Für eine Konfrontation gibt es klare Regeln.

  1. Überprüfe aus welchem Grunde du den anderen konfrontierst.

  2. Wie hast du dich in der Situation gefühlt, die Grund dieser Konfrontation ist.

  3. Was wünschst du dir in Zukunft, wie eine solche Situation verhindert werden kann.

  4. Was hat es für Auswirkungen auf die Beziehung zwischen dir und dem Konfrontierten.

 

Wichtig: Beziehe dich immer nur auf dein Gefühl und nicht darauf, was andere evtl. darüber denken könnten oder gesagt haben.

 

Infostunden sind zweimal die Woche, Dienstags und Samstags. Infostunden sind Pflichtveranstaltungen. Die Themen sehr unterschiedlich. An diesem Samstag ist das Thema angesagt „30 Jahre trocken“. Ein trockener Alkoholiker beschreibt seinen Weg in die Trockenheit.

 

Im Laufe des Vortrags, denke ich, ich bin im falschen Film. Was erzählt denn dieser Mann da vorne.

Fassungslos höre ich zu. Er beginnt damit, dass er auf Wunsch seiner Lebensgefährtin in Therapie gegangen ist und ihr zu liebe trocken wurde. Jeder, der mit Alkoholismus zu tun hatte, sei es, dass er selbst nass war, sei es als Angehörige/r, so wie ich, weiß, eine Therapie kann nur erfolgreich sein, wenn der Betroffene selbst krankheitseinsichtig ist. Nun ja, vielleicht wurde er ja innerhalb der Therapie einsichtig und hat sie dann doch für sich und nicht für die Lebensgefährtin gemacht.

 

Aber nein, es geht weiter. Im Anschluss an die Therapie hat er auch mal eine AA (Anonyme Alkoholiker) besucht. Dies war ihm jedoch zu dumm, so was braucht er nicht, hat er dann seinem Therapeuten erklärt.

 

Und weiter geht es im Text. Zu Hause trinke er seinen Traubensaft aus Rotweingläsern und z.B. an Silvester in Gesellschaft, stößt er auch mit einem Sektglas an, zwar ohne Sekt, aber es muss ja nicht jeder wissen, dass er Alkoholiker ist.

 

Habe ich das jetzt wirklich richtig verstanden? Ich habe in der Therapie meines Mannes und in den Selbsthilfegruppen gelernt, wie gefährlich solche Spielchen sind. Habe es erfahren, denn solche Spielchen hat mein Mann auch gespielt und hat ihn dann schließlich das Leben gekostet, weil er aus der Sucht nicht herausgefunden hat. Es fehlte die Ehrlichkeit zu anderen und mit sich selbst. Eine Grundvoraussetzung für jede Therapie, sei es nun den Weg aus dem Alkoholismus zu finden oder mit seinen Ängsten und Depressionen fertig zu werden. Ehrlichkeit und Offenheit im Umgang mit der Krankheit ist das A und O für ein gesundes Leben ohne Suchtmittel.

 

Und es kommt noch schlimmer. Er habe auch in Gesellschaft schon alkoholfreies Bier getrunken. Das ist alles kein Problem für ihn. Mag ja sein, dass es für ihn kein Problem ist, glauben kann ich das nicht wirklich. Doch hier sind auch Menschen in der Klinik, die verzweifelt einen Weg aus der Sucht suchen und kämpfen, für die ist ein solcher Vortrag schon ein Problem und eine Gefahr.

 

Jemand meldet sich und fragt, wie er das denn halte, wenn er essen geht. Fragt er, ob evtl. Alkohol im Essen ist. Nein, die Antwort, dass tut er nicht. Es müsse ja nicht jeder wissen, dass er mit Alkohol ein Problem hatte. Er habe auch schon mal Rosensorbet auf Champagnerschaum gegessen, da sei es ihm ein wenig warm geworden. Mehr war aber nicht.

 

Jetzt kann ich nicht mehr zuhören. Ich melde mich. Auf sein ja bitte, sage ich ihm, was ich von seinem Vortrag halte, sage ihm, dass ich sein Verhalten als nass und sehr gefährlich empfinde, sage ihm, dass hier Menschen sind, für die sein Vortrag mit Sicherheit eine große Gefahr darstellt, ihm da nachzueifern, das trocken werden und bleiben ja anscheinend gar nicht so ein großes Problem ist, sage ihm, mein Mann hat eine solche Verhaltensweise das Leben gekostet.

 

Er schaut erstaunt, ist etwas verwirrt, antwortet, meinst du? Nein, ich meine nicht nur, ich habe es oft genug erlebt. „Ihm hat es aber bisher nicht geschadet.“ Meine Antwort, dann hast du bisher großes Glück gehabt.

 

Jetzt melden sich auch andere, auch trockene Alkoholiker, die mir vorbehaltlos zustimmen. Der Redner wird immer unsicherer in seinen Antworten, meint zum Schluss, am kommenden Wochenende hält er einen Vortrag in der Klinik in der er zur Therapie war, er sei mal gespannt, was da für Reaktionen kommen.

 

Der Vortrag ist beendet.

 

Für mich jedoch noch nicht. Ich diskutiere mit einigen Menschen, höre auch immer wieder von dem einen oder anderen, da muss doch wohl jeder selbst seinen Weg finden. So etwas kommt immer von denjenigen, die mit Alkoholismus nie zu tun hatten. Ich bin aufgebracht, setze mich in eine ruhige Ecke mit einem Tee, grüble nach und fasse den Entschluss. Montag werde ich das Therapeutenteam mit diesem Vortrag konfrontieren und vor allem damit, dass am Wochenende kein Verantwortlicher sich solch einen Vortrag anhört und dann gegebenenfalls einschreitet.

 

Und genau das mache ich am Montag auch. Ich habe der Komiteeleitung mein Anliegen angemeldet. Werde aufgerufen, trete in die Mitte.

 

Ab jetzt bin ich für mich da in dieser Welt, hi ich bin Nika. Ich möchte das Therapeutenteam konfrontieren. Alle anwesenden Therapeuten stehen auf, treten in die Mitte. Ich schildere den Sachverhalt, äußere meine Besorgnis darüber, welche Wirkung ein, in meinen Augen total nasser Vortrag, auf Patienten haben kann, die sich grade den Weg in die Suchtfreiheit erkämpfen. Schildere, wie ich mich gefühlt habe, meine Verärgerung und auch meine Wut darüber, dass jemand in einer 12-Schritte-Klinik einen solchen Vortrag überhaupt halten darf. Äußere meinen Wunsch, in Zukunft möchten doch solche Vorträge von einem Verantwortlichen aus dem Hause mit gehört werden, damit man bei Bedarf einschreiten könne.

 

Nachdem ich das alles gesagt habe. Setzen wir uns alle erst einmal wieder hin. Jeder sollte über das Gesagte nachdenken.

 

Zwischenzeitlich werden andere Sachen besprochen. Danach werden wir von der Komiteeleitung noch einmal in die Mitte gebeten. Jeder der Therapeuten kann, wenn er will, jetzt zu meiner Konfrontation Stellung beziehen.

 

Stellungnahme:

 

  1. was kann ich annehmen

  2. was nehme ich war

  3. was kann ich nicht annehmen

  4. wie kann ich das in Zukunft ändern

  5. was macht das mit unserer Beziehung

 

Einer nach dem anderen bestätigt, dass sie das was ich gesagt habe, annehmen können. Dass sie meine große Besorgnis und auch meinen immer noch vorhandenen Ärger wahrnehmen. Dass sie alles das annehmen können. Das sie im Großteam besprechen werden, wie man in Zukunft vorgehen wird und wie man dem Wunsch nach Begleitung eines Therapeuten nachkommen kann und auch, dass man diesen Vortrag auf jeden Fall prüfen wird. In der Beziehung von mir zu den Therapeuten ändert sich nichts. Sie haben Respekt davor, wie ich mit dieser Sache umgegangen bin.

 

Ich fühle mich gut, bekomme aus der Gemeinschaft positive Rückmeldungen. Weiß für mich, es war richtig so zu handeln.

 

und ich weiß, ich bin wieder einen Schritt auf meinem Weg weiter.

 

Text: Nika Nachtwind

 

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