Alles hat sich in den letzten Jahren geändert. Nichts ist schlechter, aber fast alles besser geworden. Ich kann hemmungslos mit jungen Frauen flirten, ohne dass ich in Verdacht gerate, baggern zu wollen. Junge Männer nehmen mir schwere Arbeiten aus der Hand, und fremde Leute reden mit mir wie mit einem Kind.

 

Woran mag das liegen? Genieße ich den Altersbonus? Wahrscheinlich!

 

Richtig klar wurde mir erst, wie alt ich bin, als von meiner hübschen Nachbarin, die ich immer übertrieben freundliche behandle, der Vater starb. Durch ein Geräusch auf dem Flur wurde ich neugierig. Ich öffnete die Tür und sah vier schwarzgekleidete Männer eine Kiste die Treppe runter tragen. Als der Chef mich sah, ließ er den Sarg noch einmal abstellen.

 

„Soll ich mit anfassen?“, fragte ich hilfsbereit.

 

Er zog eine Karte aus der Jacke und übergab sie mir.

 

„Nein danke, aber hier ist unsere Adresse. Wir haben neue Modelle rein bekommen. Wenn Sie mal schauen möchten...“

 

Kurz darauf klingelte die hübsche Nachbarin an meiner Tür. Sie hatte noch ganz verheulte Augen, und ich bat sie herein, weil ich dachte, sie bräuchte jemanden zum Ausweinen. Vielleicht eine Chance, mal mit Händchenhalten bei ihr anzufangen.

 

„Keine Zeit“, sagte sie und drückte mir eine Schnabeltasse in die Hand. „Hier ist das einzige Stück von seinen Hinterlassenschaften, von dem ich nicht weiß, wer es gebrauchen könnte. Nehmen Sie’s. Aber bitte nicht fallen lassen. Die ist aus Porzellan.“

 

Kurz davor hatte ich bei einer jungen Frau überraschenden Erfolg. Sie sah mich kritisch von allen Seiten an, zog ein Foto aus der Tasche, verglich mich mit dem Bild und nickte. Ich durfte bei ihr einziehen, musste mich aber hin und wieder ans offene Fenster stellen, damit mich die Leute sahen. Ich durfte die benachbarten Läden besuchen und Zigaretten und die Zeitung kaufen, und am Ersten gab sie mir den Personalausweis eines alten Mannes, den ich nicht kannte. Der war schon einmal um’s Jahrhundert rum. Von neunzehnhundertzehn.

 

Die haben mir anstandslos eine fremde Rente ausgezahlt.

 

Nur an die Tiefkühltruhe durfte ich nicht. Die war verschlossen.

 

Bis wir ein paar Tage Stromausfall hatten. Da bin ich ausgezogen. Der Gestank war nicht auszuhalten.

 

Aber die angenehmen Zeiten zwischen jung und akzeptabel und alt und hinfällig werden irgendwann restlos zuende sein.

 

Mir ist klar, irgendwann kommt der Restpostenaufkäufer von Blutspendedienst. Ehe der kostbare Saft einfach weg geworfen wird. Oder die Rentenversicherung bietet mir eine Pauschal-Abfindung an. Von zwei Monatsrenten, damit ich noch was davon habe.

 

Meine Zeitung habe ich jetzt schon abbestellt. Diese schwarz umrandeten Dauer-Abwesenheitsmeldungen lesen sich wie das Klassenbuch aus meiner Grundschulklasse. Bald steht dort meine Anzeige, und die will ich dann nicht lesen müssen.

 

Gestern haben sie meine Kreditkarte nicht akzeptiert. Weil die nur so lange gilt, wie ich lebe, und wer weiß, was morgen ist?

 

Ich warte auf den Tag, wo sie mit einem Hammer und einem Holzpflock hinter mir her laufen, um mich Untoten endgültig ins Jenseits zu befördern.

 

Die Zeiten sind unwiederbringlich zuende, in denen George Clooney angesprochen wurde:

 

„Sind Sie nicht der Blech Bläser? Ich habe alle ihre Geschichten gelesen. Sie sind so charmant, so generös und so...sexy“,  und der Typ geantwortet hat, „sorry, Sie müssen sich irren, ich bin nur George Clooney...“

 

Aber das Komische überwiegt:

 

Letzt hatte ich die Geburtstagskarte vom Bundeskanzleramt für Juppi Heesters im Briefkasten. Weil die mit dem Geburtsdatum um eine einzige Zeile verrutscht sein müssen. 

So, und nun ab mit meiner Geschichte zu Platinnetz. Ehe ich wieder vergesse wie das geht.