Mit Vorfreude, auf die Zuckertüte, auf den Schulranzen und, natürlich auch das Lernen, nahmen wir den Termin zum Einschulungstest, beim Amtsarzt wahr.
Ein großer, netter Mann, jedenfalls lächelte er freundlich - verstehen aber, taten wir ihn nicht.
Fabi, fragte ihn immer wieder, was er tun solle, er hätte es nicht verstanden.
Der Arzt sprach kaum Deutsch.
Ich selbst hatte ein paar Fragen - aber eine Verständigung war nicht möglich.
Der Arzt rechnete ein paar bunte Punkte, auf dem Testbogen zusammen und überreichte uns das Ergebnis.
Alles prima!
Dabei sagte er etwas, wie: "schulhö, imme auf rote Pungd ackten!", lächelte freundlich und entließ uns.
(Später erfuhr ich dass die Kids Stühle in verschiedenen Höhen hätten, der mit einem rotem Punkt, war seiner Körpergröße angepasst.)

Fabi ging mit viel Begeisterung in die Schule.
Einen Stuhl, mit rotem Punkt gab es aber nicht, alles einheitlich.
Er hatte Freunde, viele Mädchen und es ging soweit gut.
Aber, der plötzliche Umschwung vom Kindergarten-spiel-alltag, zum in- der- Schule- lernen, ging nicht ganz spurls an ihm vorbei.
Er hatte Motivation, auf alle Fälle, aber es fiel ihm schwer.
Ich hatte es da auch nie einfach. Mathe und Kopfrechnen...oje.
Ich begann mir so meine Gedanken zu machen und erkundigte mich nach dem ersten halben Jahr.
Alles gut Frau Bose, er ist manchmal etwas unkonzentriert, aber das wird schon noch.
Seine Buchstaben sind schwer zu deuten, aber das geht weg, Fabi ist ja Linkshänder. Das wird schon."
Beruhigt ging ich wieder.

Fabi aber, war nicht wirklich glücklich.
Er ist ein weicher, lieber Kerl, interessiert sich für Baufahrzeuge, Baustellen, ist musikalisch und spielt viel mit den Mädels.
Doch die anderen Jungen ärgern ihn.
Ich versuch ihn zu trösten und zu stärken.
Zur Wehr dürfe er sich ruhig einmal setzen.
Ein Prellbock sollte er nicht werden.

Ich begann zu dieser Zeit, eine Ausbildung zur Kinderpflegerin und im Unterricht wurde mir klar, dass die Erzieher viele Erkennungszeichen und Probleme der Linkshänder bei Fabi gar nicht erwähnt oder gar erkannt hatten.
Ich machte mir die ersten Vorwürfe.
Das sind Dinge von denen eine ganz normale Mami gar nichts wissen kann.
Dann kam das nächste Elterngepräch.
Meine Befürchtungen bestätigten sich jetzt.
"Es wäre schon besser, wenn der Fabian die erste Klasse wiederholt.
Er ist einfach noch zu verspielt und unkonzentriert.
Er war ja noch auch sehr jung.
Nächstes Jahr wird es besser.
Glauben sie uns nur."
Wieder glaubte ich.

Er erreichte dann tatsächlich das Klassenziel.
Endlich zweite Klasse.
Aber - mit Hängen und Würgen.
Plötzlich hatte er Nachhilfestunden und Förderstunden.
Das sei ganz normal, bei Linkshändern.
Zu Hause lernten wir natürlich auch fleißig.
Allerdings bemerkte ich, dass er arge Probleme hatte, Zusammenhänge zu finden, die Konzentration mangelhaft war und er vieles einfach nicht begriff.
Was sollte ich tun?
Mein Kind dafür bestrafen, weil er den Stoff nicht verarbeiten kann?
Wieder führte mein Weg in die Schule.
Man wurde aufmerksam und steckte ihn in ein Förderprogramm.
Auch jetzt in der zweiten Klasse.
Doch nebenbei sollte er auch dem normalem Unterricht folgen.
Fabi schaffte es nicht mehr.
Er brauchte einfach länger.
Wieder bemühte ich mich um ein Elterngespräch...

Ich wurde kaum wargenommen, nur Fakten, Fakten, Fakten; unfreundliche Bemerkungen und das es kaum noch möglich ist, Fabian zu unterrichten.
"Wie stellen sie sich das vor, Frau Bose.
Im zweitem Halbjahr gibt es Zensuren, der Fabian strengt sich nicht an- der Fabian schreibt die Texte nicht schnell genug ab - er begreift die Zahlen bis Hundert nicht....."
Vorwürfe, Ermahnungen, Abneigung.
Ich lernte mit Fabi, so gut es eben ging, aber nachmittags um halb fünf?
Etwas Schönes will der Kleine doch auch mal unternehmen.
Und am Wochenende? Er lernt und lernt.
Das er seine Motivation noch nicht verloren hat hat, wundert mich schon, freut mich auch.

Doch Fabi kommt heim.
"Mami, die Frau K. war heut sooo streng zu mir und gar nicht mehr nett.
Die Frau F. schimpft immer, weil ich die Hausaufgaben nicht schaffe und die anderen ärgern mich deshalb."
Er ist traurig, hat Tränen in den Augen und tut mir leid.
Wieder rede ich mit den zuständigen Lehrern. und ich merke schnell: die Lust ist ihnen vergangen.
Ihr pädagogisches Latain am Ende.

Ich überlege, Fabian einem Kinderpsyschologen vorzustellen.
Durch meine Ausbildung kenne ich nun die Probleme meines Sohnes, die immer komplexer werden.
Ich spüre es, auf dieser Schule wird mein Kind untergehen.
Der Lehrstoff (auch in der Fördereinheit) läuft vorne weg und Fabi traurig hinterher.
Muss ich diesen Stress meinem Sohn antun?

Fabis Talente liegen definitiev woanders.
Er ist halt so musikalisch begabt und hat so Spaß dran.
Sein handwerkliches Können, stellt er beim Bauen, mit seinem Opa unter Beweis.
Ist es so schlimm, auf einer Förderschule langsam das zu lernen, was er kann und schafft, um die Freude daran wieder zu finden, weiter zu lernen?