Viele beziehen das Verhalten ihres Partners, der Familie und der Bekannten nur auf sich selbst, erleben sich wie Kinder als hilflos und glauben, unhaltbare Situationen nicht beeinflussen oder ändern zu können.

Die mystische Existenz

Aufgewachsen bei mangelnder Geborgenheit und unzureichender emotioneller Bindung in einer von Geistern beherrschten Welt leben viele nicht in der Realität und erwarten die Führung und Erfüllung ihres Lebens durch Buddha, Thewada (einem göttlichen Wesen) und den Geistern. Menschen entrücken oftmals ihrer Aufmerksamkeit, werden zu unmaßgeblichen Nebenerscheinungen.

Aus geträumten Zahlen, Figuren und Erlebnissen, Nummern von Unfallwagen ohne Tote, dem Rufen von Vögeln, Wolkenkonstellationen, vermuteten ‘Omen’ und außergewöhnlichen Geschehnissen formen sie böse Vorahnunge, euphorische Vorfreuden und angenommenes Wissen über die Zukunft. Höhergestellte Persönlichkeiten, darunter Staatschefs und Minister haben direkteren Zugang zum Wissen über die Zukunft und die Lösung anstehender Probleme; vor wichtigen Entscheidungen befragen sie ihr Horoskop, einen bekannten Mönch oder einen Wahrsager.

Während das Einhalten von Treffen und Terminen mit Bekannten nicht erforderlich scheint, so ist es doch von äußerster Wichtigkeit, den diversen für Wohnung, Haus oder Arbeitsplatz zuständigen Geistern regelmäßig und ohne jegliche Versäumnisse ihren Respekt zu erweisen. Hierbei ist es von höchster Bedeutung, daß die vorgeschriebenen Zeremonien exakt und fehlerlos durchgeführt werden, da sich die Geister sonst wegen mangelnden Respekts fürchterlich rächen könnten.

Geister bedrohen das Leben und beherrschen es, ohne daß man ihre Absichten erkennen könnte. Sie können Krankheiten, Unglück und Tod bringen. Sie stellen einen bedeutenden Teil der Erziehung, des Lebens und der alltäglichen Unterhaltung dar. Und da Menschen nichts gegen die Geister vermögen, werden Menschen im Verhältnis zu den Geistern im Leben weitgehend nebensächlich. Die volle Konzentration wird darauf gerichtet, die verschiedenen Geister nicht zu erzürnen, nicht mit ihnen in Konflikt zu geraten und von ihnen jene Lebenshilfe und Unterstützung zu erhalten, die sie von Menschen nie erlebt haben. Dieses Verhalten wird durch emotionale Bindungslosigkeit und Unsicherheit als auch durch negative Erfahrungen, durch reichhaltige Informationen über die durch Buddha, Thevada oder Geister verursachten Geschehnisse und einen immensen Bildungsmangel vertieft.

Umgang mit Menschen

Menschen sind für den Durchschnitt der Thai, wenn sie nicht aus dem Dorf kommen, in dem sie großgeworden sind, genauso uneinschätzbar und gefahrdrohend, wie die Geister außerhalb des Dorfes. Jene Geister, vor denen man sich mit Amuletten oder Tätowierungen schützen kann, die man sich vielleicht gewogen machen kann, indem man lächelt, ihnen Respekt erweist und Opfer bringt, die man aber unbedingt vernichten muß, wenn sie trotz aller Anstrengungen weiter bedrohlich wirken.

Bei vielen, meist jüngeren Thai hat man das Gefühl, sie seien in einer fernen Welt, als würden sie gesprochene Wort wohl hören, aber nicht wahrnehmen, gefangen in einer Welt voller lebensbestimmender Figuren, die ihre ganze Aufmerksamkeit brauchen, ihnen lebenswichtige Entscheidungen mitteilen und Handlungsanweisungen geben.

Der Mensch rückt in weiten Teilen Asiens ins Nebensächliche und wird oftmals nicht wahrgenommen, wenn er nicht einen bedeutenden Teil des Lebens ausmacht. Wir finden Leute, die mitten in einem Durchgang oder mitten auf dem Bürgersteig stehen, sich miteinander unterhalten und anderen den Weg versperren. Doch sie bemerken die anderen nicht, fremde Menschen gehören nicht zu ihrem Leben. Man muß die in Unterhaltun befindlichen oder wartenden Leute erst ansprechen uind erklären, daß man vorbeigehen möchte, dann erst bemerken sie, daß sie den Weg versperren und machen freundlich Platz.

Wir sehen endlose Reihen von geparkten Motorrädern vor Eingängen und sogar auf Zebrastreifen. Niemand denkt daran, daß dort vielleicht jemand an den Motorrädern vorbeigehen möchte. Fremde gehören nicht zu den Mitmenschen. Selbst dann, wenn man mit einigen Thai vielleicht bei einer Feier einen intensiven fröhlichen Abend verbracht hat, kann man am nächsten Tag als ein völlig Fremder behandelt werden; man gehört nicht zu ihrem Leben. Und es fällt auch auf, wie viel vergessen wird, sei’s Aufträge an Angestellte oder Mitarbeiter, in Geschäften, mit Vertragspartnern oder Themen und Mitteilungen, über die man mit Leuten gesprochen hat. Und jeder vergißt grundsätzlich am liebsten, was ihn am wenigsten interessiert oder was ihm unangenehm ist und das sind hier in der Regel andere Menschen. Besonders dann vergißt man gerne die ‘Nebensächlichkeiten’, wenn man gerade größere Probleme hat.

Beim Umgang mit Menschen ist es in Thailand üblicherweise von besonderer Wichtigkeit, daß man nicht über Probleme spricht, insbesondere dann nicht, wenn diese etwas mit der Familie, der Arbeit, den Vorgesetzten oder der Religion zu tun haben. Der Grund besteht darin, daß man Freunde oder Bekannte nicht belästigen soll, weil das unhöflich wäre. Wie der Mensch sich verhält, was er tut und was er spricht, sollte schön sein, dies ist eines der obersten Gebote der thailändischen Gesellschaft. Seine Probleme sind nebensächlich, denn er soll seine Freunde und Bekannten erfreuen, um nicht zu stören und abgelehnt zu werden. Früher zählte auch die Politik zu den Tabus, doch hier haben sich im Verlauf der letzten vierzig Jahre wesentliche Änderungen ergeben.

Probleme des Innenlebens

Erhält ein Kleinkind zu wenig Wärme und Zuneigung, so kann es eigene Gefühle nicht oder nur unzureichend entwickeln. Dementsprechend gering ist das Mitgefühl. Das fällt zunächst nicht auf, weil jedes Kind lernt, einem Menschen etwas zu essen abzugeben, wenn er nichts hat, weil Buddha gesagt hat, man soll Gutes tun, und daß man einem Bettler ein paar Baht geben soll (was das Ansehen fördert). Doch das sind keine eigenen Gefühle und Mitleid mit einer Person ist selten. Davon zeugen auch viele völlig unnötige Grausamkeiten, die von jugendlichen Banden, bei Verbrechen und auch bei der Polizei begangen werden.

Das Einfühlungsvermögen ist zumeist nur minimal entwickelt. Die Frage: „Wie würdest Du Dich fühlen, wenn Du wie dieser Mann Haus und Familie verloren hättest?“, findet bestenfalls die Antwort: „Ich bin ja nicht verheiratet, und dann müßte ich arbeiten gehen.“ Bei einem Menschen, der einen Partner verloren hat, reicht das Mitgefühl gerade so weit, daß man zur Überzeugung kommt, er sollte sich einen neuen suchen.

Zwar werden bei nahestehenden Personen aufgrund der herrschenden Traditionen Versuche des Verstehens und der Hilfe unternommen, doch so gut sie gemeint sind, gehen sie zumeist an der Realität vorbei. Die Probleme eines Menschen können nicht nachempfunden und auch nicht logisch verstanden werden, weil die hierzu erforderlichen emotionellen Erfahrungen, nötige Informationen über das Zusammenleben von Menschen und die dafür erforderliche allgemeine Bildung fehlen. Allerdings werden allgemein übliche Standardsituationen wie Standardunfälle mit Standardverhalten beantwortet.

Auch werden die Welt und damit die Personen der Umwelt oft nur aus der eigenen, augenblicklichen Position gesehen. Das drückt sich besonders bei einfachen Leuten beispielsweise darin aus, daß sie ihre eigenen Gedanken oder Probleme nicht beiseite schieben können. Sie denken dann nur an das und sprechen nur über das, was sie selbst bewegt, ganz gleich, welches Thema jemand anders nennt oder welche Probleme er hat. Wie kann die Tochter einen mit Kopfschmerzen, einer Knieverletzung oder Schulproblemen belästigen, wenn man sich gerade darüber ärgert, was eine Nachbarin gestern gesagt hat. Und das, obwohl die Tochter nur ein Kind ist und genau weiß, daß sie höherstehende Personen, wie Mutter und Vater, nicht belästigen darf.

Die emotionale Unterentwicklung vieler Menschen (die man übrigens auch in Europa findet, aber im Alltagsleben nicht so leicht wahrnimmt) verringert ihren Schmerz und das Bedürfnis, gegen das Leiden anzugehen und um Zufriedenheit zu kämpfen. Da man sein Leben durch das Fehlen positiver Erfahrungen oder glücklicher Zeiten und dank geringerer Emotionen nicht als so schlimm empfindet, weil man ja nichts besseres kennt, gibt man sich auch mit einem unangenehmen Zustand ab, da er nicht als unlebbar empfunden wird, und resigniert.

Da ja ohnehin alles vom Kharma, dem Schicksal vorbestimmt und unabänderlich ist, versinken viele Leute in Hoffnungslosigkeit, Gehorsam und Apathie, ohne den geringsten Versuch, an ihrem Schicksal selbst etwas zu ändern. Sie folgen den Traditionen, tun, was ‘man’ tut und leben mehr oder weniger so, wie die Eltern gelebt haben. Ihre Existenz ergibt sich aus ständigen Handlungswiederholungen, der Anwendung oft gesehener Verhaltensweisen und auswendig gelernter Verhaltenshinweise.

Daraus ergibt sich zwar kein inniges Miteinander mit anderen Menschen, jedoch auch kein Gefühl emotioneller Abhängigkeit, kein Haß wegen Nichtgewolltwerdens, sondern ein weitgehend reibungsloses Nebeneinander in einem tristen, grauen und einsamen Alltagsleben, in dem nur ein Lottogewinn oder jene wenigen Momente des ‘sanuk’ eine Freude bieten. Eingefahrene Verhaltensweisen und die Kenntnis der gesellschaftlichen Werteskala verringern Spannungen und die Probleme des Alltags.

Der unsichere Wert des Menschen

wurde bereits eingangs unter dem Subtitel ‘Die Gesellschaftsan-schauung’ kurz angesprochen, doch er bedarf größerer Beachtung, denn er ist die Basis der Gesellschaftsordnung. Der Begriff ‘menschlicher Wert’ läßt sich allerdings nicht in die thailändische Sprache übersetzen, ohne ausführliche Erläuterungen zum richtigen Verständnis hinzuzufügen.

Der Mensch ist nicht ‘an sich’. Er ist immer in Situationen und im Zusammenhang mit anderen Menschen zu sehen, für die er etwas bedeutet, oder vielleicht auch bedeutungslos ist. Er erhält also seine Bedeutung und damit auch seinen Wert von den Menschen zugeschrieben, mit denen er lebt oder auf die er in irgend einer Weise eine Auswirkung hat. Um den Wert eines Menschen kennenzulernen und zu verstehen, sollte man fragen, was er anderen Menschen bedeutet.

In mehreren Erdteilen finden wir Leute, für die ein Mensch Leben bedeutet, nämlich die Möglichkeit eines Austausches von Empfindungen und Gedanken, einer Gemeinsamkeit oder auch gegenseitigen Verständnisses und gemeinsamer Freuden. Das ist jedoch in weiten Teilen Asiens nicht üblich, was sich aus der Vergangenheit und gegebenen Machtstrukturen ergibt. Über Jahrhunderte hinweg wurden hier Menschen aus der Perspektive der Armut, der Not, der Abhängigkeit, der Hilflosigkeit und der Furcht gesehen und erlebt.

Es gab Gottkönige und mächtige Herrscher, hohe, mittlere und kleinere Beamte, Soldaten und später auch Polizisten, die alle mit der Bevölkerung nach Gutdünken verfahren konnten und deren Gewalt nur durch die über ihnen stehenden Mächtigen begrenzt wurde. Sie alle interessierten sich in der Regel nur insofern für ihre Untertanen, als daß sie von ihnen Abgaben erwarteten und einzwangen, sowie zwangsweise als Soldaten in ihre Armeen rekrutierten. Ferner gab es in der Dorfgemeinschaft Reichere und folglich Mächtigere, Einfluß-reichere und Stärkere. So bedeutete der Mensch der Bevölkerung über Jahrhunderte hinweg nicht etwa eine Lebensmöglichkeit, sondern nur Gefahr für Leib, Leben und Besitz.

Da sich Macht und die Möglichkeit der Gewaltausübung aus einem größeren Kapital oder Besitz ergeben, gleichzeitig eine klare Gesellschaftsordnung zur Vermeidung von Streitigkeiten erforderlich wurde, schufen die Reichen das Sakdina - System zur Erfassung des menschlichen Wertes, um eine möglichst klar überschaubare vertikale Werteskala zu schaffen, in der jeder Bewohner des Landes seinen Platz findet.

Dieses System bezeichnete den Rang und damit den Wert eines Menschen nach seiner Macht, respektive seinem Besitz. Danach besaß der König das gesamte Land. Er bezahlte seine Beamten nicht mit klingender Münze, sondern verlieh ihnen Landbesitz, mit dem sie ihr Einkommen dank Einsatz von Sklaven, ‘verpflichteten’ Bauern und Landarbeitern erreichen konnten. Den kleineren Leuten erteilte der König Landbesitzrechte. Hohe Beamte erhielten demnach riesigen Landbesitz, kleine Beamte konnten immer noch große Grundstücke haben, Händler und Bürger waren dagegen schon sehr begrenzt und Bauern durften nicht mehr als 40 Hektar besitzen.

So gehörte der weitaus größte Teil des Landes dem König und seinen Beamten, sie waren also die mächtigsten und damit im Rahmen dieser Wertescala die wertvollsten Personen und die Bauern jene mit dem geringsten Wert. Sklaven und Ausländer durften kein Land besitzen, sie waren wertlos. Nur der König konnte ihnen für irgendwelche besonderen Dienste Land schenken, wie es in einigen Fällen besonders unter König Narai bei Ausländern in Ayutthaya geschehen ist oder sie aus dem Sklaventum befreien und ihnen Landbesitzrechte verleihen, worüber wir viele Beispiele aus Sukhothai haben. Ansonsten hatten sie keinen Wert.

Die Sklaverei wurde in Thailand von König Chulalongkorn um die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende abgeschafft und auch das Sakdina-System wurde vom Landbesitz in einen Monatslohn für Beamte umgewandelt. Doch dieser Monatslohn entsprach wiederum dem Rang des Sakdina-Systems, bzw. dem Landbesitz und so blieb das jahrhundertealte Sakdina-System zur Bewertung von Menschen erhalten. Sie werden auch heute noch nach den Möglichkeiten einer Gewaltausübung, nach ihrem Status und ihrem Besitz beurteilt.

Hinzugekommen sind ihre Einflußmöglichkeiten oder ihre Möglichkeiten, für einen Lebensunterhalt zu sorgen. In jedem Falle sind sie aber nicht Personen mit eigenen Empfindungen, die eine Möglichkeit gemeinsamen Lebens bieten, sondern immer nur das, was sie besitzen, die Gewalt, die sie anwenden können, die Gefahr die sie bedeuten, respektive, was sie zu geben in der Lage sind. Das bezieht sich grundsätzlich auch auf alle Ausländer und insbesondere die ‘Farang’, die zwar aus der Werteskala entfallen und gesellschaftlich wertlos sind, aber doch durch Reichtum, Großzügigkeit oder die Übernahme der Lebenshaltungskosten einer Thailänderin zumindest für diese einen gewissen Wert bedeuten können.

Fortsetzung Teil 3