Jamersons Musiktipp
Es sind die Schlager der 1920er und 1930er Jahre, die ein begabter Sänger und sein großartiges Orchester völlig authentisch und unter Verwendung der Original-Arrangements darbieten.
Als 12-Jähriger „erlitt“ ich diese Wochenend-Besuche mit meinen Eltern bei der Großtante auf dem Lande. Meist langweilte ich mich und suchte in dem alten Fachwerkhaus, mit Stallungen, nach Zerstreuung. Auf dem Dachboden fand ich ein altes Grammophon (mit einem kleinen trichterförmigen Lautsprecher hinter einer Holzklappe und ... Handkurbel).
Ich fand auch alte Schellackplatten und Metallnadeln. Das Gerät funktionierte noch und so lauschte ich gespannt der Musik: Wie aus einer anderen Welt sangen fast ausschließlich Männer von „einer Nacht in Monte Carlo“ oder „Frag nicht warum ich gehe, frag nicht warum.“ Melodien und Texte gingen diesem kleinen schwulen Jungen sofort merkwürdig unter die Haut.
Als ich später - viel später, Max Raabe und sein Palast Orchester hörte, war diese Erinnerung sofort wieder präsent. Max Raabe erzählte in einem Interview eine ähnliche Geschichte, wie ich sie erlebt hatte. Auch er hatte alte Schellack-Platten entdeckt und lieben gelernt. Als ich las, dass es ihm so ergangen war, wie mir seinerzeit und ihm diese Musik ebenfalls emotional sehr nahe ging, hörte ich bei seinen CDs genauer hin.
Wer Raabe nur als komischen Interpreten von z.B. „Kein Schwein ruft mich an“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“ (u.a. Comedian Harmonists) kennt und ihn deshalb als „musikalischen Clown oder nostalgisch gesinnten Imitator verstaubter Uralt-Schlager“ abtut, der irrt gewaltig! Max Raabe und das Palast Orchester interpretieren wunderbare Musik aus der Blütezeit deutsch-jüdischen Kulturlebens absolut authentisch, unter Verwendung der Original Orchester-Arrangements und in geradezu zeitlos-makelloser Qualität. Anrührend sein Besuch in Los Angeles bei der Witwe eines dieser großen deutsch-jüdischen Komponisten, die von den Nazi-Barbaren einst verfolgt wurden und deren Musik aus dem „deutschen Gedächtnis“ getilgt werden sollte. Die alte Dame war von Raabe, seiner Gesangskunst und seiner höflich-charmanten Art so sehr angetan, dass sie ihm erlaubte in den Notenblättern, mit unveröffentlichten Liedern ihres verstorbenen Mannes, zu stöbern. Max Raabe setzte sich an den Flügel und begann zu spielen ... ich mußte weinen.
In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 05.04.2008 sagte Raabe u.a. folgendes:
SZ: „Gehen Ihnen diese Lieder denn menschlich, emotional nahe?“
Raabe: „Ja. Warum, das ist mir erst klar geworden, nachdem ich mich länger damit beschäftigt habe. Es sind eingängige Melodien, heitere Geschichten. Aber in den komischeren Nummern liegt auch eine ganz unterschwellige Traurigkeit, die mit der Instrumentierung zusammenhängt, auch damit, wie die Leute gesungen haben. Eine heitere Nummer, die etwas Trauriges hat: Das berührt mich. Dieser Bruch.
Genau. Diese Qualität gab es nur in der kurzen Spanne von den späten Zwanzigern bis zu den frühen Dreißigern. Berlin war die Heimat vieler Komponisten, überhaupt dieser ganzen Stilrichtung. An Berlin hat sich in Deutschland die gesamte Kunstszene orientiert. Auch wenn es in Hamburg oder München adäquate Zirkel gab, war Berlin mit den Revuen des Charell-Ballets und mit den Produktionen im Großen Schauspielhaus unter Max Reinhardt in diesem Genre federführend. 1933 war es damit vorbei, Robert Gilbert, Fritz Rotter, Friedrich Hollaender - alle diese Leute waren Juden und nach 1933 nicht mehr da. Wenn sie Glück hatten, schafften sie es aus Deutschland raus, aber viele kamen elendig im Konzentrationslager um. Mit ihnen verschwand auch diese Textkultur ...“
Raabe, der sich selbst als Schlagersänger bezeichnet, über heutige deutsche Schlager: „Das sind traurig verkümmerte Halbschattengewächse ...“ Und über Amy Winehouse: „Richtig perplex allerdings bin ich bei Amy Winehouse. Die Art der Instrumentierung! Diese Stimme! Die tollen Texte! Was für eine Begabung. Dass solche Talente immer wieder nachwachsen, finde ich erstaunlich. Hoffentlich verglüht sie nicht so schnell wieder.“
Max Raabe und das Palast Orchester haben auch einige modernere Popstücke gecovert: „Vor sieben Jahren hatten wir die Idee, uns aus den Charts eine Ladung Lieder auszuborgen, die jeder kennt, und die dann in unserem Stil zu beugen (...) ‚Sex Bomb‘ (Tom Jones) würdig und im Smoking zu singen, das hat schon etwas sehr Komisches“ („Palast Orchester Max Raabe präsentiert SUPER HITS“, BMG ARIOLA 74321 85121 2)
Max Raabe und das Palast Orchester sind u.a. in der ausverkauften New Yorker Carnegie Hall vor 2800 Menschen aufgetreten. Die New York Times schrieb: „Faszinierend und makellos ...“
Es wird Zeit diesen großartigen und sympathischen Künstler endlich auch in Deutschland angemessen zu würdigen!
Sie merken schon ... ich bin ein großer Fan von Max Raabe. Seine Studio-Aufnahmen und seine Konzerte sind für mich ein Erlebnis. Das mag für einige, die meine MOTOWN-Texte gelesen haben, ein „Schock“ sein (hallo Wahrensfeld!), aber ich bin vielseitig interessiert ... z.B. kann ich mich auch total in Jazz oder Klassik verlieren.
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Raabe gehört zu meinen absoluten Favoriten und ich empfehle von den vielen CDs, die auf dem Markt sind:
Das 3-CD-Set MAX RAABE & PALAST ORCHESTER „In der Bar“, Sony / BMG Music Entertainment 88697 33482 2 (Ich halte dieses Set für das Nonplus-Ultra. Viele Lieder, die man auf den anderen CDs nicht findet, zusammen mit den bekannteren Nummern, in sehr guter Tonqualität)
Außerdem empfehle ich die Konzert-DVDs
Max Raabe & Palast Orchester „PALAST REVUE“ (Black Hill Picture GmbH 8287655515 9)
MAX RAABE & PALAST ORCHESTER „In der Berliner Waldbühne“ (Universum Film 88697 00509 9)
Max Raabe & Palast Orchester „Live in Rome“ (Black Hill Pictures GmbH 0189121BHP)
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Quelle: Interview mit Max Raabe, geführt von Rebecca Casati, Süddeutsche Zeitung 5. April 2008
© Jamerson akas Knüppel
Ich fand auch alte Schellackplatten und Metallnadeln. Das Gerät funktionierte noch und so lauschte ich gespannt der Musik: Wie aus einer anderen Welt sangen fast ausschließlich Männer von „einer Nacht in Monte Carlo“ oder „Frag nicht warum ich gehe, frag nicht warum.“ Melodien und Texte gingen diesem kleinen schwulen Jungen sofort merkwürdig unter die Haut.
Als ich später - viel später, Max Raabe und sein Palast Orchester hörte, war diese Erinnerung sofort wieder präsent. Max Raabe erzählte in einem Interview eine ähnliche Geschichte, wie ich sie erlebt hatte. Auch er hatte alte Schellack-Platten entdeckt und lieben gelernt. Als ich las, dass es ihm so ergangen war, wie mir seinerzeit und ihm diese Musik ebenfalls emotional sehr nahe ging, hörte ich bei seinen CDs genauer hin.
Wer Raabe nur als komischen Interpreten von z.B. „Kein Schwein ruft mich an“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“ (u.a. Comedian Harmonists) kennt und ihn deshalb als „musikalischen Clown oder nostalgisch gesinnten Imitator verstaubter Uralt-Schlager“ abtut, der irrt gewaltig! Max Raabe und das Palast Orchester interpretieren wunderbare Musik aus der Blütezeit deutsch-jüdischen Kulturlebens absolut authentisch, unter Verwendung der Original Orchester-Arrangements und in geradezu zeitlos-makelloser Qualität. Anrührend sein Besuch in Los Angeles bei der Witwe eines dieser großen deutsch-jüdischen Komponisten, die von den Nazi-Barbaren einst verfolgt wurden und deren Musik aus dem „deutschen Gedächtnis“ getilgt werden sollte. Die alte Dame war von Raabe, seiner Gesangskunst und seiner höflich-charmanten Art so sehr angetan, dass sie ihm erlaubte in den Notenblättern, mit unveröffentlichten Liedern ihres verstorbenen Mannes, zu stöbern. Max Raabe setzte sich an den Flügel und begann zu spielen ... ich mußte weinen.
In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 05.04.2008 sagte Raabe u.a. folgendes:
SZ: „Gehen Ihnen diese Lieder denn menschlich, emotional nahe?“
Raabe: „Ja. Warum, das ist mir erst klar geworden, nachdem ich mich länger damit beschäftigt habe. Es sind eingängige Melodien, heitere Geschichten. Aber in den komischeren Nummern liegt auch eine ganz unterschwellige Traurigkeit, die mit der Instrumentierung zusammenhängt, auch damit, wie die Leute gesungen haben. Eine heitere Nummer, die etwas Trauriges hat: Das berührt mich. Dieser Bruch.
Genau. Diese Qualität gab es nur in der kurzen Spanne von den späten Zwanzigern bis zu den frühen Dreißigern. Berlin war die Heimat vieler Komponisten, überhaupt dieser ganzen Stilrichtung. An Berlin hat sich in Deutschland die gesamte Kunstszene orientiert. Auch wenn es in Hamburg oder München adäquate Zirkel gab, war Berlin mit den Revuen des Charell-Ballets und mit den Produktionen im Großen Schauspielhaus unter Max Reinhardt in diesem Genre federführend. 1933 war es damit vorbei, Robert Gilbert, Fritz Rotter, Friedrich Hollaender - alle diese Leute waren Juden und nach 1933 nicht mehr da. Wenn sie Glück hatten, schafften sie es aus Deutschland raus, aber viele kamen elendig im Konzentrationslager um. Mit ihnen verschwand auch diese Textkultur ...“
Raabe, der sich selbst als Schlagersänger bezeichnet, über heutige deutsche Schlager: „Das sind traurig verkümmerte Halbschattengewächse ...“ Und über Amy Winehouse: „Richtig perplex allerdings bin ich bei Amy Winehouse. Die Art der Instrumentierung! Diese Stimme! Die tollen Texte! Was für eine Begabung. Dass solche Talente immer wieder nachwachsen, finde ich erstaunlich. Hoffentlich verglüht sie nicht so schnell wieder.“
Max Raabe und das Palast Orchester haben auch einige modernere Popstücke gecovert: „Vor sieben Jahren hatten wir die Idee, uns aus den Charts eine Ladung Lieder auszuborgen, die jeder kennt, und die dann in unserem Stil zu beugen (...) ‚Sex Bomb‘ (Tom Jones) würdig und im Smoking zu singen, das hat schon etwas sehr Komisches“ („Palast Orchester Max Raabe präsentiert SUPER HITS“, BMG ARIOLA 74321 85121 2)
Max Raabe und das Palast Orchester sind u.a. in der ausverkauften New Yorker Carnegie Hall vor 2800 Menschen aufgetreten. Die New York Times schrieb: „Faszinierend und makellos ...“
Es wird Zeit diesen großartigen und sympathischen Künstler endlich auch in Deutschland angemessen zu würdigen!
Sie merken schon ... ich bin ein großer Fan von Max Raabe. Seine Studio-Aufnahmen und seine Konzerte sind für mich ein Erlebnis. Das mag für einige, die meine MOTOWN-Texte gelesen haben, ein „Schock“ sein (hallo Wahrensfeld!), aber ich bin vielseitig interessiert ... z.B. kann ich mich auch total in Jazz oder Klassik verlieren.
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Raabe gehört zu meinen absoluten Favoriten und ich empfehle von den vielen CDs, die auf dem Markt sind:
Das 3-CD-Set MAX RAABE & PALAST ORCHESTER „In der Bar“, Sony / BMG Music Entertainment 88697 33482 2 (Ich halte dieses Set für das Nonplus-Ultra. Viele Lieder, die man auf den anderen CDs nicht findet, zusammen mit den bekannteren Nummern, in sehr guter Tonqualität)
Außerdem empfehle ich die Konzert-DVDs
Max Raabe & Palast Orchester „PALAST REVUE“ (Black Hill Picture GmbH 8287655515 9)
MAX RAABE & PALAST ORCHESTER „In der Berliner Waldbühne“ (Universum Film 88697 00509 9)
Max Raabe & Palast Orchester „Live in Rome“ (Black Hill Pictures GmbH 0189121BHP)
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Quelle: Interview mit Max Raabe, geführt von Rebecca Casati, Süddeutsche Zeitung 5. April 2008
© Jamerson akas Knüppel
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