Sie war jetzt immer traurig, deprimiert, untröstlich, Tränen liefen ihr übers Gesicht.

In den vergangenen Monaten waren ihr wieder und immer wieder die wenigen Minuten, die alles in ihrem Leben verändert hatten, durch den Kopf gegangen.

Immer wieder war die Frage aufgetaucht: „Warum er?“ „Warum wir?“

 

Anna, in der Vergangenheit immer lebenslustig und zu Späßen aufgelegt,

tat sich jetzt nur selber leid.

 

Seit Wochen, nein es waren schon einige Monate, dass sie ihr Grundstück das letzte Mal verlassen hatte. Das letzte Mal war es zur Beerdigung gewesen und da musste ihre Tochter sie zum Friedhof fahren, obwohl  sie bis dahin immer selbst und sehr gerne Auto gefahren war.

Die Trauerfeier war an ihr vorbeigegangen ohne dass sie etwas mitbekam.

Sie war menschenscheu geworden, ließ niemanden an sich heran, ihre Tochter kaufte für sie ein. Ihr war egal, was diese mitbrachte. Oftmals ließ sie das Essen ganz ausfallen.

Sie mied ihre Nachbarn und sie mied ihre Freunde und wenn diese sie anriefen, fertigte sie sie kurz ab. „Lasst mich in Ruhe, ich brauche niemanden.“  Wenn sie von ihnen gefragt wurde, wie es ihr ginge, kam als Antwort immer nur das Wort „gut“. Meistens nahm sie den Hörer gar nicht erst ab, ging nicht ans Telefon, wozu auch, das Leben war für sie nicht mehr lebenswert.

Dabei waren die vier Ehepaare seit Jahren unzertrennlich gewesen, zweimal im Monat hatten sie sich getroffen, einmal zum Rommeeabend und das zweite Mal einfach nur zum Quatschen. Sie waren seit Jahren gemeinsam in den Urlaub gefahren und seit sie Rentner waren, sogar zweimal im Jahr und  sie hatten immer Freud und Leid miteinander geteilt.

 

Jetzt waren es nur noch drei Paare.

 

Anna war jetzt alleine, sie gehörte nicht mehr dazu, ihr Manfred hatte sie für immer verlassen. Wie konnte sie sich da noch mit den alten Freunden treffen. Sie konnte ihre Späße nicht ertragen und musste immer an die Vergangenheit denken. 

Sie war menschenscheu geworden, ließ niemanden an sich heran.

Ihre Tochter kaufte für sie ein und versuchte, obwohl sie selbst sehr traurig über den Verlust ihres Vaters war, alles, um die Mutter wieder unter Menschen zu bringen. Auch sie kam nicht an die Mutter ran, es war nichts zu machen.

 

Ihr Grübeln war an diesem Tag anders.

 

Es war da ein bisschen Hoffnung, aber nur ein ganz kleines bisschen.

In der vergangenen Nacht war etwas passiert. Was war passiert? Hatte sie geträumt?

Oder war es wirklich so, wie sie es in der letzten Nacht erlebt hat?

 

Manfred saß mit ihr am Frühstückstisch. Wie immer seit sie Rentner waren, war für sie das ausgedehnte Frühstück das wichtigste vom ganzen Tag. Dem Essen war immer mit der zweiten Tasse Kaffee ein ausgiebiges Zeitungsstudium gefolgt.

Aber die Zeitung war an diesem Morgen für ihn Nebensache, er betrachtete Anna und bemerkte: „Was ist los? Warum bist du so traurig? Du hast abgenommen, du lässt dich gehen, du vernachlässigst unsere Freunde, lässt niemanden an dich heran. Ich musste noch einmal zu dir kommen, um dir zu sagen: Freue dich, dass du Leben kannst, freue dich, dass du noch bei unseren Kindern und Enkeln bist. Solange ich dich so wie jetzt sehe, finde ich keine Ruhe.

 Ich weiß doch, dass du mich nicht vergisst, das heißt aber nicht, dass dein Leben auch zu Ende ist. Denke immer daran, auch jetzt muss das Leben für dich weitergehen. Das Leben ist viel zu schön und viel zu kurz, um es wegzuwerfen, um es nicht zu achten.

Bedenke bitte, nur wenn ich weiß, das es dir gut geht, kann ich meine jetzige Ruhe auch genießen.

Versprich mir, dass du ab jetzt wieder die Anna wirst, die ich geliebt habe, die fröhliche, lebenslustige, aufgeschlossene Anna, die das Leben liebt.“

Anna: „Aber ich kann doch nicht....“

„Doch du kannst und du musst, dann kann ich meine jetzige Ruhe genießen.“

 

Danach hatte er sie gestreichelt und war verschwunden...

 

Obwohl dies nur ein Traum war, hatte sie danach das Gefühl, als hätte sie dieses Wiedersehen und dieses Gespräch  wirklich erlebt.

 

Das alles ist jetzt 12 Jahre her. Es hat damals noch eine Weile gedauert, bis Anna ihre Trauer um Manfred abgelegt hat, die Worte von Manfred beherzigte und nach und nach wieder zu ihrem Leben zurückfand.

Heute ist sie eine lebenslustige ältere Frau,

♦ die wieder aktiv am Leben teilnimmt,

♦ die sich wieder  regelmäßig mit ihren Freunden trifft,

♦ die wieder ihre Umwelt bewusst wahrnimmt,

♦die wieder regelmäßig mit Freunden in den Urlaub fährt und dabei schöne Gegenden in Deutschland und anderen Ländern kennen lernt,

♦ die wieder gerne mit ihrem Auto durch die Gegend fährt und dazu andere alleinstehende ältere Frauen einlädt und auch ihnen die Freude am Leben erhält.

Sie ist eine Frau,

♦ die ihren Manfred nicht vergessen hat und ihn auch nie vergessen wird.

♦ Heute hilft sie auch anderen Menschen, denen es ähnlich geht wie ihr damals, über die Traurigkeit hinweg und freut sich, wenn ihr dies gelingt.

Sie lebt mit dem Moto, - genieße das Leben so lange du es kannst, es ist viel zu schön und viel zu kurz, um Trübsal zu blasen. -

Und jüngeren Menschen gibt sie den Rat: Denkt immer daran, das Leben ist nicht mit 50, nicht mit 60, nicht mit 70 oder 80 Jahren zu Ende, sondern erst dann, wenn man die Augen für immer schließen muss und aufhört zu atmen..

 

Copyright Maria E.

Foto:  Pixelio