Kein Thema?
Die Frage lautet doch folgendermaßen “wird tatsächlich in unserer heutigen Gesellschaft vieles was wirklich wichtig und diskussionswürdig ist, heruntergespielt oder aber sind wir bereit uns jedweder Situation voll und ganz, mit aller Kraft und Inbrunst, zu stellen“. Egal, ob wir daraus Konsequenzen, die für unser weiteres Leben mitbestimmend sind ziehen oder ob wir nur „passiv“ mitleiden. Wichtig ist jedoch, daß wir uns mit den Situationen auseinandersetzen, die uns und unser Umfeld belasten. Dachte ich.
Ich frage mich, was gibt es da zu tun? Die Unbarmherzigkeit, die Kälte, die Unberechenbarkeit, den Hass und die Mißgunst – die neuen Götzen unseres Zeitalters –der Menschheit von heute auf morgen in Verständnis, Mitleid, Liebe und Wärme umzuwandeln, scheint mir einem Wunschdenken zu entspringen. Aber man könnte es jeden Tag neu versuchen, was kaum jemanden, der in seinem Ego gefangen ist, nicht so ohne Weiteres gelingt. Zu der Zeit, über die ich hier schreiben möchte, tobte auf dem europäischen Festland, genauer gesagt im ehemaligen Jugoslawien, ein grausamer Bruderkrieg. Viele meiner Mitbürger hatten in dieser Region Urlaub gemacht und nicht wenige haben sogar auch Freundschaften geschlossen, einige sich sogar familiär verbunden. Auch pflegte man den nachbarschaftlichen Austausch. Alles andere ist jetzt schon Geschichte: lange zuvor gärten die Autonomiebestrebungen der verschiedenen Völkergruppen untereinander. Serben, Albaner, einst in genügsamer Zweisamkeit, wurden durch gierige Machtbestrebungen entzweit und trieben ihren Haß aufeinander soweit, als daß der eine Nachbar den anderen tötete, nur weil die politischen Drahtzieher und die Rüstungsindustrie es so haben wollten.
Dieser Krieg und das daraus resultierende Unglück sind so nahe bei uns und dennoch so weit entfernt, wir der Mond zu Erde. Wir gehen unseren alltäglichen Geschäften nach, denn es ist der gängigen Meinung nach nicht unser Krieg und meinen, daß mit Hilfsgütern und ausgesandten Friedenstruppen der Pflicht – etwa arm hilft reich – und damit hat es sich dann auch schon – Genüge getan wurde. „Ich wasche meine Hände in Unschuld“ mag sich so mancher Westeuropäer wohl täglich sagen, falls er überhaupt an diesen schrecklichen Krieg gedacht haben mag: er ist satt und gut versorgt. Das Dach ist nicht undicht, Heizmaterial und zu essen haben wir mehr als genug. „Ist doch kein Thema“ würde meine Nachbarin sagen, angesprochen auf die entsetzlichen Zustände in der Kriegregion. Sie hatte doch im Fernsehen verfolgt, wie von den Hilfsorganisationen Zeltstädte aufgebaut wurden und das unter ihren Schutz die kleinen Kinder, deren Eltern, Verwandte und alten Menschen gut versorgt würden – und das alles von unserem Geld, spuckte sie heraus.
„Ist doch kein Thema“ spukt mir schon seit geraumer Zeit im Kopfe herum. Ich höre dieses so geläufig in aller Munde gesprochenes Umgangsdeutsch mehrmals am Tag. Es könnte für „kein Problem“ stehen. Jedenfalls ist es ein zeitgenössischer Ausdruck. Wer oder was, so frage ich mich, ist denn kein Thema? Das Wetter? Regnet es, nehme ich den Schirm. Also, „ist doch kein Thema“. Eine 6 in Mathe oder eine verpfuschte Deutscharbeit? „Ist doch kein Thema!“ Dann gibt es eben Nachhilfeunterricht. Vergessen, Lebensmittel einzukaufen? „Ist doch kein Thema“ – die Kühltruhe ist gut gefüllt. Fernseherkaputt? Nun gut – in der Küche oder im Kinderzimmer finden wir einen zweiten. Okay, es ist wirklich kein Thema für uns.
Mir läuft dieser Satz tagtäglich nach. Bei meinem letzten Einkauf im Sommer ist mir nun aber doch die Galle hochgekommen. Das Radio im Schuhgeschäft spielte gute Musik, nicht zu laut und nicht zu leise, für mich gerade richtig und sie versetzte mich in einer leichten, heiteren Stimmung. Geneigt, ein paar schönen Sommersandalen eine Chance zu geben in meinen Besitz zu gelangen – bis ich ein Gespräch von zwei anwesenden Damen wahrnahm. Eine von ihnen hatte diesen kleinen Hund, dem man so gerne Schleifchen in das Fell zwischen den Ohren bindet – ganz allerliebst, hörte ich mich leicht zynisch, flöten - auf den Arm. Ihre Freundin probierte gerade ein paar goldgelackte Ballerinaschühchen an. Für meinen Geschmack hatte sie viel zu dicke Füße für diese Art von Schuhen. Sie lief ein paar Mal ungeschickt damit hin und her, befand sie doch etwas zu klein für ihren Fuß, als der Nachrichtensprecher gerade wieder einen Zustandsbericht über die Kämpfe im Kriegsgebiet und über die Anzahl der Getöteten gab. Ich verharrte erschrocken, starrte auf meine Sandalen und lauschte angestrengt dem Nachrichtensprecher mit den traurigen Neuigkeiten aus Jugoslawien, als gleichzeitig die Hundedame mit einer affektierten Stimme ausrief: „ja, schau doch mal, selbst, wenn dir die Schuhe etwas zu eng sind, so ist dies doch ein herrlicher Schuh. Sie werden sich ja doch noch weiten, das ist doch „kein Thema“. Da war es wieder „kein Thema“. Ich konnte es nicht glauben. Die beiden Frauen waren so sehr auf sich fixiert, so daß sie ihre Umwelt überhaupt nicht wahrnahmen. Ich schaute fassungslos in ihre grell geschminkten Gesichter und beschloß auf der Stelle, daß meine Vorjahressandalen doch auch noch gut genug für diesen Sommer wären, nicht ohne zuvor einen giftigen und abwertenden Blick auf die Zwei abgeschossen zu haben, wodurch „ballerinatragende“ Frau schüchtern zu ihrer Freundin sagte „wenn ich aber eine Nummer zu groß nehme, schluppe doch hinaus“. Die Schoßhündchenfrau konterte, „aber das ist doch kein Thema, dann musst du eben eine Einlegesohle hineinlegen und schon passen sie.“ Sprach’s und küsste ihren Hund auf den Kopf, „nicht wahr, mein kleiner Liebling?“ Er belohnte sie mit einem „Schleck“ auf ihre Wange. Hallo? – ist das auch „kein Thema“???
Auf dem Nachhausweg kam mir der Gedanke, daß ich, die bei den Nachrichten so mitgefühlt hatte und sogar den Kauf von neuen Sandalen abbrach, auch nicht viel damit an der momentanen Krisensituation hab’ ändern können, so, wie die beiden Frauen, die sich voll und ganz ihren momentanen Bedürfnissen hingaben: sie hörten einfach nicht hin – ich aber hörte hin und litt. Dennoch frage ich mich: was hilft mein Mitgefühl denen, die im Dreck liegen, ihre Familien und Kinder verlieren? Für die kriegsgebeutelten Menschen gilt ja doch nur das Überleben, so oder so. Mit oder ohne Mitgefühl. KYRIELEISON – HERR ERBARME DICH
