Jose
Der alte Mann saß am Grab seiner Frau, seiner treuen Gefährtin, und weinte.
Fremd war ihm das Land, unbekannt die Menschen.
Sie verstanden seine Sprache nicht, er verstand sie nicht.
Jose war allein in der neuen Heimat, ihm fror, er hatte Heimweh.
Einsam ging er die Allee entlang, es war Abend geworden und die Kastanienbäume warfen lange einsame Schatten in die Abenddämmerung. Der erste Herbststurm kündigte die blätterlose Zeit an. In diesem September warf der Winter früh seinen Fehdehandschuh in den Ring der Jahreszeiten.
Gedanken der Einsamkeit, ... Herr, es ist Zeit. ... wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, ... wird in den Alleen ..., er liebte die herbe Melancholie dieses Deutschen.
Ein Fahrradfahrer kam angerast, bimmelte, Jose bemerkte es zu spät und sprang erschrocken zur Seite. Jetzt schauerte es ihm erst recht, er mußte nach Hause, in sein neues Heim, ins Warme.
Er verließ die Allee, betrat die abgaserfüllte, lärmende City.
Eine Frau lächelte ihm zu.
Ich habe kein Geld flüsterte er.
Geld, wieso Geld, fragte sie zurück.
Entschuldige, murmelte er.
Du frierst ?
Ja.
Komm, da vorne ist es warm.
Aber ich habe doch kein Geld.
Du brauchst kein Geld. Dort gibt es warmen Kaffee und eine Schmalzbemme. Hast du Hunger ?
Ja.
Dann komm.
Sie nahm ihn wie selbstverständlich an die Hand und führte ihn zur Bahnhofsmission.
Jose aß und trank, schaute sich um, wo war die Frau ?
Entschuldigung, fragte er in gebrochenen Deutsch eine weißbekleidete Bedienung, die Frau ... ?
Ach Maria, die ist schon wieder draußen.
Was macht ... Maria ?
Maria, Gott habe sie selig, die Frau schlug ein Kreuz, sie ist ein braves Mädchen, aber sie sündigt um des lieben Geldes wegen.
Geld ?
Ja, sie verdient ihren Unterhalt mit anderen Männern.
Oh, sagte Jose.
Sei nicht böse zu ihr, sie ist ein liebes Mädchen.
Ja, Jose verstand.
Zuhause konnte er lange nicht einschlafen, ihm ging Maria nicht aus dem Kopf.
Am nächsten Tag, nach seiner Schicht im Gast-, ... Fremdarbeiterland, Metalle schleifen, Maschinen putzen, Knochenjob, Lärm und Staub, nach Feierabend, ging er Maria suchen.
...
Hallo, Du da.
Hallo, Du da.
Ich habe Dich gesucht.
Ich weiß.
...
Maria streichelte ihm zart seine Wangen.
Er küßte liebevoll ihren Mund, ihre Nasenspitze, ihre Brüste, ... .
Danach ...
Magst Du eine Holunderbeersuppe ?
Eine Holunderbeersuppe ?
Ja, vom Hollerbusch, da tanzen wir im Frühjahr Ringelreihn.
Im Frühjahr ?
Ja, im Frühjahr, Du und ich alleine.
Jose wurde es warm ums Herz.
Ich mag den Holunder, seine Blüten, seine Früchte, seine Gaben. Die Suppe wird Dich wärmen, jetzt, wo es draußen früher dunkel wird, kalt.
Ja, ich mag.
Die Jahre gingen in das Land und Jose wurde heimisch.
Er liebte dieses, ihm einst fremde Land und er fror nicht mehr, mit Maria an seiner Seite.
Langsam stand der alte Mann auf, streichelte noch einmal Marias Grabstein und ging langsamen Schrittes nach Hause.
