Kirchenchor
widmung
Diese Geschichte widme ich meiner ersten Frau Carmen, deren Liebe ich nicht zu schätzen wusste.
Manchmal muss die Welt einstürzen, bevor man erkennt was sie wert war.
Hans Sakowski
Wie grausam doch die Kirche
die Seelen ihrer eigenen Kinder
verletzen kann..
„Wer brummt denn da hinten so falsch?“
Schlagartig kehrte eine betroffene Stille in den kahlen, grauen Raum des altehrwürdigen Patrizierhauses ein. Die Gemeinde war verstummt.
In dem Raum hatte sich der evangelische Kinderchor eingefunden, um die Weihnachtslieder für den Kindergottesdienst einzuüben.
Die Gruppe der zehn bis zwölfjährigen Jungen und Mädchen senkte augenblicklich betroffen die Köpfe und der eine oder andere schielte verstohlen nach hinten in das Halbdunkel des Saals.
Schüchtern stand da in der letzten Reihe etwas links außen ein kleines blondes, ärmlich gekleidetes Mädchen – das keine Chance hatte, verstohlen nach hinten zu schauen. Weil sie die letzte war. Und so blickte sie etwas verstört traurig in das bärtige Gesicht des glatzköpfigen Katecheten mit der Brille, der soeben entmutigt den Arm mit dem Taktstock sinken hat lassen. Carmen versuchte unsicher sich nichts anmerken zu lassen – einen Eindruck des Nicht-Verstehens zu erwecken, sogar ein gequältes Lächeln auf ihren Mund zu zaubern. Es gelang ihr nicht. Und nachdem es schon das fünfte Mal war, dass sich die Blicke in ihre Richtung bewegt hatten, regte sich in ihr der finstere Verdacht, dass sie es sein könnte, die das Sinken des Taktstocks bewirkt hatte.
Dem blonden Jürgen, einer der schielenden in der ersten Reihe, der immer eine Eins im Fach Singen hatte, war natürlich auch das Brummen aufgefallen. Und als er, jetzt ebenfalls verstummt, nach hinten blickte, erschien es ihm, als wäre das Mädchen von einem nicht vorhandenem Scheinwerfer erfasst und aus dem Dunkel herausgehoben worden. Herausgehoben auf eine Bühne, eine Bühne, die wohl eher Pranger heißen sollte, ihm aber mehr und mehr als Bühne erschien. Und je länger er sie betrachtete, umso mehr erahnte er hinter dem vordergründigen Aschenputtel eine Prinzessin.
„Von Hoheit!“ sagte der Bärtige streng zu ihr. „Setze jetzt beim nächsten Mal einfach aus! Einfach - bitte - ganz einfach nicht mitsingen!“
Und blitzartig - wie elektrisiert - erkannte Jürgen beim Schlagwort „von Hoheit“ dass sie es war. Die Prinzessin.
Der Katechet wollte die Fehlerquelle ausgrenzen, die sein Chorkonstrukt zu zerstören drohte. Ihm ging es um den reinen Klang des Chores und so war ihm sicher nicht bewusst, welch verheerend entmutigende Wirkung seine Worte hatten, ja welche Welten er gerade zusammenstürzen hat lassen. In welchen Abgrund er
gerade eine Seele gestoßen hatte.
Nochmals blickte Jürgen unauffällig verstohlen nach hinten und stellte fest, dass der imaginäre Scheinwerfer an Licht gewonnen hatte und dieses Licht immer wärmer, liebevoller wurde.
Als wollte Gott damit einen Ausgleich schaffen.
Diesmal klappte es und der Taktstock lobte das gute Gelingen mit den Worten: „Das habt Ihr schön gemacht!“ Und es war ihm nicht bewusst, was er - nicht schön gemacht hat. Und daß er
soeben einer Seele für immer die Freude am Singen genommen hatte.
Der Saal leerte sich und die hübsche Carmen verließ ebenfalls mit gesenktem Kopf den Raum. Sie wollte nicht, dass sie nochmals von diesen verletzenden Blicken getroffen wird.
In unauffälligem Abstand folgte ihr Jürgen. Er war ein Träumer und Romantiker durch und durch. Und er hatte in dieser Carmen soeben seine Traumprinzessin gefunden, die er am liebsten erobert hätte, und für die er mindestens fünf Drachen getötet hätte. Mindestens. Was er an diesem Tag noch nicht wusste, er würde die Gelegenheit dazu bekommen.
