Karfreitag der Dreizehnte
Eine bunte Crew geht auf Prüfungstörn
E
s sollte ein Prüfungstörn für den Sportküstenschifferschein werden. Zu Beginn der Törnwoche erwartete ich eine Gruppe von sechs „Prüflingen“ unterschiedlichster Charaktere im bis dahin noch sonnigen Kroatien.
Und ich war ihr Ausbilder und Skipper. Ein absoluter Individua-list. Ein Einzelgänger und Eigenbrötler wie mir meine Gymnasial-lehrer in den Zeugnissen attestiert hatten. Was nicht heißen soll, daß ich nicht gerne in Gesellschaft bin und zur Unterhaltung eini-ges beitragen kann. Auch das bestätigten mir meine Lehrer per Zeugnisbemerkung. Trug ich doch damals durch allerlei belustigen-de Beiträge wie Lagerfeuer unter der Schulbank, Zettel auf den Rü-cken der Lehrer, Gegenstände die ich per Nylonfäden aus den Strümpfen meiner Mutter geisterhaft durch das Klassenzimmer wandern ließ, sehr zur Unterhaltung meiner Mitschüler bei. Immer dabei bemüht, den Unterricht damit ein bißchen aufzulockern. So-gar in der Pause machte ich Stimmung mittels kleiner pyrotechni-scher „Ladycracker“. War das möglicherweise damals schon das Seenotsignalmittel für in Langeweile ertrinkende Schüler? Leider erkannten meine Lehrer damals den tieferen Sinn nicht und be-zeichneten dies somit kurzerhand als „Un-sinn“.
Diese Eigenschaft ist mir geblieben. Und so versuche ich heute manchmal die Abende meiner Crews mit Gesang, Gitarre und Lie-dern aus den 60-igern bis 80-igern unvergleichlich besser als der Barde Troubadix zu untermalen - wenn mir danach ist. Auch ein erstaunliches Repertoire an Witzen und Anekdoten hat sich bei mir in 20-jähriger Segeltörnpraxis angesammelt. Witze natürlich aller Couleurs und Anspruchsniveaus.
Viele Geschichten lustigen, traurigen und auch tragischen Aus-gangs bilden einen Erzählfundus aus einem Seglerleben, der nicht erfunden werden muß, da er wahr ist.
Tiefsinnige Gespräche über Lebensgeschichten, Liebe und Leid, Abenteuer, Fachsimpeleien bis hin zu tief philosophischen und psychologischen Erörterungen sind mir nicht fremd.
Ein Eigenbrötler ? kaum möglich. Und doch backe ich gern mein eigenes Brot. Und dabei möchte ich dann am liebsten niemand da-bei haben.
Ich hatte gerade einen zweiwöchigen Segeltörn hinter mir. Für den Profiskipper gibt es zwei Sichtweisen für einen solchen:
Eine steht am Anfang des Törns.
Sie ist getönt von Freude, Spannung, Erwartung. Es ist eine Auf-gabe - besser eine Chance. Eine Chance, diesen Törn besser zu gestalten als alle anderen vorher. Voller Vorsätze, Pläne und Plän-chen. Freude sympathische Leute wiederzutreffen und mit Ihnen 14 Tage zusammensein zu dürfen.
Die andere steht am Ende des Törns. Sie sieht in etwa so aus:
Zwei Wochen – 24 Stunden täglich, das sind 24 mal 14 Tage, al-so 336 Stunden. Abzüglich der Schlafphasen, in denen man von den anderen nichts merkt. Bleiben immer noch 250 Stunden.
Das sind 250 Stunden Gespräche, heftige Diskussionen, Geläch-ter, Schnarchen, Dielenknarzen, Türen knallen, Laute lallen.
Das sind 250 Stunden unter Kontrolle von fünf bis acht Augen-paaren, 250 Stunden bereit sein für Fragen aller Art.
250 Stunden Beherrschung, dem einen oder anderen weniger an-genehmen Zeitgenossen dieses Empfinden nicht merken zu lassen, ja gar Verständnis für ihn zu zeigen.
Das heißt 250 Stunden Psychologe, Lehrer, Kindermädchen, Onkel, Vorbild, Vater und Mutter zu sein.
Nun waren die zwei Wochen um und die letzte Crew war um ca. 09.00 Uhr von Bord gegangen. Lauter nette Leute. Super Stimmung an Bord, das Wetter paßte in der Regel. Und sie hatten Unmengen von leeren Bierdosen hinterlassen.
Egal. Die zweite Sichtweise stellte sich - wie der werte Leser zu recht erwartet – trotzdem ein. Die neue Crew war erst gegen 16.00 Uhr zu erwarten. Genug Zeit also für mich als Skipper endlich mal ein bißchen Privatsphäre zu genießen. Circa sechs Stunden die ich auskosten wollte. Jede Minute. Mit Schlafen, Spazieren gehen in der Marina, alte Freunde und Insider dort wiedersehen und klönen, oh-ne nach 5 Minuten sagen zu müssen:
„Tut mir leid, wir haben uns zwar zwei Jahre nicht gesehen, ich würde auch gern tagelang mit Dir reden und abends einen drauf-machen - aber meine Crew wartet ungeduldig auf mich!“
Es bleibt in solchen Situationen wirklich keine Zeit mehr, über die vielen Dinge die in zwei Jahren einem lieben Freund wiederfah-ren sind zu reden, so gerne man´s täte.
All das wollte ich nun tun. Daneben genüßlich einen Cappuccino auf der sonnigen Terasse der vertrauten Pizzeria schlürfen, in mein Notizbuch Erlebnisse schreiben. Mit der Bedienung flirten. Dann vielleicht das Schiff aufräumen und den Eincheck der Crew noch-mals planen.
Eben noch zum Abschied gewinkt, drehte ich mich um und – sah eine Stimme vor mir. Gleichzeitig schmetterte eine kräftige Pranke auf meine Schulter, wobei ich augenblicklich um 5 Zentime-ter schrumpfte.
„Hallo Hans! Wir sind schon heut früh um vier Uhr angekom-men! Haben Euch überall gesucht. Wo ist das Schiff? Wir müssen sofort unsere Lebensmittel draufbringen, damit nichts verdirbt. Wo ist der Kühlschrank? Ist er kalt? Wir müssen uns sofort hinlegen und ein bißchen schlafen. Wann kriegen wir unsere Pässe? Wann geht’s los? Wohin fahren wir heute? Wie wird das Wetter? Wo schlafe ich ? Wo können wir das Auto hinstellen? Hans Du kriegst noch Geld, können wir das gleich machen? Das Schiff schaut aber aus! Haben die nicht zusammengeräumt?“
Die Sätze paßten nur deshalb zwischen drei Atemzüge, weil sie von drei Personen gleichzeitig gesprochen wurden. Ich hatte zur Antwort nur eine Stimme – und die versagte mir.
Aus der Traum! Keep smiling Hans! Aber wie? Haben Sie schon mal versucht gerade in der Sekunde zu lächeln, als Ihre Wünsche wie ein Kartenhaus zusammengefallen sind?
Der Eigenbrötler Hans mußte die Crew zum ersten Mal enttäu-schen. „Ihr könnt nicht aufs Schiff bevor die Putzfrauen drauf wa-ren. Es wird noch mindestens 4 Stunden dauern! Eincheck war doch für 16.00 Uhr ausgemacht.“ – Insgeheim ärgere ich mich in diesem Moment über meine grenzenlose Gutmütigkeit in der ich aus sechs Stunden vier Stunden gemacht hatte und denke: „ schon wieder zwei Stunden Privatsphäre freiwillig hergeschenkt!“
„Wir sind so früh gefahren, weil wir dem Osterverkehr entgehen wollten. Und weil wir dachten, daß wir gleich auf dem Schiff noch ein paar Stunden schlafen könnten!“ versuchte die Stimme eine Entschuldigung anzubringen. Scheinbar hatte sie einen vorwurfs-vollen Blick registriert.
Ich betone: die Crew wußte daß die Vorgängercrew erst um ca. 8.00 Uhr auscheckt! Trotzdem waren sie schon um vier Uhr da. Stimmt da etwas mit meiner Logik nicht? Wollten die auf den ande-ren obendrauf schlafen??
Übermüdet und erstaunlicherweise bei weitem nicht so mürrisch wie erwartet stapfte der Vortrupp der neuen Crew von dannen. Ich hatte meinen Freiraum. Allerdings bereits gefärbt durchs schlechte Gewissen, die Crew so enttäuschen zu müssen. Obwohl ich gar-nichts dafür konnte!
Die Nachhut erschien dann gegen 15.00 Uhr – eine gesegnete Zeit.
Nach dem Einräumen kamen wir zu den Tages-ordnungspunkten. Schatzmeister, Techniker, Coskipper, Logbuch-führung und natürlich Küchendienst-Einteilung.
In den ersten Jahren meiner Seglerlaufbahn wurde der Küchen-dienst immer von allen gemeinsam gemacht. Das hatte jedoch zur Folge, daß mit wenigen Ausnahmen einige wenige ständig Küchen-dienst hatten und die zu Beginn zumindest stimmlich sehr tatkräfti-gen Helfer – durch Passivität glänzten. Dies führte mit zuverlässiger Regelmäßigkeit nach dem dritten oder vierten Tag zu Mißfal-lenskundgebungen der Fleißigen. Als ich daraufhin einen Küchen-dienstplan einführte, gab es nie mehr Beschwerden. Ansätze zu „Untätigkeit“ Einzelner wurde von der Crew sofort bemerkt und - wie auch immer – unmittelbar korrigiert. Der arme Küchendienst-flüchtling sah sich sofort einer geschlossenen Front gegenüber – und kapitulierte ob der Übermacht.
Ich kam also zum Punkt Küchendienst-Einteilung.
„Wir haben beschlossen, daß wir keinen Dienstplan brauchen! Wenn ich mich so umsehe, sehen wir hier alle so aus als wenn wir Erwachsene und vernünftige Menschen sind.“ erklärte eine Stimme. Auf meine Erfahrungen verweisend, gelang es mir genau ein und einhalb Stimmen auf meine Seite zu ziehen. Da die Existenz eines Küchendienstplans höchstwahrscheinlich nur das Klima an Bord beeinflußt und nicht gefährdend für die Sicherheit von Schiff und Mannschaft ist, sah ich von diktatorischen Maßnahmen ab und füg-te mich demokratisch. Eine kurzfristige innerliche Neigung, den Wortführer Kielzuholen konnte ich erfolgreich bekämpfen.
Es folgten 4 Tage der üblichen Trainingsroutine und die Jungs handhabten die Segelyacht allesamt - wenn auch mit mangelnder Routine - schließlich leidlich gut.
Die Jungs, das waren Gert (46), Helmut (43) , Christoph (34), Markus (33), Stefan (30) und Georg (28).
Fast 2 Generationen.
Bayern und Preißn, Franken, Badenser, Niederbayern und Kasa-chen.
Architekten, Computerspezialisten, Zimmerer, Schreiner, Fließ-bandarbeiter, Kaufleute.
Studierte und Volksschüler.
Erfahrene Segler und absolute Neulinge.
Bunter geht’s fast nicht mehr.
Aber alle zusammen hatten sie eine Gemeinsamkeit: Sie hatten ihr Faible fürs Segeln entdeckt. Der eine früher, der andere später. Und am Ende der Woche wollten sie alle Segler sein: mit Schein.
Und alle hatten ihre ganz normalen menschlichen Schwächen und Stärken - und ihre Grenzen.
Gert war unser blonder Hüne, den eigentlich nichts erschüttern konnte. Ich hatte das Gefühl er stand immer über den Dingen und hätte von der Redefreudigkeit her einem Ostfriesen ernsthaft Kon-kurrenz machen können.
Helmut hatte am meisten Törns - auch eigene – gefahren. Er hatte den BR-Schein Praxisteil schon mal bestanden, der war je-doch wieder verfallen, da er vor lauter Segeln nicht zum Theorieteil gekommen ist. Nun wollte er Nägel mit Köpfen machen. Im Laufe des Törns entwickelte er einige Eigendynamik, die er bei anderen nicht so gut fand. Auf der anderen Seite war er ein besonnener weitsichtiger Mann. Und er war mein heimlicher Star, ja war für die Prüfung letztendlich mein „Ass“ im Ärmel. Dies ahnend hatte ich ihn zum Coskipper ernannt.
Christoph war ebenfalls Individualist. Ihm wurde die Eigendy-namik vorgeworfen. Ein attraktiver junger Mann, der in dieser Ei-genschaft später auch seinen Einsatz bekam. Mir gefiel seine Of-fenheit, er nahm sich nie ein Blatt vor den Mund. Und er langte ü-berall zu wo´s nötig war.
Markus war der Urbayer wie er im Buche steht. Und so ging er auch an die Sache mit dem berühmten Beckenbauer-Motto heran: „Schaugn ma halt amal“!. Daß sich Bayern ebenfalls kein Blatt vor den Mund nehmen ist ja bekannt.
Stefan hatte schon Jollensegelerfahrung. Mit Gefühl für Wind und Windrichtung. Ein sehr ruhiger Zeitgenosse, der die Sache durchziehen wollte, sich aber oft wunderte, warum das Schiff nicht das tat, was es seiner Meinung nach hätte tun sollen. Das Nachden-ken und Wundern hierüber kostete ihn manchmal soviel Konzent-ration, daß für die Schiffsführung keine mehr übrig blieb.
Georg wollte den Schein unbedingt haben und hatte sich vorge-nommen dieses Handwerk richtig zu lernen. Dann ein Schiff char-tern und sein Wissen an seine Kumpels weitergeben. Unermüdlich ließ er sich von Mißerfolgen nicht abschrecken.
Alle zusammen gaben sich – jeder auf seine Art - alle Mühe um den Törn gelingen zu lassen. Und alle waren beim Start guter Din-ge.

Training, Training Training...
- und ein Ausflug ins Reich der Träume
N
ach gründlicher Einweisung ins Schiff sollte eigentlich nun jeder wissen wo die Notpinne ist, die Rettungsinsel und deren Wartungsstempel, die Feuerlöscher und der Erste-Hilfe-Kasten. und deren Bedienung kennen. Die Bedienung von Seenotsignalen, Seeventilen, der Toilette der Gasanlage, und des Loggebers wurden ebenso durchgesprochen wie die Handhabung des Motors, des Mo-tor- und Navigationspanels, der Ankerwinsch. Hundert neue Beg-riffe für Rigg, Takelage, Schiffsaufbau und Segeltätigkeiten erschlu-gen die Bedauernswerten. Es folgte die Kontrolle des Motors und der Batterien. Hinweise für das Verhalten bei Störungen und in be-sonderen Situationen rundeten das Bild ab. Kurzum: alles was in einer Prüfung verlangt werden kann.
Schließlich mußten die Gequälten noch versuchen hinter das System der verknuddelten Lifebelts zu kommen und wie man sie anlegt.
Denn seit einer schiefgegangenen Prüfung, bei der der Prüfer auf die ausgefallensten Fragen kam und dabei die Hälfte meiner Crew durchgefallen war, hatte ich mir vorgenommen: Da kann kommen welcher Prüfer auch will, meine Jungs sollten auf alles eine Antwort parat haben. In dieser Beziehung bin ich sehr ehrgeizig.
Ermüdet durch die Anfahrt und die langwierige Einweisung wurde der Abend durch ein opulentes Mahl in einem einheimischen Restaurant belohnt. Als die äußerst süffige istrische Zupa – Rot-wein, in der ein Stück geröstetes Weißbrot mit Olivenöl wahr-scheinlich unter Zugabe von Zucker schwimmt - ihre Wirkung tat fielen auch die letzten aufrechten, der harte Kern, froh in Ihre Ko-jen. Georg und Christoph hatten lange über das Thema Nummer eins diskutiert: Frauen und Ihre Handhabung. Georg, schlank, drahtig und stählern mit dem Blick des Dschinghis Khan verkör-perte den Standpunkt des patriarchalischen Kasachstan, Christoph, blondgelockt mit sanfter Stimme repräsentierte dabei jenen des modernen emanzipierten Westens, in dem der Ehemann verständ-nisvoll im Haushalt der Frau zu Hilfe geht – selbstverständlich da-bei auf eine ordentliche Mülltrennung achtend. Meine Versuche, ein ausgleichendes Moment darzustellen hatten lang nicht den Erfolg der istrianischen Zupa.
Der nächste Tag begann für die Stehaufmännchen voller Erwar-tungen der Dinge, die da kommen sollten. Die grundsätzliche Se-gelbedienung wurde erklärt und nach einigen Anlegeübungen unter Maschine fiel dann der erlösende Startschuß zur Kvarnerüberque-rung. Das gemeinsame Erleben der neuen Eindrücke und eines fünfstündigen angenehmen Segelschlags bei sonnigem Wetter ließ alle mentalen Gegensätze vergessen.
Mehr und mehr verschwand das istrische Kap im Streifen des Horizonts während in der Ferne nebelschwadengleich die Flecken von drei Inseln sich näherten: Cres – Unije und Susak.
Während beim nordwestlichen Schönwetterwind „Maestral“ die Wellen gleichmäßig gegen die Bordwand plätscherten und die Heckwelle rauschend hinter uns zusammenfiel kristallisierte sich dabei immer deutlicher als weißer Fleck der Kreidefelsen der Insel Unije heraus. Sprang da nicht ein Delphin? Sachlich korrigierte Helmut die Entdeckung als ca 1 m langen „Edelthun“. Der Wind war eingeschlafen. Das dröhnende Geräusch der angeworfenen Maschine durchbrach brutal störend die idyllische Stille in der die Yacht eben noch dahingeglitten war. Gespannt standen nun alle an Deck als wir, die untergehende Sonne im Rücken, vorbei am Riff Skolic in die große Bucht von Unije einliefen. Nache einer Ehren-runde vor dem traumhaften Panorama der einsamen Fischerinsel hatten wir einen Platz an der Mole ausgemacht. Vorleine, Achter-leine Fender und Springs wurden bereitgelegt als Markus, der Ero-berer (hatte nicht Marko Polo denselben Vornamen?)– das Anle-gemanöver fahren durfte. Mit bayrischer Ruhe und dem Spruch „der Hans wird’s schon wissen wen er da ans Steuer läßt“ lächelte er die Mole an. Dabei konnte ich im geröteten Gesicht des Schwarzhaarigen beobachten daß einer der Mundwinkel doch et-was heruntergezogen war. Mit ein paar Korrekturhilfen berührte die Yacht dann jedoch sanft die Mole und - stand. Blitzartig waren die Springer an Land und liefen wie abgesprochen mit Vor- und Ach-terleine zu den Pollern und zweimal mit der Leine drumrum. Mit Palstek belegen? Wie ging den der wieder, verdammt hatte ich doch hundertmal gekonnt! Als bei einem der beiden nach 5 Minuten der Palstek immer noch nicht fertig war, eilte der zweite Mann zu Hilfe. Gemeinsam war dieser Knoten dann nach weiteren 5 Minuten dann auch richtig gefertigt. Na ja, aller Anfang ist schwer!
Der alte Geldeintreiber Marjan, als „Parkgebührkassierer“ schon lange außer Dienst gesetzt, schlurfte mir greisenhaft auf der Mole entgegen. Aus seinem zerfurchten, mittlerweile 76-jährigem Gesicht flackerte immer noch, wenn auch ersterbend, das listige Grinsen früherer Jahre. Ich erinnerte mich an die endlosen Verhandlungen über die Schiffslänge meines Bootes -denn danach wurde der Preis festgelegt - und meine Bemühungen aus einer 13 Meter-Yacht ein Sechs-Meter-Fischerboot zu machen. Nun fluchte er mir zwar im-mer noch lachend sein „jebem ti kraja boga“, entgegen, was ich besser nicht übersetze, doch werde ich das Gefühl nicht los, ihn im Herbst nicht mehr unter den Lebenden weilen zu sehen. Zu deut-lich ist der Schatten des Sensenmannes hinter ihm zu erkennen.
Melancholisch und ein bißchen wehmütig denke ich zurück an die guten alten Zeiten des früheren Jugoslawiens. Als die muslemi-sche Fahira, im Dorf unter vorgehaltener Hand als sehr offen im Umgang mit Männern bezeichnet, vollbrüstig in ihrem putzbrö-ckelndem Wohnzimmer hervorragende Fisch- und Steakgerichte präsentierte. Wie sie die Gäste mit Ihrer Gastfreundschaft immer wieder in ihren Bann zog. Dabei trottete hilfreich ihr inzwischen verstorbener kranker Mann Ignu die Getränke herbei, leerte die A-schenbecher und erzählte Witze, wie den vom Tarzanurlaub in Bosnien. Oder daß die muslemischen Frauen wegen der Minenge-fahr neuerdings fünf Meter vor, statt hinter den Männern gehen müssen.
Ich denke zurück an die zwei hübschesten Frauen auf der Insel: die zigeunerhafte Gemüsehändlerin Nikolina, mit ihren pech-schwarzen, hüftlangen Haaren, die nebenbei bedruckte T-Shirts verkaufte und die langhaarige wasserstoffblonde Dina – ich sehe sie noch förmlich ihre Cevapcici in der Ecke verkaufend. Durch das Gemetzel in Bosnien wurde ihre gesamte Familie – und ihre Psyche - dahingeschlachtet. Auch der Alkohol half drüber nicht weg: Er führte eher dazu, daß sie seither als „Dorftrottel“ mehr geächtet als toleriert wird. Hab ich sie nicht gerade um die Ecke verschwinden sehen? Mit nur zwei Zähnen und blödem Grinsen – ihren weibli-chen Körper anbietend?
Ich denke an den lustigen saufenden Serben Mijo der zwar im-mer noch seinen Gemischtwarenladen führt, wegen Zucker aber von seiner Frau Ruza – was bei uns Rosa heißen würde - immer wieder zur Mäßigung angehalten wird. Etwas geht mir sogar der in-zwischen verstorbenen Mate ab, der zwar kein Wort deutsch oder englisch konnte, jedoch bei den Touristen immer einen „Gemisch-ten“ ergatterte. Auch der Kellner Tijo fällt mir ein, der mir jedes-mal meine Armbanduhr gegen einen Drink abluchste. Ein Freund von mir lebt immer noch dort: der inzwischen pensionierte, hono-rige Kommandante der Militärstation, von den Einwohnern zum Bürgermeister gewählt. Bei Schlechtwetter ließ er mich, den damali-gen Kapitalisten aus der westlichen Welt, in der Schutzbucht Mara-col direkt neben dem kommunistischen Munitionsdepot ankern.
All diese Leute hatten diese Insel leben lassen. Sie sind nun größ-tenteils weg. Verstorben, per Heirat gestohlen worden von Deut-schen und Österreichern, weggezogen. Entwurzelt treiben sie ir-gendwo herum. Geblieben ist eine traumhafte Insel wie sie schon seit Jahrtausenden dort war und sein wird. Wartend auf neues Le-ben. Die Besetzung durch Österreicher, Italiener, Jugoslawen, Kro-aten konnte ihrer Schönheit nichts, aber auch garnichts anhaben. Es gibt dort immer noch die besten Kalamare der Welt, das sau-berste türkisblaue Wasser der Adria, den endlosen Kiesstrand der Liebenden, die 20.000 Olivenbäume aus mehr als 2000 Jahre alten Anpflanzungen der Griechen.