Bei meinem Date mit Susi lief alles ganz prächtig an:

 

sie in rot, als ich ihr sagte, dass ich sie sagenhaft fände, und mein Flirtmotor, weil sie mir so gut gefiel.

 

Wir lachten und gackerten pausenlos über unsere kleinen Stories, die wir uns über gehabte Dates erzählten. Wenn die jeweiligen Kandidaten anwesend gewesen wären, um die es ging, hätten die sicherlich massiv protestiert, weil wir ganz schön übertrieben.

 

Ich jedenfalls.

 

Während sie eben über den Typen lästerte, dem ein hartes Stück Tortenboden beim Versuch, den mit der Kuchengabel zu trennen, vom Teller gehopst war, lief eine hübsche Blondine vorbei. Von unten nach oben: High heels, ein langer, gestreckter Wasserfall, der in einem geblümten Minirock steckte, eine Wespentaille und eine gehörige Oberweite.

 

Susanne erzählte und erzählte und ich gaffte und gaffte. Ich hatte schon die ganze Zeit gegafft, während wir erzählten. Ich sah, wie ein Hund den Stuhl, mit dem ihn sein Frauchen am Weglaufen gehindert hatte, über den Boden schleifte, als sie kurz auf dem Klo war, und ich sah die Hündin, die ihn offensichtlich angelockt hatte.

 

Mein Blick folgte der Blondine vom Eintritt in den Raum bis zum Austritt in den Abtritt. Susanne unterbrach ihre Beschreibung und checkte, was ich tat. Sie holte weit aus als wolle sie mir eine knallen, und stockte erst kurz vor meiner Wange. Die Blondine stockte auch, sah her und lachte.

 

Wie peinlich.

 

„Das hat nichts mit Eifersucht zu tun. Was du tust ist einfach ungehörig“, meine Susanne ruhig und erzählte weiter, als sei nichts geschehen. Ohne dass ich ihr vorgeworfen hatte, eifersüchtig zu sein.

 

Ich hörte nicht mehr zu, sondern überlegte, wie ich am zweckmäßigsten reagieren sollte.

 

Als Susanne die Stimme senkte und den letzten Schluck Kaffee nahm, war auch ich soweit. Ich hielt ihr folgenden Vortrag:

 

„Schon als Kind war ich ein visueller Mensch. Ich konnte mir stundenlang schöne Einzelheiten ansehen. Im Museum die Bilder, in der Natur die Landschaft und hier im Café die bezaubernde Susi. Nebenbei registrierte ich den Hund, der, mit der Leine am Stuhlbein seines Frauchens fixiert, mit dem Stuhl los zog, als Frauchen aufstand. Ich sah die Hündin in der Ecke, offenbar das Ziel jenes Hundes, und ich bemerkte die Blondine. Dabei hörte ich jedes Wort von Susi, das sie erzählte.

 

Ich bin ein Koma-Sattseher, ein Mensch, der alles mit den Augen abtastet und genießt. Mir entgeht nichts. Dabei mache ich zwischen dem tollen Auto, was mir gefällt und der  Blondine vom ästhetischen Standpunkt her keinen Unterschied.“

 

Susanne sah mich zweifelnd an. „So? was habe ich denn gesagt?“

 

„Dass deine Ohrfeige nichts mit Eifersucht zu tun hätte und dass es ungehörig sei, wenn ich als Koma-Gaffer alles anglotzen müsse.“

 

„Das habe ich so...nicht ... gesagt“, meinte Susanne ruhig akzentuiert und rührte in der leeren Tasse.

 

„Möchtest du noch einen Kaffee? Vielleicht mit einem Weinbrand drin?“

 

„Warum mit Weinbrand?“

 

„Weil du immer wieder auf die Bar siehst, während du erzählst.“

 

„Gut beobachtet“, sagte sie. „Aber ich möchte lieber gehen. Gleich kommt die Blonde zurück, und...“

 

Ich verstand. Susanne wollte sich deren triumphierenden Blick nicht antun.

 

Bevor wir zahlen konnten, betrat eine Brünette den Raum. Dunkler Hosenanzug, unpassende Schuhe dazu, und die Frisur sah aus wie gar keine. Ich blickte ihr hinterher.

 

„Du guckst also auch, wenn eine mit mir nicht konkurrieren kann?“

 

Das klang schon versöhnlicher. So langsam glaubte Susanne mir, dass ich Koma-Gaffer und kein Lust-Gucker war.

 

„Ich sehe eben alles. Ich kriege alles mit und fühle mich für alles zuständig. Glaubst du mir nun, dass ich kein Lustgucker bin, sondern, dass mich eben alles interessiert?“

 

"Ja, okay", gab sie nach, als die Kellnerin kam.

 

Die Kellnerin im Kleinen Schwarzen mit Brosche am rechten Busen, Mittelscheitel im schwarzen, halblangem Haar, weißer Spitzenschürze und einem Papierdiadem auf dem Kopf brachte die Rechnung. Sie hatte versehentlich ein paar Knöpfe ihres Kleides trinkgeldheischend zu weit offen gelassen und präsentierte der Welt zwanzig, dreißig Zentimeter Ausschnitt zuviel. 

 

Im Tal zwischen den Brüsten  ruhte eine schwarze Olive, die sie offensichtlich selber nicht sehen konnte, selbst, wenn sie den Kopf auf das Kinn presste. Und ich guckte aus Anständigkeit nur schnell mal kurz und dann einfach nicht weiter hin.

 

Als die Kellnerin weg war, kicherte Susi in sich hinein, und als sie sich beruhigt hatte, fragte sie, ob ich die Olive nicht bemerkt habe. "Ich dachte schon, du angelst die da raus und schiebst sie dir in den Mund."

 

"Nee", log ich gespielt empört. "Ich gucke doch fremden Frauen nicht in den Ausschnitt. Gerade hast du gesagt, dass du mir glaubst."

 

"Ich dachte, du kriegst alles mit? Ist wohl doch nicht weit her damit", vermutete Susi.

 

Lehre mich einer die Frauen kennen. 

 

 

© Jürgen Berndt-Lüders