Ja, ja …
sagte ich
Tja.
Achtunddreißig Jahre kennen wir uns nun schon.
Sind miteinander ‚befreundet’.
Weißt Du, ich war zwanzig Jahre mit diesem Mann liiert, Du kennst ihn ja noch, ich kann mich kaum an ihn erinnern.
Na ja, und Du bist immer noch verheiratet. Mit diesem Mann, den ich über die Jahre hinweg mindestens so schätzen lernte wie Dich.
Tja. Und dann waren die ganzen anderen ‚Lieben’ vor und nach diesen Männern.
Deine und meine.
Alles haben wir miteinander besprochen. Wirklich alles?
Hielt unsere Freundschaft alles Gedachte, Gesagte, Getane aus?
Oder nahmen wir nicht auch Rücksicht aufeinander, auf die jeweiligen Gefühle, die so situationsbezogen- und bedingt waren, wie wir.
Besteht Freundschaft und Liebe aus Rücksichtnahme, oder … Du, ich weiß es nicht.
Zweifel kamen in mir hoch. Letztens. Nach immerhin achtunddreißig Jahren.
Alt bin ich geworden. Weniger im Aeusseren. Die Lebensmittelsituation der Nachkriegsjahre und auch die Errungenschaften der Kosmetikindustrie trugen dazu bei, dass ich rund und – mehr oder weniger – gesund blieb. Die ganzen Jahre.
Du auch.
Angepasst haben wir uns. Du mehr, ich weniger.
Gerade denke ich an unsere gemeinsame Schulzeit. Still warst Du. ’Stille Wasser, die sind tief’. Vielleicht war es das, das Anderssein, dass ich, die Laute, Extrovertierte, irgendwie auf Dich, dem vermeintlichen Gegenteil stieß.
Na, ja, und dann haben wir so manche Party zusammen gefeiert, so manchen Joint zusammen geraucht, zum Ausgleich Ephidrin geschmissen, dass uns die Haare zu Berge standen.
Als Dein damaliger Freund, Deine große Liebe dann härtere Drogen nahm, wegflog oder auch schon mal die Wände hinaufklettern wollte … das war wohl die Zeit … wo wir uns voneinander entfernten. Vielleicht, weil Du mitflogst, ich weiß das gar nicht mehr so genau.
Jedenfalls pflegtest Du Deine Liebe, ich meine.
Mit der großen Liebe ist es wie mit dem gnadenlosen ‚bekifft’, berauscht sein. Irgendwann ist es vorbei. So ist das halt im Leben.
Dermaßen ernüchtert trafen wir uns wieder.
Die Spätfolgen exzessiven Lebens und Erlebens hat Dich Deine große Liebe zu Grabe tragen lassen. Erst so gedanklich, Ordnung muss sein, und dann real. Tatsächlich. Begraben die Illusion von Liebe. Eine Marmorplatte liegt jetzt auf früheren Träumen.
Du, ich glaube, das hat uns hart werden lassen. Diese Abschiede von unseren Träumen, von unseren Vorstellungen von Liebe.
Du bist dann sehr schnell zur Realistin geworden, zu einem Menschen, der abwägt, was nützlich, was oder wer nützen kann im Leben. Hast ziemlich gut erkannt, dass Träume allein nicht ausreichen. Bist ziemlich praktisch geworden so als Mensch.
Patent, wenn man es so ausdrücken will.
Hast Dir nach der großen Liebe etwas ausgesucht, was lebbar war. Was formbar war. Denn Du wolltest Dein Leben jetzt in die Hand nehmen. Es nach Deinen Vorstellungen formen.
Wie Knetmasse, die doch aber trocken wird.
Ich habe nach meiner großen Liebe nicht mehr Ausschau gehalten. Auch nicht nach etwas, nach Jemandem, den ich formen konnte, so nach meinen Vorstellungen.
Meine Vorstellungen, meine Träume, meine Ziele waren die der Freiheit.
Der gedanklichen Freiheit, die – wundert ja nun nicht wirklich – sich ausdrückte, sich regelrecht niederschlug in meiner Biographie. >Gestatten. Ich war so frei.<
Na, ja.
Und dann bemerkte ich, dass wir uns wieder entfernten. Scheinbar. Irgendwie aber auch anzogen in unserer vermeintlichen Gegensätzlichkeit.
Hm. Sehr schwierig, das auszudrücken, was ich sagen will, was mir so durch den Kopf geht.
Jedenfalls …
Du, letztens… auf Deinem Geburtstag … da fühlte ich mich nicht wohl. Habe mich selbst erwischt dabei, dass ich Dich beobachtete. Schärfer, eingehender, als sonst.
Du spieltest eine Rolle. Hast mir gar nichts davon gesagt, dass Du gerne spielst. Ist auch egal – ich habe es ja gemerkt, nein, gespürt habe ich es und es war nicht angenehm. Nein.
Deinen Mann, den Knetkerl, schicktest Du hin und her, damit er für Getränke sorge, für leibliches Wohlbefinden Deiner Bekannten und auch mir, Deiner alten Freundin.
Hast … na, ja, schon so von oben herab, die Andern wissen lassen, wer die Hosen anhat, wer den Ton angibt, wer bestimmt.
Macht.
Pfff, dachte ich, meine alte Freundin. Und hab’ noch mal ganz genau geguckt, ob Du es bist, ob ich auf der richtigen Feier war.
Sah uns in Gedanken in Brokdorf, Wackersdorf.
Wir waren dagegen. Gegen Macht, die eigenständiges Denken im Keim erstickt.
Und als Deine eine Bekannte kam … Du weißt schon, diese abgedrehte Lehrerin, die immer so atem – und pausenlos spricht … ja, da habe ich dann auch ziemlich oft auf die Uhr geguckt, in der Hoffnung
dass es Zeit sei, zu gehen.
Und dann hab’ ich immer wieder, mehr oder weniger unverhohlen, Dich beobachtet.
Ja, doch. Die neue Rolle steht Dir gut.
Vielleicht hast Du Dir das Leben und die Menschen, die in Deinem Leben vorkommen, jetzt so formen können, dass es für Dich passt.
Jedenfalls schienst Du zufrieden, auch ein klitzeklein wenig selbstzufrieden.
Deine Gestik, Deine Mimik … alles unter Kontrolle. Ohne Wasserwerfer. Klasse.
Irgendwann bin ich dann gegangen. Ich glaube, es war, als Du Deinen Mann fragtest, ob er (etwa) auch ‚getrunken’ habe. Vorwurfsvoll und für alle hörbar. Ja, da bin ich gegangen. Gedanklich waren bei mir die Wasserwerfer da. Dieses laute Drohen per Megaphon.
Ach, ja. Genau.
Deshalb komme ich ja darauf.
Als ich euch vom Flughafen abholte, da erzähltest Du mit lauter, eindringlicher Stimme (komisch, früher warst Du immer eher still, leise) von der Stadt, die ihr besichtigt habt, weil Städtereisen, die mögt ihr beide.
Ist das so?
Aber ja. Dein Mann bekräftigte, nachdem Du nach fast jedem Satz, fragtest „stimmt’ s“ … ja, hat ihm gefallen. Auch diese Städtereise. Und ja, er habe sich erholt.
Seine Unruhe, sein tiefes Durchatmen … oder war es Luftholen? … berührte mich irgendwie.
Du hast dann gefragt, ob ich noch ein wenig bei euch bliebe. Auf einen Wein, oder zwei. Nein, danke, habe ich geantwortet, weil ich mich persönlich nach Eindrücken, gleich welcher Art, immer lieber zurückziehe, um sie so für mich zu verarbeiten.
„Ach, komm’ doch. Ich habe Dir soviel zu erzählen“, drängtest Du. Aber nein, ich blieb bei meiner Entscheidung.
„Morgen?“ – „Nein, auch nicht.“ „Aber dann nächste Woche?“ – „Ja, ja“, sagte ich.
„Ja, ja … heißt soviel wie ‚leck mich am Arsch’, insistiertest Du laut lachend, und ich antwortete:
„Ja, ja“. Und bin dann nach Hause. Weil … Du, ich will nicht immer nur zuhören und Tipps geben. Ich brauche doch auch einmal … na, ja, Du weißt schon …
Du, sorry, ich wollte nicht unverschämt sein. Aber vielleicht ist es so, dass ich mich gerade verändere.
Ich werde nämlich immer stiller.
Vielleicht gehst Du diesen Weg meiner Veränderung mit mir … sag’ bitte nicht: „Ja, ja“.
Gabililith
