Wenn ich auf mein Leben zurück blicke, dann sind mir Augenblicke bewußt, in denen ich das "Leben"  körperlich gespürt habe. Ich kann mich an diese Augenblicke mit all´ meinen Sinnen erinnern. Der Duft und die Wärme eines bestimmten Menschen, das Gefühl am Ziel zu sein, Momente des Glücks und der Freude, der Zufriedenheit mit mir und meinem Leben.  Dieses Gefühl ist mir heute noch ganz nah. Ich war voller Hoffnung, voller Ehrgeiz und träumte davon, dieses Glück an mich zu binden. Familie, Kinder und die Zukunft vor Augen.... Es gab nichts, woran ich hätte zweifeln können, wovor ich Angst hatte. Alles schien einfach, die Basis riesengroß und nichts hätte sie erschüttern können. Jeder Tag war ein schöner Tag...... Ein paar Unanehmlichkeiten, Störungen des Alltags...alles von der Größe eines Sandkorns, weggewischt ohne Spuren zu hinterlassen. Die Leichtigkeit des "zusammen erreichen wir alles" war allgegenwärtig. Ich hatte Visionen von "unserer" Zukunft und der unserer Kinder.

Mit der Zeit kamen die ersten Gedanken, die ersten Zweifel. Ich habe mich immer öfter an den Aussagen anderer gemessen und angefangen "mich" in Frage zu stellen. Dann kamen die ersten "Wunden", sie bildeten eine dünne Haut, um dann noch tiefer aufzureißen, bis sie sich nicht mehr schließen wollten. Und es kamen neue Wunden dazu.......und trotzdem versuchst Du sie zu ignorieren, und so zu tun, als wären sie nicht da. Aber manche Wunden entwickeln ein eigenes Leben und entzünden sich. Sie heilen schwer und irgendwann hast Du Narben, Große und Kleine...... Du versuchst dieTherapie der Selbstheilung, fern von der Person, die Dir diese Narben zugefügt hat. Mit der Zeit kannst Du die Wunden mehr und mehr vergessen und manchmal schleichen sich Wellen des Gefühls ein,  wieder im Leben angekommen zu sein. Es sind leichte Wellen, die kommen und gehen.

Manche Menschen, die Du kennen lernst, sehen diese Narben nicht. Aber die, denen Du wichtig bist, merken es sehr schnell......Dein Leben dreht sich nur noch um die Vergangenheit, um das, was mal war und nie wieder kommt.....Du trauerst um dieses Leben, Du lebst in diesem vergangenen Leben, alles dreht sich um dieses "erlebte" Leben. Die Gegenwart tritt in den Hintergrund, die Zukunft wird Dir gleichgültig. Das "Leben" hat nicht mehr diese Bedeutung, Du nimmst es nicht mehr wahr.... Und manchmal nimmst Du auch die Personen nicht mehr wahr, die es gut mit Dir meinen und Dich aus diesem "Loch" holen wollen.

Irgendwann kommt so etwas wie "Besinnung" und Du erkennst Deine Situation; Du erkennst, dass Dein Leben lange Zeit in Gedanken gefangen war. Aber es ist schön spät geworden, die Zeiger der Lebensuhr sind nicht stehen geblieben. Die Mutigen versuchen den Neuanfang, manche ergeben sich in ihren ständigen Betäubungen, andere wiederum flüchten in Meditation und Glauben.

Ich habe "überlebt", mein Nervenköstüm wurde zwar etwas dünner, und meine Haut hat ein paar Falten abbekommen. Mein Rücken, auf dem ich diese Last jahrelang getragen habe ist heil geblieben. Die Narben sind ein Teil von mir geworden, aber sie stören mich nicht mehr. Im Gegenteil. Sie sind Relikte meines Lebens geworden, die mich manchmal daran erinnern.

Mit den Jahren konnte ich ein unschätzbares Repertoire an Erfahrungen sammeln. Mein Leben verlief anders, als ich es mir gewünscht habe. Aber es hat mich vieles gelehrt. Und es hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Und das macht mich stolz.

Was weiterhin kommen wird und wie mein Leben noch verläuft, das weiß ich nicht. Ich habe aber die Sicherheit meiner Erfahrungen und meines "Lebens"  und es macht mir keine Angst mehr. Und wer weiß,...... vielleicht gibt es ja noch ganz viel zu "erleben".