An einem der nächsten Tage, die ich überwiegend damit verbringe, mit meinem Sohn zu einem Spielplatz inmitten der Stadt zu gehen, auf dem die Geräte noch halbwegs intakt sind und – zu einer bestimmten Zeit, wie ich registriere - auch viele Kinder, bemerke ich wiederholt den mir sehr offensichtlich nachstellenden Mann.

Ich versuche, den Mann aus meinen Gedanken zu streichen, zumindest für die Zeit, mit der ich mit meinem Sohn und den anderen Kindern spiele.

Als angenehm empfinde ich die Beobachtung, dass die Kinder in ihrer Sprache sprechen und trotzdem ‚miteinander’ spielen können, sogar ausgelassen toben und lachen, sodass ich mich ein wenig zurücknehme, und nicht mehr mitschaukle, mitwippe, Kuchen backe, sondern die Kinder ‚machen lasse’.

 

Da ich die Umgebung des Hotels nun mehr oder weniger verinnerlicht habe, erlaube ich mir auf dem Weg zum Hotel ein ‚Spiel’ und biege vermeintlich in eine Strasse ein, um dort aber stehen zu bleiben, was zur Folge hat, dem Unbekannten direkt in Gesicht zu sehen.

 

Hierbei präge ich mir genau die Groesse, die Kleidung, Merkmale seines Gesichts ein, sage nichts, da ich meine, nicht nur Erstaunen in seinem Gesicht zu registrieren, sondern auch eine Art Verachtung … und Gier. Dominanz.

 

Da kann ich so gar nicht mit umgehen, blicke ihm ernst ins Gesicht und bitte auf Deutsch (was bleibt mir übrig), mich nicht weiter zu verfolgen.

 

Innerlich zitternd komme ich am Hotel an und spreche am frühen Abend nochmals die Situation mit meinem Mann an.

Zu unserem großen Erstaunen ist der Unbekannte, als wir uns am spaeten Abend mit Bekannten auf den Weg zu einem Restaurant machen, wieder da. Beobachtet die ganze Gruppe recht unverhohlen.

 

Mein Ex-Mann geht schnellen Schrittes auf den Mann zu, was dieser zum Anlass nimmt, sich nun doch zu entfernen.

 

Die Arbeitskollegen meines Mannes meinen nun auch, dass die Situation mehr als unangenehm wäre und wir den Hotelier, das Personal, und vielleicht sogar die Polizei verständigen sollten.

 

Dem Inhaber des Hotels, als auch dem Personal geben wir entsprechende Informationen, die Polizisten fragen, ob denn schon etwas passiert sei … nein, noch nicht … nun, dann könne sie erst einmal nichts machen. Vielleicht läge es auch an mir.

 

Die Tage darauf bin ich innerlich angespannt und treffe immer wieder auf diesen Menschen, der immer unverhohlener nun auch eindeutige Gesten macht.

 

Auf einem Festival, das wir gemeinsam mit den Arbeitskollegen meines E-Mannes besuchen, fasst mir ein Mann an den Po. Ich drehe mich um, und versuche, ihn zu fassen, was mir nicht gelingt. Da es dunkel ist, kann ich auch nicht mit Gewissheit sagen, ob ‚er’ es war. Aber ich bin wütend. Gekränkt. Tief gekränkt in meinem Frausein, das hier eine andere Bedeutung hat, als bei ‚uns’. Da ich laut rufe: „Und dem Nächsten, der mir an den Po fasst, ramme ich ein Messer in seine Eier, damit ihr’ s wisst“, entsteht ein Tumult. Ich weine.

Frauen, zumeist verschleierte, kommen auf mich zu. Trösten mich. Haben wohl verstanden, wie es in mir aussieht. Worum es ging.

 

Noch am gleichen Abend gehen wir über einen Wochenmarkt.

Ich habe ein Ziel.

Nein, ich möchte keine rosa und mintfarbenen Schlüpfer kaufen. Vielen Dank, nein, auch keine Töpfe und Pfannen.

Da!

Ein Verkäufer, der Messer anbietet. Grosse und kleine. Scharfe und weniger scharfe. Zu seinem Erstaunen entscheide ich mich für eines mit einem gut gearbeiteten, für mich handlichen Griff … mit einer doch eher ‚stumpfen’, etwa 10 cm langen Klinge.

Der Verkäufer bietet an, die Klinge zu schleifen, aber ich lehne ab.

Für meine Zwecke, jemandem die Hoden nachhaltig zu bearbeiten, genau richtig, sage ich und habe das Gefühl, dass der Händler mich versteht, denn sein Gesicht drückt Entsetzen aus.

Mein Ex-Mann ist ebenso entsetzt und fragt: „Hast Du schon mal von türkischen Gefängnissen gehört?“

Mir egal. Ich antworte: „Nein, aber diese Schnufies hier bald bestimmt von einer Europäerin, die irgendwann am Ende des viel gepriesenen Dialoges ankam.“

 

Als ich am nächsten Tag vor den Auslagen eines Schmuckgeschäftes stehe, sehe ich durch die Spiegelung der Schaufensterscheibe, wie sich der Unbekannte mir nähert.

 

Mein Herz rast. Alles ist mir egal. Ich sehe auf die Auslagen, blinzle, um den Abstand von ihm zu mir einschätzen zu können. Überlege, wohin jetzt mit dem Kind im Buggy. Sind noch andere Menschen hier. Nein, ich sehe ausser ‚ihm’, mir und dem Kind niemanden weit und breit.

Dann geht alles sehr schnell.

Ich habe die Entfernung nicht richtig geschätzt, denn schon bemerke ich seine Hand an meinem Po. Dreist und fest greift er hinein.

 

Ich schreie.

 

Schreie die ganze Strasse zusammen, das Messer in der Hand verfolge ich ihn, dieses Dreckschwein, der meine Ehre beschmutzt, weil er nur seine eigene im Kopf hat.

 

Hole ihn ein. Schlage auf ihn ein. Trete. Immer noch das Messer in der Hand. Irgendwie ist er gestürzt. Ich beuge mich über ihn, schreie immer noch unablässig:

„Warum hilft mir denn keiner? Dieser Typ stellt mir nach, greift mir an den Po … ist überall da, wo ich bin!

Sind Europäerinnen keine Mütter?

Wenn ihr den jetzt nicht mitnehmt, stech’ ich ihn auf offener Strasse ab, den Dreckskerl.“

Weine, schreie, bin vollkommen hysterisch, sehe, wie ein Mann auf mich zukommt, mir das Messer aus der Hand reißen will, mich auch noch beschimpft.

 

Da stehe ich auf. Bedrohe beide. Habe durch mein Gebaren viel Platz. Etwa zwanzig, dreißig Menschen sehen nun dem Treiben zu.

Schreie ihnen auf Deutsch ins Gesicht, was ich von ihrer Verlogenheit halte, wenn sie im Imbiss ihre Kette durch die eine Hand gleiten lassen, und weil in jedem Imbiss auch ein Fernseher mit ‚Tuti fruti’ läuft, die andere Hand zur ‚Männlichkeit’ gleitet, dass sie mich alle ankotzen …

 

Eine schwarz gekleidete Frau geht auf die beiden Männer zu, schlägt den immer noch am Boden Liegenden mit ihrer Tasche, schimpft laut mit dem anderen.

Eine Diskussion entwickelt sich.

Ein weiterer Mann kommt der Frau und mir unterstützend hinzu. Er spricht deutsch. Beruhigt mich. Erklärt den anderen die Situation.

 

Die Menge löst sich auf. Einige wenige blicken weiterhin feindlich in meine Richtung, wieder andere, für mein Gefühl die Mehrheit, verständnisvoll.

Mein Verfolger nutzt die Situation für den Versuch, zu fliehen, was ihm nicht gelingt, da

vier Frauen, unter ihnen diejenige, die mit der Tasche auf meinen ‚Verfolger’ einschlug, mit einem für mich eigenartigen Singsang, hierbei die Hände in die Luft drohend reißen, ihrerseits den Mann verfolgen.

 

Eine Frau und der deutsch sprechende Mann begleiten mich zum Hotel.

 

‚Hoffentlich hat mein Kind das alles jetzt nicht unbewusst abgespeichert’, denke ich und schon steht auch schon mein Ex-Mann vor mir:

 

„Du machst Sachen. Die haben mich auf der Arbeit informiert“.

 

Was? Wie lange hat das Ganze denn gedauert?

 

Ich weiß es bis heute nicht. Aber eine Großstadt in der Türkei mutiert bei bestimmten Anlässen offenbar zum Dorf. Jedenfalls hatte ich Platz. Jede Menge Platz, um weiterhin gute Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln.