Koma

 

Sie war dabei, das Waschbecken zu reinigen.

 

Eine routinemaessige Abschlusstätigkeit, bevor sie zur Arbeit fährt.

 

Der erstellte ‚Gesprächsleitfaden’ für die Kollegen rennt ihr durch den Kopf. Er ist verbesserungswürdig. Auf jeden Fall.

Wie immer, finden sich hier und da (bessere) Möglichkeiten des Worttransportes gegenüber fremden Menschen.

Ja, genau! Das ist die Stelle, die sie heute verbessern wird. Sie hört sich ‚runder’ an, sie geht mehr ins Ohr und transportiert ‚Vertrauen’.

Die Basis kommunikativem Miteinanders.

Super. Sie nimmt einen Zettel und notiert den Gedanken, ist zufrieden.

 

Das Telefon klingelt und sie sieht ärgerlich auf die Armbanduhr. Eigentlich müsste sie schon auf der Autobahnauffahrt sein.

Aber nun.

Wer weiß, wer versucht anzurufen, und vor allem, warum.

 

Die Mutter liegt nach einer Hüftoperation im Krankenhaus und hat danach einen Herzinfarkt erlitten.

Nein, es steht objektiv gesehen nicht gut um sie.

Aber der Glaube in die Medizin und deren Möglichkeiten erlaubt es, dass jeder Angehörige seiner Arbeit nachgehen kann, weil er weiß:

 

Sie ist versorgt. Gut sogar, vielleicht bestens. Privat versichert sind die Eltern. Da  kann eigentlich nichts passieren.

 

Das beruhigt enorm. Beruhigt das ‚schlechte’ und auch das ‚gute’ Gewissen.

Gewissensrundumversorgung für alle.

Vielleicht wird ein findiger Marketing-Beauftragter eines Versicherungskonzerns eine entsprechende Idee für eine solche Police ausarbeiten:

Ansprechende Fotos, Bilder, die die ganze Familie zeigen. Alle lächeln sind froh, denn sie haben die Gewissensrundumversorgung der Albania.

 

Schemenhaft im Hintergrund ein Arzt, ganz sicher ein Chefarzt, der fürsorglich auf die Drei-Generationen-Familie blickt. Allen geht es gut und auch er ist ein nicht unmaßgeblicher Teil davon.

 

Sie hebt ab.

Statt eines Namens hört sie ein weinerliches Stammeln. Verzweiflung. Not. Was soll ich nur machen?

Wiederholung: was soll ich nur machen?

„Diese Ärzte! Ich darf noch nicht einmal zu ihr. Warum denn nicht. Kannst Du mir das sagen: Keiner darf zu ihr. Diese arroganten Drecksäcke. Das kann, das darf doch nicht sein“.

 

Entgegen der Gedanken wenige Minuten zuvor, erwidert sie:

 

„Wir machen jetzt erst einmal insofern nichts, als dass wir uns darüber klar sind, keine Ärzte zu sein. Bitte halte die Beine still.

Ich kümmere mich.“

 

„Hast Du mich nicht verstanden? Der Arzt hat gesagt,  die Mama schafft das nicht. Sie wird für immer im Koma vor sich hindämmern, und falls sie erwacht, falls – davon gehen die aber nicht aus, das wollten sie doch mal unterstreichen – wird sie bleibende Schäden behalten. Weißt Du, was das heißt? Dat is nigs für Deine Mutter, dafür kenn’ isch se zu jenau.“

 

Die beiden letzten Sätze werden fast geschrieen.

 

„Bitte, bleib’ ruhig und vor allem … halte die Beine still. Ich rufe Dich gleich wieder an. Hörst Du?“

Kleinlaute Antwort: „Ja.“

Sie ruft im Krankenhaus an. Spricht mit der Dienst habenden Ärztin, mit dem behandelnden Arzt.

 

„Gut, wenn Sie die Tochter sind (telefonisch können wir eigentlich keine Auskunft geben) …: Ihre Mutter hat nach dem immerhin zweiten Herzinfarkt einen Innenwandinfarkt erlitten. Wir mussten sie ins künstliche Koma versetzen, aus diesem ist sie nicht mehr erwacht. Nach unserer Erfahrung wird sie hieraus auch nicht mehr erwachen und dies wäre unter den gegebenen Umständen – Sie sind die Tochter, ich möchte und darf Ihnen keine falschen Hoffnungen machen – auch nicht gut. Sie wird in dem Falle bleibende irreversible Schäden zurückbehalten. Tut mir Leid.“

 

„Warum darf mein Vater nicht auf die Intensivstation? Vielleicht spürt meine Mutter seine Gegenwart und … wacht wider Erwarten auf?“

 

„Ihre Mutter befindet sich in einem aeusserst kritischen Zustand. Niemand darf auf die Intensivstation. Ich bedaure, Ihnen keine anderen Auskünfte geben zu können.“

 

Sie ruft auf der Firma an, sagt, dass sich das Projekt leider um zwei/drei Tage verschiebe, sie werde aber am späten Nachmittag oder abends noch mal vorbeischauen.

Denkt nach.

Verdammt.

Gerade jetzt. Ein groesseres Projekt (sie werden eh immer seltener, da die Firmen an dem sparen, was am wichtigsten ist: Mitarbeiter-Kompetenz).

Sie zündet sich eine Zigarette an, denkt über ihr Verhältnis zu ihrer Mutter nach, über ihr Verhältnis zum Vater. Über das Konstrukt ‚Familie’ generell.

 

Es hat in den vergangenen ein/eineinhalb Jahren wieder so etwas wie Annäherung gegeben.

Ist dies Grund genug, das Projekt nun schleifen zu lassen?

Aber die Mutter war in der letzten Zeit wirklich zum ‚Immer wieder in die Arme nehmen’, bedankte sich für jede kleine Zuwendung der ‚verloren’ gedachten Tochter.

Der Kritischen, der Rebellin, dem Revoluzzer, wie sie die Tochter nun oft scherzhaft nennt. Eine Basis war durchaus da.

Geschaffen aus dem vermeintlichen Nichts.

Ihr werden die eigenen, ambivalenten Gedanken und Gefühle bewusst und sie greift zum Telefonhörer, ruft alle Geschwister, deren Lebensgefährten an, schildert die Situation und ihren Plan.

 

Alle werden sie dorthin fahren, werden vor der Intensivstation warten. Die Mutter wird es merken, dass alle draußen stehen, dass alle draußen zu ihr stehen, dass alle draußen an sie denken.

Dass alle sie wieder nach Hause holen wollen. Egal, ob mit oder ohne bleibende Schäden.

Ja, ihr wird bewusst, dass sie die Mutter auch mit bleibenden Schäden akzeptieren und lieben würde.

Die Geschwister sind ob des Plans begeistert und sie ruft im Vorfeld die Geschäftsleitung des Krankenhauses an, schildert den Krankheitsverlauf, lässt persönliche Anmerkungen leicht einfließen und auch ihren Glauben an ‚gute Energien’.

Zum eigenen Erstaunen wird dem Besuch auf der Intensivstation statt gegeben.

 

Als sie auf dem Parkplatz des Krankenhauses ankommt, sieht sie auch schon den Rest der Familie und schildert das Telefonat mit der Geschäftsleitung und das Ergebnis:

Drei bis vier Personen ist der Zutritt für je 5 Minuten gestattet. Es wird sich leise dort aufgehalten, jede Aufregung ist zu vermeiden.

 

Aufatmen, besonders beim Vater. Doch er merkt an: „Wir sind mehr als vier Personen“. „Kriegen wir schon hin“, lautet die Antwort.

 

Er geht als erster. Kommt zurück, die Augen blicklos: „Nichts, keine Reaktion“.

 

Gut Ding will Weile haben, sagt der Volksmund.

 

Die ältere Schwester geht hinein. Kommt wieder zurück, weint und schüttelt den Kopf: „Nichts. Keine Reaktion“.

 

Der Bruder lässt der jüngeren Schwester den Vortritt. Die ist so überzeugt von ihrem Plan, dass sie fast beschwingt durch die Tür mit den Warnhinweisen geht, noch mal den Wartenden zuwinkt: „Wird schon“.

 

Die Mutter liegt also dort. Sie sieht sich die Mutter ganz genau an. Nein, Ähnlichkeit, aeussere Ähnlichkeit hatten sie nie.

Aber zu ihrem eigenen Erstaunen entdeckt sie Ähnlichkeit der Mutter mit der Oma, ihrer geliebten Großmutter, bei der sie aufwuchs.

Sie beginnt zu sprechen.

 

Mit dem leblosen Körper, der im Bett dort liegt und ihre Mutter ist. Sie erzählt dem Körper Belanglosigkeiten, wie der Raum aussieht, wo sich die Mutter genau befindet, dass alle draußen warten, dass das Krankenhemd eine ‚Krankheit’ so für sich genommen sei … dabei lacht sie, in der Hoffnung, dass ihre Mutter den kleinen Spaß mitbekommt …, dass das Fenster auf ist, die Schultern vollkommen ausgekühlt, da das Hemd die Schultern nicht bedeckt, weil es hinten offen ist … ach, Du Schande, da fällt ihr ein, dass so viele Patienten an Lungenentzündung sterben …OP gut verlaufen, Patient an Lungenentzündung verstorben.

 

„Und deswegen, Mama, also, nicht nur deswegen … rate ich Dir, hier wieder rauszukommen“.

 

Keine Reaktion. Nichts.

Sie nimmt die Hände der Mutter, schöne, feingliedrige und gepflegte Hände. Streichelt sie. Denkt, jetzt sitze ich hier in einem Krankenhaus und streichle die Hände meiner Mutter, mit der ich mich oft gestritten habe, mit der mich nichts, aber auch gar nichts verbindet, außer (eventuell) genetischer Dispositionen. Und momentan die Verbindung zur Großmutter.

 

„Du siehst jetzt aus wie Oma. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich fühle mich ganz nah bei Dir. Und was ich Dir damals gesagt habe, meinte ich auch so. Aber verletzen wollte ich Dich nicht. Hier sitzt also der Revoluzzer und würde Dir noch so gern so viel erzählen. Auch zwischen uns ‚Ungeklärtes’ besprechen.

… ach, Mama, Du kannst Dich doch jetzt nicht einfach so vom Acker machen. Wir haben noch so vieles …“ Sie weint. Sie weint, weil sie ihre Härte, ihr Unverständnis gegenüber dem Erlebten, gegenüber dem Erleben der Mutter, immer negierte.

 

Es ist eine eigenartige Situation. Demütig. Ja, Demut vor dem Leben, Demut vor dem Tod. Im Nachhinein Unverständnis gegenüber dem Unverständnis. Stille.

 

Was war das?

Ein Blinzeln?

„Mama … hörst Du mich?“  Hoffnung. „Ich bin hier bei Dir. Und Papa und die anderen auch. Alle sind da. Bitte bleibe ganz ruhig. Ich hole einen Arzt. Alles wird gut“.

 

Bei ihren letzten Worten sieht sie auf die Mutter, deren Physiognomie sich verändert. Geht in den Raum, wo vier oder fünf Ärzte auf Monitore schauen.

 

„Meine Name ist …. Meine Mutter, Frau …. ist soeben aus dem Koma erwacht“.

 

„Das kann nicht sein“, antwortet einer der Ärzte ruhig und sachlich und sieht nochmals auf den Monitor. Stutzt. Nimmt sein Walky Talky und dann geht alles auch sehr schnell.

 

Sie geht auf die anderen wartenden Familienmitglieder zu. Diese sehen ungläubig auf sie und erhalten die erhoffte Auskunft:

 

„Ja. Mama ist soeben wach geworden. Die Ärzte sind bei ihr und nun lasst uns hoffen, inständig hoffen, dass sie ohne bleibende Schäden mit uns noch viele, schöne Jahre verbringt.“

 

©Gabililith