Der wilde Mann stand am Fenster und schaute auf den kleinen Marktplatz vor dem Dom.
Sein Brustkorb hob und senkte sich unregelmäßig. Die braven Bürger spazierten am frühen Abend noch ein Stündchen durch die Gassen. Zwei Kutschen rollten vorüber, er hörte das lustige Hufeklappern der Pferde nicht. Seine kurzen kräftigen Hände fuhren durch das zottige Haar.
Jetzt blieben die Spaziergänger stehen. Warum bleiben die Spaziergänger stehen? Sie schauten zum Glockenturm. Ja, die siebente Stunde, warum höre ich nichts, er drückte ein Ohr gegen die kalte Scheibe.
Vor einem Jahr klangen die Glocken noch schmerzhaft laut in das Zischen und Rauschen hinein.
Der Mann lachte kurz bellend auf.
„Davon hast du mich ja erlöst“, flüsterte er heiser. Laute Töne erschreckten ihn nicht mehr. Mit wem spreche ich, mit Gott? Bin ich wahnsinnig? Er versuchte sich zu beherrschen. Mit entschlossenen Griffen öffnete er die Riegel, riss die Fensterflügel weit auf.
Der wilde Mann beugte sich mit beiden Händen auf den Sims aufstützend hinaus. Er drehte den Kopf mit der Löwenmähne und vernahm tatsächlich schwach den Klang der Glocke. Ein schiefes Grinsen kroch in sein pockennarbiges Gesicht. Eine Gnade, sollte ich sie ein einziges Mal noch hören.
War das schon der letzte Schlag, in äußerster Konzentration schwollen ihm die Stirnadern an. Es war vorbei.
Auf einmal sah er unten auf dem Platz, dass einige zu ihm hochschauten. Männer im Gehrock und Zylinder, Frauen mit weiten Kleidern und weißen Schürzen, auf den Köpfen ihre Häubchen. Sie lachten, ein paar Männer zeigten sogar mit ihrem Stock zu ihm. Er warf sich zurück, lehnte sich verdeckt an die Wand, den neugierigen Blicken verborgen. Stück für Stück rutschte er mit dem Rücken an der Wand nach unten, bis er auf den Dielen saß. Sein Körper zuckte. Er drückte die Zeigefinger beider Hände in je ein Ohr, so weit es nur ging. Rasend schnell vibrierten seine Finger, als würden sie Triller auf den Tasten schlagen. Erst war es nur das rechte, dachte er, das linke ist nun auch nicht besser. Er musste es herausfinden, weiß der Teufel, warum.
Sein Blick wanderte in der Stube umher und blieb an der großen Wanduhr hängen. Er stützte sein Gewicht auf die linke Hand, sprang mit einem Satz auf die Füße, kraftvoll wie ein Raubtier, ein Löwe eben. Mit entschiedenen Schritten ging er zum Regulator. Die Uhr lief fünf Minuten der Zeit hinterher. Er presste gegen die Vorderscheibe des Gehäuses abwechselnd das rechte und das linke Ohr. Die Schwingungen, hervorgerufen durch die Schläge, spürte er deutlich, aber verdammt bei dem Herrn, er hörte sie nicht.
„Nein“, kam es gequetscht aus ihm, seine eigene Stimme klang als ein verzerrtes Instrument, jedoch vernahm er sie.
Der Mann konnte nicht einschätzen, wie laut sie nach außen klang. Ihn durchfuhr es wie heiße Glut in den Adern. Hoffentlich hörte ihn keiner draußen. Er eilte zurück zum Fenster und schloss es rasch. Schon setzte die Dämmerung ein. Mit wirrem Blick schaute er im Zimmer umher. Der zierliche Sekretär stand auffordernd bereit. Feder und Tintenfass lagen auf der Schreibplatte, daneben ein Stapel sauber gestochener Notenblätter. Die Fürstin hatte für alles gesorgt. Ha, wenn der Geist über ihn kam.
In der Mitte der Stube stand der Flügel. Er war aufgeklappt. Der wilde Mann lief hin, sein Instrument. Er schob trotzig seinen mächtigen Unterkiefer vor als wolle er Nüsse knacken. Seine Hände legten sich auf die kühlen Tasten, seine Finger eilten im schnellen Lauf, er spielte den Anfang einer Mozartsonate im Stehen. In ihm klang die heitere Tonfolge deutlich, aber der Flügel blieb stumm. Mozart hat immer zu hoch komponiert, grübelte er, zuviel Heiterkeit, des Menschen Leid ist ungeheuer, „ich bin kein Sonnenkind“, seine Stimme rasselte fast tonlos aus ihm heraus.
In einem plötzlichen Entschluss setzte er sich auf den Hocker. Seine linke Hand schlug in springenden Achteln das tiefe Cis und das Gis, so müsste das Pendel der Uhr klingen, dachte er grimmig, er beugte den Kopf nach vorn als wolle er die Töne aus dem Flügel hervorlocken – und er hörte sie.
Der wilde Mann lächelte flüchtig. Die tiefen Töne erreichten ihn noch gut, leiser, leiser dachte er, piano, piano. Schließlich überschritt er die Grenze, er vernahm das Pendelschwingen nur noch im Kopf, aber die normalen Menschen, die Begnadeten müssten es als pianissimo hören, er stellte es sich jedenfalls vor. Er wurde etwas lauter, jetzt klang es leise, ganz piano, Bamm, Bamm, Bamm, Bamm. Es überkam ihn. Nach dem Gis der linken Hand setzte er den rechten Daumen auf dieselbe Taste, eine Sechzehntelnote zuvor und raste in Cis-Moll Dreiklängen über die ganze Tastatur, die linke Hand sprang stetig das tiefe Bamm, Bamm. Je höher die Töne der rechten wurden, um so lauter wurde er, die linke wanderte einen Halbton tiefer. Das ist für mich, dachte er und grinste düster, ich darf das, ein anderer nicht. Die rechte Hand kam zwei Oktaven höher zum Stehen. Er schlug so stark er nur konnte den Cis-Moll Dreiklang an, zweimal, der Schrei eines Ertrinkenden. Nichts, die hohen Töne wurden von den Wogen verschlungen. Dann wiederholte er den Lauf, er drosch auf die Tasten und nahm das tiefer liegende Gis dazu, das hörte er, dem Schreien hatte er sein Grollen unterlegt.
Plötzlich hielt er inne.
Schlagartig fiel ihm das Abendbrot im Gasthaus ein. Wie immer saß er abseits von den anderen, aß Fisch und trank seinen Wein. Mit abwesendem Blick hielt er alle von sich fern. Am anderen Ende des Raumes hockten sie wie die Schmeißfliegen zusammen. Lachten und schwatzten, die Herren, er erkannte einige Musiker des Kammerorchesters. Der Fürst konnte es sich leisten. Elende Geiger, Dilettanten, mit finsterer Miene beobachtete er sie unauffällig. Natürlich redeten sie über ihn. Ist er nicht, ja er ist es, das Genie schon vergessen, war zu lange auf dem Lande, dachte er und winkte dem Wirt, um zu zahlen. Er verstand sein gemurmeltes Zechgeld nicht. Dreimal musste er fragen, bis es dem Wirt zu arg wurde, und er die Heller und Groschen auf einen Zettel schrieb. Während er zahlte sah er die lachenden Münder dieser Idioten. Ja, der Meister, der euch Herren soviel Mühe machte, weil seine Stücke so schwer waren, hört nicht mehr.
Die Zornesröte stieg ihm ins Gesicht, als er fluchtartig das Gasthaus verließ. Jetzt, am Piano war es die Schamesröte. Er ließ einen Takt Triolen in den tiefen Tönen anklingen, Cis-Moll.
Er schluchzte auf. Ich stehe draußen aus der Zeit. Es ist nur noch eine Frage von Jahren, vielleicht nur Monate. Franck, der Quacksalber, hatte ihm auch nicht geholfen. Mandelöl und warme Bäder, Landluft und Ruhe, er konnte nur lachen, alles wussten es längst, der taube Genius, die Galle stieg ihm bitter hoch.
„Ich nehme es nicht an, dieses Schicksal nehme ich nicht an, dass kann ER vergessen, Lord, wie dich die Engländer nennen“, murmelte er mit gequetschter Stimme.
Er stand auf und setzte sich an den Sekretär.
Der wilde Mann starrte wie ein gefesseltes Tier stumpf vor sich hin. Die Notenlinien verschwammen vor seinen Augen. Unwillig schob er den Papierstoß beiseite. Durchhalten, nicht schwach werden, schwer ging sein Atem. In einen plötzlichem Entschluss öffnete er in das Geheimfach und zog einen beschriebenen Bogen hervor.
O ihr Menschen, die ihr mich feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet
oder erkläret, wie unrecht tut ihr mir! Er hielt inne, seine Augen wurden
feucht.
„Es war ja nur für alle Fälle“, krächzte seine Stimme.
Es wurde schummrig im Raum. Er las immer wieder, bis er nichts mehr sah.
Der Mann erhob sich und ging zum Kamin. Die Wirtsleute hatten kleine
Holzscheite über Zunder geschichtet. Er kniete sich nieder und schlug kräftig
das Schlagfeuer, dass die Funken nur so sprühten und bald das erste Flämmchen
züngelte. Er entzündete zwei Kerzen und setzte sich wieder an den Sekretär.
Nun konnte er lesen, was er geschrieben hatte vor einem halben Jahr.
Das flackernde Kerzenlicht warf den Schatten seiner gebückten Gestalt
gespenstisch groß an die weiß getünchte Wand. o, wie hart wurde ich durch
die verdoppelte traurige Erfahrung meines schlechten Gehörs dann
zurückgestoßen. Und doch wars mir nicht möglich, den Menschen zu sagen:
sprecht lauter, schreit, denn ich bin taub.
Wie flüssiges Blei drückten die Worte sich in sein Herz. schwer atmend flüsterte
er:
„Eine schwache Stunde, es war eine schwache Stunde.“
Welche Demütigung, wenn jemand neben mir stand und von weitem eine
Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten singen hörte und ich
auch nichts hörte. Solche Ereignisse brachten mich nahe an den Rand der
Verzweiflung: es fehlte wenig und ich endigte selbst mein Leben. Nur sie, die
Kunst, sie hielt mich zurück...
Er stockte, seit einem halben Jahr habe ich nicht mehr komponiert, wo ist sie
hin, die Kunst? Ein paar Skizzen für ein Streichquartett stümperte er zusammen.
Angewidert warf er das Testament zurück ins Geheimfach, dort, wo schon die
Briefe lagerten, die Briefe an die unsterbliche Geliebte, nie abgeschickt.
Der wilde Mann stand auf und lief auf den blanken Dielen hin und her. Ein
Genie, ha, er lachte wieder bellend, ein aufgehörtes Genie.
„Vergessen werde ich sein, vergessen.“
Warum, diese Leid, warum?
Urplötzlich warf es ihn auf den Boden. Er wimmerte, Weinkrämpfe
durchschüttelten ihn. Er kroch auf allen Vieren zum Diwan und griff sich ein
Kissen. Dann lag er wieder auf den Boden. Er schrie in das Kissen hinein, keiner
sollte ihn hören. Das war ein Kampf zwischen IHM und ihn. Sein starker
Körper bäumte sich auf.
„Nein, nein, nein“, schrie er in den roten Samt. Hau mich doch um, dachte er
plötzlich erschöpft, ich mach' es nicht von selber. Eine Mattigkeit folgte dem
Krampf. Die Tränen trockneten. Er lag stille, ganz still. Das Zischen
wurde unwichtig, das Pfeifen ging in die Ferne.
Und dunkel klangen die Triolen, dunkel, aber schön. Wie ein heilender Strom,
immer wieder. ER sprach zum ihm, der Lord. Die Töne füllten ihn aus, er war
ein Gefäß für den göttlichen Nektar, eine seltsame Kraft ging in ihn ein. Ruhe,
kein wildes Aufbäumen mehr, doch noch einmal, eine kleine Dissonanz wie ein
das Echo seines Kampfes, und dann wieder der ruhige Fluss. Langsam erhob er
sich, seine Bewegungen glichen der Zeremonie eines Dieners des höchsten
Königs dieser Welt, er hatte IHM seine Schöpferkraft abgerungen, sie sich
zurückgeholt.
Der ruhige Mann legte das Kissen auf den Diwan. Er entzündete eine großen
Leuchter und setzte sich an den Sekretär. Die unbeschriebenen Notenblätter zog
er vor sich, tauchte den Federkiel ins Tintenfass und schrieb in seiner sauberen
Handschrift. Sein Geist war frei. Ab und an ging er an den Flügel, kontrollierte
einige Töne. Es war unnötig. Jede Note saß richtig und genau im Takt.
Die Stadt schlief und er schrieb als führe jemand seine Hand, in einem Zug die
ganze Sonate, bis zum Morgengrauen. Die fertigen Bögen fielen auf die hellen
Dielen, rechts und links von ihm, ohne dass er es bemerkte.
Am Tage schlief er wie ein Toter und hörte nicht den alten Freund Wegeler an
die Tür pochen, „Beethoven, mach' Er auf, mach' Er auf, was ist mit Ihm?“
Anmerkung: kursiv die Zitate aus dem Heiligenstädter Testament

