Impressionen einer Radtour Teil II

Ich komme bei seinem Anblick und dem Gedankenausflug in die Vergangenheit ein bisschen ins Schwärmen. Was war übriggeblieben von unseren damaligen Träumen? Heute begegnen wir einer Jugend der man sagt: „Rente bekommt ihr sowieso nicht mehr. Dafür müsst ihr länger arbeiten, bis 67. Jobs? Schlechte Chancen. Steuern und Sozialbeiträge fressen einen großen Teil des Gehalts. Und vom Rest sollt ihr Rücklagen für euere Altersversorgung bilden.
Freies Reisen? Durch Jugoslawien, die Türkei und Afghanistan bis nach Indien als Rucksacktourist, wo man überall freundlichen Menschen begegnete sind nahezu unmöglich geworden. Al Kaida Terrorgruppen, Flugzeugentführungen, Krieg in Jugoslawien, Afghanistan und Irak haben die Menschen auch dort verändert. Armut, Hunger, Massaker von Familienangehörigen haben sie argwöhnisch und fremdenfeindlich gemacht. Ideale, Stolz, Kultur und Traditionsbewusstsein sind genauso zusammengebrochen wie die Währungen. Und der Osten? Der Zusammenbruch der kommunistischen Weltmacht hat eine ganze Reihe von Ländern mit in die Tiefe gerissen. Der ganze Osten ist an den Rand einer wirtschaftlichen Katastrophe geführt und hineingestürzt worden. Amerikanische Imperialisten marschieren mit der Friedenstaube auf der Flagge in Länder ein und man weiß nicht, welches das nächste ist. Die Menschen kämpfen ums Überleben. Klimatische Veränderungen aus Raffgier von einem kleinen Teil der Weltbevölkerung verursacht bewirken Naturkatastrophen gigantischen Ausmaßes. Diese wiederum stürzen Millionen von Menschen in Not und Armut. Wo soll da noch Platz für Hoffnung, eine bessere Welt, Gleichheit der Menschen, Platz für Ideale, Platz für Denken an den Anderen sein? Ein düsteres Bild.
Ich höre einen Vogel zwitschern. Vernehme die Donauwellen an die Ufer klatschen. Das Knistern des Feuers und die Stille eines schlafenden Donautals. Ein Hoffnungsschimmer? Was übriggeblieben ist? Es ist die Natur und wir Menschen. Die wenigen Immer-noch-Menschen. Ich starre hinaus in die Schwärze der Nacht. Mein Blick schweift hinüber, wo das andere Donauufer sein müsste. Hinauf über den schemenhaften Rand den die Baumwipfel des Waldes gegen den Sternenhimmel abzeichnen. Ich denke an Agnes Miegel die ihr ostpreußisches Land voller Heimatliebe in ihren Büchern in den schönsten Farben beschrieb, teilweise ahnend, dass sie nie wieder dorthin zurückkehren würde. Es war die Zeit, als der zweite Weltkrieg begann. Und danach war unsere Zeit gekommen, zu der wir uns jetzt zurücksehnen. Eine Sternschnuppe fällt vom Himmel. Ich darf mir was wünschen.
2. Tag
Um sieben Uhr früh stand ich vor Walter auf um meine „Aufwachphase“ durchleben zu können. Ein Blechhaferl mit Wasser in ein schnell entfachtes Minifeuer aus drei Holzklötzen gestellt bildete die Basis für meinen Frühstückskaffee. Er schmeckte ähnlich dem Cowboy-Kaffee aus alten John Wayne Filmen. Und der Hintern schmerzte ähnlich den darin vorkommenden Reitern. Aber es war schön.
Kurz darauf erschien Walters Wuschelkopf aus dem Zelt. Erstmals sah ich ihn in Ermangelung sonstiger Flüssigkeiten meinen ihm angebotenen Kaffee trinken. Gott sei Dank hatte er keinen Colt! Das Zelt und unsere paar Habseligkeiten hatten bald wieder ihren Platz in den Packtaschen gefunden und weiter ging’s – einem ungewissen Tagesverlauf entgegen, der sich später als besonders tragisch erweisen sollte.
Manchmal klingelten die Handys. Besorgte Ehefrauen und sensationslüsterne Freunde riefen an. Wir schalteten auch diese Eindringlinge ab. So hat die Technik auch ihre nichtgewollte positive Seite: Ein Knopfdruck genügt – und sie verstummt.
Dieser zweite Tag fiel mir besonders schwer. Die Kilometer wollten und wollten nicht hinter mich kommen. Sie schienen immer vor mir ihren festen Platz einzunehmen. Während ich gestern noch den Eindruck hatte, das Radfahren könnte eventuell einen festen Platz in meinem Leben einnehmen, schien sich heute die gegenteilige Meinung zu manifestieren. In einem Gasthaus in Vohburg entschloss ich mich, ein Stück weiterzufahren, mir im Schatten ein Schlafplätzchen zu suchen, während Walter im Gasthaus blieb und ein bisschen seine Gedanken zu Papier bringen wollte. Der Platz war gefunden und ich entschlummerte sanft. Irgendeine seltsame Berührung an meinen Füßen weckte mich auf. Eine ca. halbmeterlange Schlange hatte es sich auf meiner Matte und über meinen warmen Waden bequem gemacht. Wie von der Tarantel gestochen schoss ich auf und sie entglitt zischend ins Gebüsch. Wahrscheinlich hatte sie mehr Angst als Ich! Gleich darauf rief Walter an. Wo ich sei, und er hätte mich nicht gefunden. Es folgte eine Odyssee von gegenseitigen Suchaktionen per Handy. Drei Riesen-Kühltürme eines Kraftwerks, überall sichtbar sollten unseren Treffpunkt bilden. Und schließlich informierten wir uns übers Handy: „ Ich bin vor dem eisernen Tor des Kraftwerks“. „Ich auch“ sagte der andere. Weit und breit sah aber weder der eine noch der andere irgendeinen Menschen in seiner Umbegung. Wir konnten nicht ahnen, dass es hier zwei Kraftwerke gab. Beide mit drei Kühltürmen! Und wie anders sollte es sein – jeder befand sich beim anderen Kraftwerk. Und jeder umkreiste „sein“ Kraftwerk, ohne den anderen zu finden. So beschlossen wir uns einfach in Ingolstadts Zentrum zu treffen.
Ich kämpfte mich nach Ingolstadt durch und schaffte es nur, weil ich mir vorgenommen hatte, an diesem Tag nach Ankunft dort keinen Zentimeter mehr zu fahren. Nun schlug aber das Schicksal gleich zweimal zu: Einmal für Walter und einmal für mich. Im Zentrum angekommen rief ich Walter an um ihm meine Position durchzugeben. Keine Verbindung! Zehn Minuten später versuchte ich es erneut.
Walter erklärte mit einer Weltuntergangs-Stimme: „Es ist etwas ganz schreckliches passiert!“ Unfall.. Krankenhaus.. schoss es mir durch den Kopf. Aber es war nicht so schlimm: Walter hatte seine Geldbörse verloren mit der gesamten Barschaft, Kreditkarte, Telefonnummern und Bilder seiner geliebten Familie. Das war sein Schicksalsschlag.
„Du musst zurückfahren!“ 10 km! Das war mein Schicksalsschlag. Von wegen, keinen Meter mehr fahren! Ich schaffte es dennoch. Wir trafen uns und verbrachten diese Nacht in einer Pension. Ich schlief mich richtig aus. Walters Problem der unvermutet eingetretenen Mittellosigkeit konnte ich mit meiner zweiten Kreditkarte lösen.
In dieser Nacht machten wir einen Fehler: wir ließen den Zimmerschlüssel außen stecken. So geschah es, dass ein entweder besorgter oder neugieriger Wirt gegen Mitternacht geräuschvoll die Türe aufriss und ins Zimmer brüllte: „Na ihr zwei, Ihr habt den Schlüssel draußen stecken lassen!“ Walter hatte Einschlafproblehme und daher war es in dieser Nacht um Walters Schlaf geschehen. Noch betäubt vom Schicksalsschlag Nummer eins konnten ihn die Gedanken nun nicht mehr verlassen. So war die Stimmung auch am nächsten Tag noch sehr getrübt und ich fuhr zum dritten Male die Strecke Großmehring - Ingolstadt. Weiter ging es nach Neuburg an der Donau einen nicht enden wollenden geraden Radlweg entlang der Donau. So kam es, dass ich am Ende in Vohburg vor einem griechischen Lokal sagte: „Endstation“. Und das war meine fest entschlossene Meinung in diesem Moment.

Dritter Tag
Vielen Radfahrern bin ich begegnet. Da waren erschöpfte Gesichter und solche denen man ansah, dass Sie offensichtlich Freude am Fahrradfahren hatte. Nach zwei Tagen weiß ich, dass ich sicher nicht zur zweiten Kategorie gehöre und auch nie gehören werde. Ich wollte nun meine Frau Niki anrufen und mich von ihr abholen lassen. Ein halber Liter Cola wurde reingeschüttet, ein Gyros bestellt, das mich normalerweise ins seelische Gleichgewicht bringt. Bereits nach einem Drittel war ich satt, obwohl es sehr gut schmeckte. Und so kam der Entschluss, die letzten 35 km nach Donauwörth auch noch zu fahren. Es sollte sich als schrecklichste Tour herausstellen. Plötzlich lag eine Bergstrecke vor uns, von der ich nur die ersten 10 % schaffte. Dann gab mir mein Pulsschlag unmissverständlich zu verstehen, dass ich absteigen musste. Kein Schatten. Über 30 °! Die Sonne knallte mir auf den Kopf. Mühsam schob ich mein Fahrrad 10 Meter weiter.. bleib stehen.. wieder 10 Meter.. Walter war mittlerweile den Berg komplett hinaufgeradelt. Hatte sein Fahrrad oben stehen gelassen und ich sah ihn im Dauerlauf die Strecke zu mir zurücklaufen. „Das ist keine Strecke für einen Anfänger“ sagte er. Kurzerhand nahm er mein Fahrrad und begann es den Berg hinaufzuschieben. „Welchen Gang hast Du drin?“ „Den kleinsten“ antwortete ich. Er setzte sich drauf und radelte den Mount Everest hinauf als wenn das nichts wäre. Meine Proteste, dass ich mein Fahrrad da selbst raufschieben werde, halfen nichts. Gott sei Dank! Per Telefon benachrichtigte ich Niki, mich am nächsten Tag in Donauwörth abzuholen. Ich rechnete die Fahrstrecke aus: ca. eineinhalb bis zwei Stunden. Also müsste Sie um spätestens zehn Uhr da sein. Sie sollte um acht Uhr abfahren. Zu Walter sagte ich mit vorgehaltener Hand: „Rechnen wir mal mit elf Uhr! Ich kenne meine Frau!“ In einem Biergarten etwa zehn Kilometer vor Donauwörth wollten wir den Abend in einem Fremdenzimmer beenden. Es gab in diesem Ort keines und so radelten wir weiter zu einem empfohlenen Baggerweiher. Das Zelt wurde aufgestellt, ein Lagerfeuer entfiel mangels geeigneten Holzes. So endete dieser Abend auf Baumstümpfen hockend in der Finsternis. Und ähnlich finster war auch die Stimmung von uns beiden.
Die Nacht war sehr unruhig, denn am Baggerweiher, nur wenige Meter entfernt gaben sich Ochsenfrösche ein unüberhörbares Brunft-Streitgespräch, die ganze Nacht hindurch. Gegen Mitternacht verließ ich das stickige Zelt um im Freien mit erheblichem Abstand zu den Fröschen einen ruhigeren Schlaf zu finden. Morgens weckte mich Walter um 7:30 Uhr mit „Hans, weiter geht’s!“ Das Zelt hatte er selbst abgebaut, die Sachen waren schnell gepackt und eine Stunde später waren wir in Donauwörth. Ich genas das Frühstück. Es war 10:30 Uhr. Walter wollte die lange balkanische Begrüßung meiner makedonischen Frau umgehen und verabschiedete sich vorher. Niki befand sich noch wenige Kilometer von Donauwörth entfernt. 183 km hatte ich geradelt und die Rettung nahte. Es ist 10:50. Ich denke in 10 Minuten wird Niki da sein. Um 11:00 Uhr, wie für Frauen eingeplant. Und da ist sie schon! Und mit ihr das Ende eines Radabenteuers.
Nachrede
Während ich diese Zeilen Monate danach niederschreibe überkommt mich eine seltsame Sehnsucht, dieses Erlebnis noch einmal zu durchleben. Es war für mich ein realisierter Ausflug in die Vergangenheit. Und erst jetzt wird mir der ganze Umfang von Walters umsichtigen Umgang mit mir bewusst. Ich bin ihm dankbar, dass er mir dies ermöglicht hat. Einmal fragte er mich nach dem zweiten Tag: „wie gefällt es Dir denn, das Radeln?“ Und ich antwortete ihm „gar nicht“. Erschüttert setzte er die Frage nach: „Wirklich gar nichts? Nicht einmal das Bergabfahren?“ Und ich sagte: „Doch! Das einzige was mir sehr gut gefallen hat waren – die Pausen!“ Wie schmerzhaft muß ihn diese Antwort getroffen haben.

©2003 by Hans Sakowski