Mir fallen sie alle wieder ein. Nach und nach hebt sich der Vorhang und gibt die Erinnerungen frei, an die Karnevalkostüme der Vergangenheit.

Wir waren nie eine besonders närrische Familie, meine Eltern und vor allem mein Vater waren fröhliche lebenslustige Menschen.
Karneval wurde gefeiert. Privat in unserer kleinen Wohnung mit Freunden meiner Eltern, in der Stammkneipe zwei Ecken weiter, und beim Rosenmontagzug in Krefeld, der fast an unserem Haus vorbeizog.
Mein Vater war von Beruf Herrenschneider und nähte mit geringen Mitteln die schönsten Kostüme für meinen Bruder und mich. Meine Eltern trugen nur diese bunten Papierhütchen, an die ich mich noch gut erinnere.

Das erste Kostüm trug ich Karneval 1960. Ich war dreieinhalb Jahre und es war kurz vor meiner Operation in der Düsseldorfer Universitätsklinik.
Mein Vater hatte mir aus vielen Samtresten einen dicken warmen Clown-Anzug genäht, der groß genug war, dass ich darunter noch warme Sachen tragen konnte. Ich durfte mich nicht erkälten, sonst hätte ich nicht operiert werden können. Zu diesem Kostüm gehörte ein toller Clown-Hut, selbst angefertigt und mit von meiner Oma handgemachten Wollbommeln besetzt.

Ein anderes Kostüm, dass mir unvergesslich geblieben ist, hieß „Rosenresli“. Leider finde ich keine Bilder aus dieser Zeit. Es bestand aus einem kurzen Rock, der aus pastellfarbenen, glitzernden Brokatresten genäht war, dazu eine passende Bluse mit Umhang und ein Satin-Haarband, besetzt mit Satin-Rosen. Ich fühlte mich wie eine Märchenfee.

Stolz war ich auf mein Indianer-Kostüm, dass mein Vater mir aus einem Kartoffelsack nähte, dieser wurde mit Perlen und bunten Borden besetzt. Die schwarze Perücke dazu gewann ich bei einem Preisausschreibender Firma van Houten und ich war stolz wie Oskar. Es war eine wunderschöne Perücke, tiefschwarze glänzende Haare, mit wundervollen Zöpfen und Stirnband uns zu damaliger Zeit eine echte Rarität.

Viele liebevoll angefertigte Kostüme begleiteten meine Kindertage, und ich trug sie von Altweiber bis Aschermittwoch.

Auch als Jugendliche und Erwachsene konnte ich meinen Vater erweichen, und er setzte sich für mich an die Nähmaschine. Nun besorgte ich mir die Stoffe meistens selbst und brachte ihn mit meinen Kostümvorschlägen manchmal zur Verzweiflung.

Für meine beste Freundin und mich nähte er ein knapp sitzendes rotes Satinkleidchen im Partnerlook, bei dem wir um jeden Zentimeter Rockkürze mit ihm kämpften. Unter diesem kessen Etwas trugen wir weiße Rüschenhöschen, die wir selbst gefertigt hatten. Normale weiße Unterhosen, dick mit Spitzenborde besetzt. Diese Höschen blitzten kess unter den roten Mini-Kleidchen vor und waren der Renner auf einer Karnevalfete und beim Ball in der Tanzschule. Meine Freundin und ich waren damals fünfzehn und recht flügge, unsere Eltern echt gestraft mit uns und schwitzten Blut und Wasser.

Ein Jahr später ging ich im langen, schwarzen Seidenkleid mit tiefem Seitenschlitz, vielen Perlenketten, einer roten Rose, schwarzer Netzstrumpfhose und wilder schwarzer Lockenperücke im Hippie-Stil als Vamp.
Und wieder war Papa fleißig und sorgte sich um sein Töchterlein.

Im Alter von achtzehn ließ ich mir von ihm einen weiten Rock aus einem rot gemusterten Stoff und eine weiße Schürze nähen. In ein weißes T-Shirt wurde genau über dem „Holz vor der Hütten“ ein Fenster geschnitten, in dieses rotweißkarierte Gardinchen genäht und unter das Fenster aus Filz eine Fensterbank mit Blümchen und eine Leiter befestigt. Unter dem Rock trug ich einen weißen Baumwollunterrock mit Spitzenborte. In mühevoller Kleinarbeit hatte ich mir einen alten Strohhut mit Plastikblumen benäht und an diesem blonde Zöpfe befestigt.
Fertig war die Sennerin, und der Andrang auf der Leiter groß.
Mit diesem Kostüm gewann ich den ersten Preis in meiner Stammkneipe und hatte eine Menge Spaß.

Doch nie ist mir, trotz all der Freizügigkeit und manchmal etwas frivolen Kostüme, jemand unerwünscht auf die Pelle gerückt oder hat mich belästigt.
Mein Karneval, ob in Kneipen, auf der Straße oder auf Partys verlief friedlich, brachte Spaß und Vergnügen. Sicher lag es auch an unserer netten Clique, die über etliche Jahre Bestand hatte und in der sich Einer um den Anderen sorgte.

Es war eine tolle Zeit in vielen, vielen bunten Kostümen, an die ich mich gerne erinnere.

Ein dreifach Kriewelsch Helau!

Text und Foto © Doris Sponheimer