach Weltenburg über einen mörderischen Berg führt.
Vergeblich. Walter war unnachgiebig und wollte unbedingt den Donauradweg beschreiben. Und der führte eben über den Berg. Als Segler war ich gewohnt, den Anweisungen des Skippers Folge zu leisten. Und Walter war in diesem Fall mein „Skipper.“
So folgte ich - zwar unwillig und mit ein paar Verwünschungen – aber immerhin.
Ich sitze immer noch bei traumhaft schönem Wetter in diesem Biergarten am berühmten Donaudurchbruch. Walter baut mittlerweile das Zelt auf. Es ist 23 Uhr. Schweren Herzens trenne ich mich von der musikalischen Biertischrunde die mittlerweile über „Hoam nach Fürstenfeld“ von STS zu „Nowhere Man“ von den Beatles gewechselt sind. Aber mein Bier ist zur Neige gegangen wie dieser Tag es auch tat. Eine letzte Zigarette setzte den glimmenden I–Punkt. Mich beschlich das Gefühl, als könnte es der erste eines neuen Lebens sein.
Schicksalhaft sollte dieser Tag jedoch auch noch in den letzten Stunden werden. Walter den ich mit meiner mangelnden Flexibilität bezüglich Rollenzuordnung als meinen „Skipper“ ansah, obwohl er das gar nicht wollte, hatte das Igluzelt aufgestellt. Er hatte dafür einen wunderschönen Platz an der Donau mit vorbereiteter Feuerstelle gefunden. Die folgenden zwei Stunden stellten einen an Romantik nicht zu übertreffenden Sprung in die Vergangenheit für mich dar.
Wir saßen auf Brettern, starrten in das flackernde Feuer, reihten philosophische Gedanken aneinander. Nostalgie pur. Zwei Männer, nicht einsam, da zu zweit, aber in einer gewissen gesellschaftlichen Einsamkeit eines Landes, in dem alles reguliert, in „verboten“ und „erlaubt“ eingeteilt ist. Diebe einer Freiheit, die weggesperrt war. Wie in alten Bundesarchiven. Das letzte Mal erlebte ich so etwas in meiner Pfadfinderzeit als Jugendlicher. Da saßen wir wie zwei Relikte aus Urzeiten. Walter, Kabarettist, Liedermacher und Autor. Von manchen als der letzte Hippie bezeichnet. Und ein ergrauter achtundsechziger Ex-Revoluzzer, von der Gesellschaft fast – aber nur fast glattgeschliffener „Immer-noch-Mensch“. Wir kamen uns vor wie in der einzigen noch übriggebliebenen Oase einer durch Technik unmenschlich gewordenen Menschlichkeitswüste.
Ich betrachtete Walter als er Holz nachlegte. Er war ein hagerer großer Mann, drahtig wie sein Drahtesel, aber bei genauerem Hinsehen bemerkte man die Sehnen und Muskeln, ohne ein Gramm Fett die den durchtrainierten Radfahrer erkennen ließen. In Turnschuhen, und den kurz abgeschnittenen Jeans einem weißen kurzen Hemd, der Nickelbrille und den schulterlangen krausen Haaren, mit einem Stirnband zusammengebunden sah er aus wie eine Mischung aus Easyrider und Woodstock-Musiker der 70er Jahre. Auch in seiner Art hatte er diese einmalige freie Zeit, in der die Jugend in Aufbruchstimmung und voller Hoffnungen der Zukunft entgegenblickte ins dritte Jahrtausend herübergerettet.

©2003 by Hans Sakowski
Fortsetzung siehe Teil II