Kill Bill!

Von Marianne Weissberg


Ältere Frauen auf der Jagd nach jüngeren Männern seien peinlich, heisst es. Die Wahrheit ist:Peinlich sind ältere Männer. Sie lassen sich gehen, muten uns Frauen Faltenpopos, monströs haarige Augenbrauen und museale Kleidung zu. Alte Löwen gehören eingeschläfert.

Ältere Frauen auf der Jagd nach jüngeren Männern seien peinlich, heisst es. Die Wahrheit ist:Peinlich sind ältere Männer. Sie lassen sich gehen, muten uns Frauen Faltenpopos, monströs haarigeAugenbrauen und museale Kleidung zu. Alte Löwen gehören eingeschläfert.


Drei Grauköpfe kraxeln aus einem Kleinbus und tattern in der Wüste herum. Ein Altersheimreislein zum Auslüften der Insassen? Nein, es ist das Sechzig-plus-Trio Ford, Spielberg und Lucas beim Drehen von «Indiana Jones» 4. Weitere Folgen der Oldie-Action wurden bereits angedroht.

Zwei ähnlich bemühende Szenen: Opernhausdirektor Pereira walzert knutschend mit seiner vierzig Jahre jüngeren Erotikmuse Daniela Weisser übers Zürcher Parkett. Und Formel-1-Magnat Flavio Briatore, ein wandelnder Wackelpudding, verehlicht sich mit einem zu ihm passenden, knackigen Wonderbra-Model.

Altern an sich ist keine Straftat. Aber es ist erschreckend harte Arbeit. Reifere Frauen stellen sich ihr mit allen Waffen, die sie ergattern können. Ihnen ist es nicht egal, wie sie im Laufe der Jahre aussehen. Den meisten Männern schon. «Wenn etwas heraussteht, dann schneid es ab», sagt die vermeintliche Stil-Ikone George Clooney, fünfzig minus, und stutzt sich die Haare selbst. Mit der Küchenschere. Clooneys verblichenes Hausschwein Max, mit dem er lange glücklich liiert war, mag zu Lebzeiten nie protestiert haben.

Wieso Harrison Ford von seiner über zwanzig Jahre jüngeren Frau Calista Flockhart nicht zur Auffrischung geschickt wurde, versteht man nicht. Sie ist ja auch ordentlich aufgespritzt. Letzteres mag man nicht ideal finden, doch es zeigt typisch weibliches Reifemanagement. Sharon Stone, mit 65 als unrestauriertes Wrack in «Basic Instinct 3»? Undenkbar. Aber einer wie Ford darf ungestraft den verwitterten Löwen geben und dafür auch noch Millionengagen kassieren. Schaut denn niemand richtig hin?

Man kann das Modell alter Löwe problemlos inspizieren, aus sicherer Distanz, im Zoo. Das Fell schlottert, der Spitzbauch streift den Boden. Er überkreuzt die arthritischen Pfoten, lagert das Haupt darauf und blinzelt trübäugig. Natürlich hat sein Damenrudel Mitleid, und er kriegt den Mittagstisch spendiert. Im Zürcher Zoo zeugte Opa Bhagirath ungeniert noch Schwächelnachwuchs. Alles wie im Menschenreich. Ausser, was das Ende angeht: Kürzlich wurde der Grufti eingeschläfert, und die zwei Löwinnenwitwen erhielten einen neuen Mann, einen jungen.

Frauen, die sich jenseits des mittleren Alters wieder verpaaren möchten, kommen bös auf die Welt. Die Dating-Foren zeigen: Der Gereifte will es jung und anschmiegsam, und sogar der Mittsechziger hat unverschämterweise noch einen Kinderwunsch. Auf dem Werbebild präsentiert sich ewig Gleiches: ältliche Unappetitlichkeit mit drei Haaren auf dem Kopf. Als «grenzdebil» beurteilt eine Fünfzigjährige für ihre Freundinnen das Altersgenossenangebot. «Wenn Männer in den Spiegel sehen, sehen sie sich wie vor zwanzig Jahren. Die haben eine verzerrte Perspektive», erklärt ein Mann den reifen Mann. Trotzdem versuchen gestandene Frauen gutwillig, den Mann ihrer Altersklasse zu entdecken. Selten bis nie werden sie fündig.

Reife Frauen wollen eben keinen tristen Köbi-Kuhn-Klon. Sie haben fertig mit Männern, die fertig aussehen. Darum gesellen sie sich zu den cougars. «Pumas» sind Frauen ab vierzig, die Zähne und Krallen zeigen und jüngeren Männern, natürlich mit Klasse, nachstellen. Obwohl der in Kanada kreierte Begriff erst in abschätziger Tonart benutzt wurde, annektierten Frauen ihn selbstbewusst und verschrecken mit ihrem «abartigen» Paarungsverhalten männliche Memmen.

Mittlerweile gibt es Cougar-Foren, -Fashion und -(Porno-)Filme. Diane Keaton, Susan Sarandon, Geena Davis, alles Frauen ab fünfzig, pfeifen auf den älteren Herrn. Ihr Anhang präsentiert sich wesentlich attraktiver als die Gruselgreise à la Jagger.

Apropos Grusel: Kim Cattrall, als Samantha eine «Sex and the City»-Cougar, wie sie liebt und flachlegt, müht sich in einer Serienfolge mit einem älteren Beau. Beim Schäferstündchen auf dem Sofa will der Mann schon wieder. Aufs Klo. Die Prostata. Jetzt sieht Samantha ihn im Adamskostüm von hinten. Ein Altherrenpopo wie eine Ziehharmonika. Geschockt verlässt Samantha das Appartement und entdeckt bald Smith, ein junges Model für Calvin-Klein-Slips und sehr feinfühlig. Für wen hat sie sich wohl entschieden?

Just in schöner Kultur tummeln sich seltsamerweise die hässlichsten alten Löwen. Au-toren wie Walser, Grass, Bichsel präsentieren neben schwülstiger Gruftie-(Sex-)Prosa auch gestrüppgleiche Altmännerbrauen, Meerschweinchenbacken, abgelutschte Pfeifen und uralte Vestons. Wieso dürfen die so rumlaufen, fragen Frauen verzweifelt, während sie selbst zur Kosmetikerin, in den Kleider- und Schuhladen pilgern? Des Rätsels Lösung: Ältere Männer haben keine Zeit, sie müssen die Menschheit belehren oder haben plötzlich Hobbys. Im Rennradpulk blockieren sie die Strassen, nerven mit Pseudo-Fünfsternekocherei oder polieren ihre Harley.

Frauen schauen lieber in und auf sich und haben Vorbilder. Zum Beispiel die Actrice Iris Berben, 58, die sich optimal für die eigene Pflegelinie empfiehlt. Männern fehlt ähnlicher Ansporn. Können Männer schlicht nichts für ihr Exterieur im Alter? Oder schlägt Kosmetik bei Frauen einfach besser an? Quatsch. Pierce Brosnan zeigt, dass Männer es sich auch wert sein sollten, er wirbt als Mittfünfziger für eine Anti-Aging-Pflege und sieht toll aus. Auch Sean Connery und Clint Eastwood haben sich gut gehalten. Höchstwahrscheinlich gute Gene.

«Solche Männer stehen unter Artenschutz», konstatiert eine Frau knapp. Die einzigen, mit denen sich Frauen über Kosmetik profund unterhalten können, sind natürlich schwule Männer. Sie wissen über den optimalen Lichtschutzfaktor Bescheid, lassen sich selten gehen und haben einen Begriff davon, was «gut aussehen» bedeutet.

Normalmänner verabscheuen den Attraktivitäts-Aufwand und stellen sich lieber neben einen jungen. Könnte ja abfärben, hoffen sie. Harald Schmidt, 51, sieht neben Jung-Mitmoderator Pocher jedoch noch gräulicher aus. Kürzlich fragte Schmidt, was man nach der Sommerpause besser machen könnte. «Der muss weg», sagte ein junger Zuschauer und zeigte auf silver ager Schmidt. «Das wäre gut», sagte der gefasst. Chapeau, für die seltene Altherrengrazie. Die besitzen die verlebten Fussballfunktionäre von Platini bis Blatter, die sich aktuell allenthalben ins Bild drängeln, nicht, was den EM-Betrieb sehr unattraktiv macht.

Zum Schluss: Was war für das demokratisch wählende Amerika unberechenbarer als die Faktoren «unerfahren» und «schwarz»? Natürlich der violett angelaufene, altersbös schwadronierende Pensionist Bill, der mit Hillary nochmals ins Weisse Haus einziehen wollte. Was hätte Hillary tun müssen, um die Wahlschlappe zu verhindern? Kill Bill! Schliesslich, siehe Bhagirath, schläfert man alte Löwen auch ein.

PS: Dieses Thema konnte ich nur einer Redaktion anbieten, in der junge Löwen regieren. Alte Exemplare hätten es knurrend abgeschmettert.