"Regierung will qualifizierte Migranten helfen" stieß mich der Titel eines Artikels vor den Kopf, den ich heute in der WELT las.

Nicht daß ich gegen Hilfe für Bedürftige bin.
Ganz zu schweigen, daß ich gegen Migranten bin.
Oder gar ausländerfeindlich wäre.

Nein!

Es ist die perfide Art, wie Journalisten auf der Suche nach sensationsversprechenden Titeln ihr Recht auf Meinungsäußerung missbrauchen, um – bewußt oder unbewußt – Meinung zu bilden.

Denn die Meinungsbildung sollte uns überlassen bleiben.
Aufgabe der Journalisten sollte sein, Informationen zu geben oder Ihre Meinung zu äußern.

Was soll uns diese Formulierung sagen?
Sie soll uns die Information geben, daß die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüße erleichtert werden soll.

Und welchen Eindruck hat man beim Lesen dieses Titels?
Die Regierung hilft den Migranten.

Kein Wort davon, daß die Regierung sich selbst hilft.  Wie man später lesen kann:

 „...Wegen fehlender Fachkräfte sei Deutschland ein Wohlstandsverlust von 15 Milliarden € entstanden....“

Das sagt doch nur aus, daß es uns deutlich schlechter geht. Und wem es nicht gut geht, der ist doch der Hilfsbedürftige. Also ist die o.g. Erleichterung für die Regierung mindestens eine ebenso große Hilfe wie für die Migranten. Wobei das Motiv für diesen Hilfeschritt wohl eher im Interesse am eigenen Wohlergehen als im Interesse am Wohlergehen der Migranten zu suchen ist.

Und eben darin liegt die Lüge.

Der Titel suggeriert nämlich:

Was sind wir Deutsche doch für gute – womöglich uneigennützige - Menschen. Wir wollen anderen helfen. Aber natürlich nur denen, die es verdient haben. Nämlich den Qualifizierten.  Wie leicht wird dieser Titel wohl an einem Stammtisch mit ausländerfeindlich besetztem Klima weiter mißbraucht um zum Beispiel Sätze in den Raum zu schmeißen wie:

„Da sieht man´s ja wieder! Die Regierung hilft den Ausländern! Und uns geht es so schlecht. Die sollten lieber uns helfen!“

Nun, das tut sie ja, wie wir oben gesehen haben. Und so wird die Strategie hier wohl zum Eigentor. Denn wollte man die Regierung durch den Titel zunächst als „die Gute“ dastehen lassen, so ist sie auf einmal „die Schlechte“.

Wie wäre es den mit folgender Formulierung gewesen:

„Regierung bekämpft Wohlstandsverlust in Deutschland durch Erleichterung für qualifizierte Migranten.“

Oder nur: „Regierung bekämpft Wohlstandsverlust in Deutschland“

Das wäre doch neutral – oder? Man sollte sich also gründlich überlegen, was man sagt und welche Worte man verwendet.  Und wenn die eine Interpretation eines Titels das eine aussagt und die andere Interpretation das Gegenteil, Was ist das dann? Plus und Minus heben sich ja bekanntlich auf. Und somit sagt der Titel eigentlich garnichts aus.

Hans Sakowski

© Oktober 2010 by Hans Sakowski