Schon viel zu lang allein, beschließt sie, die Vielfalt im Internet für eine neue Liebe zu nutzen.
Die Anzahl der kostenlosen Plattformen für jede(n) Suchende ist immens. Nach ein paar Monaten gibt sie die Suche dort auf. Wer schon kein Geld ausgeben möchte, um für den Rest seines Lebens glücklich gemacht zu werden, der ist als Partner für sie unakzeptabel. Die Bilder, die für die kostenlosen Anbieter gut genug waren, taugen jetzt nicht mehr für ihre Zwecke. Für läppische 198 Euro lässt sie neue Fotos machen.
„Die sind viel besser geworden als die von dir,“ erklärt sie mir und zeigt stolz die Hochglanzbildchen her.
Zuerst erkenne ich die Frau auf den Bildern kaum. Keine Falte, ein voller Haarschopf und diese geschwungenen Lippen unter der zarten Nase. Auch der üppige Blusenausschnitt irritiert mich. Die Frau, die mir gegenüber sitzt, hat schütteres Haar trotz Volumenshampoo, Haarlack und toupieren. Ihre Lippen sind ein Strich unter einer eher breiten Nase und um ihre Augen herum sind nicht nur Fältchen, sondern auch Tränensäcke, die sehr dunkel sind. Der Begriff Oberweite müsste für sie in Obernähe getauscht werden. Bei diesen Fotos hat ein Bildbearbeitungsprogramm all seine Möglichkeiten ausgeschöpft.
„Die werde ich verschicken, wenn mir der Mann gefällt. Schließlich will ich ja nicht nach meinem Äußeren beurteilt werden,“ erklärt sie mir und ich frage mich, wie wohl das erste Treffen verlaufen wird. Sie will mich auf dem Laufenden halten, was die Entwicklung hinsichtlich „käuflicher“ Männerauswahl betrifft.
Schon nach wenigen Tagen ist sie begeistert. Gleich fünf Herren kamen in ihre engere Wahl, zwei davon sortierte sie aus, nachdem die Herren Fotos aus dem normalen Leben schickten. Bauch doch zu füllig, Haar zu schütter. Mir gehen viele Gedanken durch den Kopf….an die eigene Nase fassen, wo ER zu viel hat, hat SIE zu wenig….doch ich halte tatsächlich einmal den Mund!
Nach weiteren drei Tagen steht der Favorit fest. Ein Architekt, der viel im Ausland arbeitet. ER hat eine tolle Art zu schreiben, ist charmant, schickt wundervolle Gedichte, seine Stimme ist irre sexy…ihre auch, das muss man ihr lassen. In vier Wochen kam leider noch kein Kontakt zustande, weil er immer nur in Deutschland ist, um seine Koffer neu zu packen, doch seine Sehnsucht nach ihr beschreibt er in glühenden Zeilen. In ihrer Fantasie wird er immer mehr zum Supermann. Ihr bleibt ja nur die Fantasie, die Realität wird ihr (noch) vorenthalten. Wer würde in solch einer Situation schon negative Einflüsse in seine Fantasie einbinden? ER wird das allerdings auch nicht tun!
Dann ist es endlich soweit! Vor einem Restaurant der gehobenen Klasse sind sie verabredet und das schon um 18 Uhr, weil er von ihr und dem Abend so viel wie möglich haben möchte, wie er am Telefon flüsterte. Sie nimmt mein Auto, ihres springt nicht an. Vielleicht ist es für diesen tollen Architekten auch nur zu alt und rostig?
Um 18.20 brettert mein Auto auf den Hof, eine heulende Frau springt heraus und flucht was das Zeug hält.
„Da sagt das Arschloch doch tatsächlich, ich sei die unverschämteste Mogelpackung, die ihm je untergekommen sei! Er hätte mich nie und nimmer erkannt, das auf den Bildern sei eine völlig andere Person. Alles wäre halb so schlimm, hätte ICH ihn nicht wochenlang belogen!“
Sie schaut mich an und erwartet eine Antwort, um die ich mich nicht drücken kann.
„Männer..,“ sage ich und denke den Rest des Satzes *lassen sich halt auch kein X für ein U vormachen*
Sie sucht jetzt wieder mit den alten Bildern bei den kostenlosen Anbietern…..
