Kurzgeschichte von Stefani Urbiczek
geschrieben im Jahr 2007



Happy hour

Hochsommer in Paris.
Die Stadt ist voll mit Touristen.
Hans Meyer, 32 J. alt, und sein Sohn Leon, 7 J. alt,
waren heute vor Sonnenaufgang aufgebrochen
vom Campingplatz Bois de Bologne.
Schließlich lernt man aus Fehlern.
Gestern war alles schief gegangen,
aber heute würden sie es ganz sicher schaffen.

Da kam auch schon der Bus, der sie in die Stadt
bringen sollte.
Herr Meyer, der recht geizig war, empfand es als
Geldschneiderei, den Campingplatz an den Rand
der Stadt zu legen, um den Touristen mit Fahrkarten
das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Lange dauerte die Fahrt nicht.
Weitere Fahrkarten für U-Bahn usw. kamen nicht in Frage.

Nach etwa zwei Stunden durch die Innenstadt
hatten sie den Eiffelturm erreicht.
Dank menschenleerer Straßen konnten sie alles gut sehen
und weil noch alle Geschäfte geschlossen hatten,
bestand auch nicht die Gefahr, sich zu irgendeiner
Geldausgabe verleiten zu lassen.
Herr Meyer war zufrieden.

Langsam wurde es wärmer, Leon wurde munter
und in fünf Minuten würde das Kassenhäuschen öffnen.
Dort würden sie ihre Freifahrkarten erhalten.
Die erste Fahrt am Tag rauf auf den Eiffelturm war kostenlos.
Zeit genug für einen Imbiss aus dem Rucksack.
Der flotte Marsch durch die Stadt hatte Herrn Meyer
ins Schwitzen gebracht.
Schnell war die erste Wasserflasche geleert und
der Rucksack um 1 L leichter.

Nach 15 Minuten erschien jemand im Kassenhäuschen,
machte aber keine Anstalten zu öffnen.
Herr Meyer polterte gegen die Scheiben.
Er wollte der Erste sein auf dem Turm und das sofort.
Ein paar Fotos mit seiner Digitalkamera von allen Seiten
auf Paris herab
und diese Stadt wäre für immer verewigt und abgehakt.

Nun fuhr ein Bus vor.
Die Reisenden steuerten sofort auf den Eingang zum Lift zu.
Herr Meyer war sprachlos über so viel Unverfrorenheit.
Dann machte sich aber doch noch seine jähzornige Seite bemerkbar.
Sobald sich die Lifttüre hinter der Reisegruppe geschlossen hatte, brach es aus ihm heraus. Er schrie und stampfte mit den Füßen auf.
Bald sah es aus, als würde er einen Derwischtanz aufführen. Die lange Haare flogen wild herum, klebten in seinem hochroten, verschwitzten Gesicht.

Klein Leon war nun endgültig wach, betrachtete neugierig das Spektakel und klatschte schließlich im Takt dazu.
Inzwischen hatte sich ein Menschenauflauf gebildet.
Da schnappte sich Leon sein Sonnenhütchen und ging herum, bis es üppig darin klingelte.

Herr Meyer erlitt einen kurzen Zusammenbruch.
Als er sich wieder hoch rappelte, sah er sein Spiegelbild in den Scheiben des Kassenhäuschens und erschrak.
Konnte so ein glücklicher junger Vater aussehen, der mit seinem kleinen Sohn auf Reisen war?
Herr Meyer begann zu weinen. Er sah den kleinen Hans zusammen mit seinem geizigen Vater. Er sah, wie er sich jeden Wunsch verkneifen mußte und wie er sofort den Jähzorn des Vaters weckte, sobald er an irgendwas Freude hatte.
Der Schmerz war so stark, dass es seinen ganzen Körper schüttelte.

Bis er bemerkte, wie Leon heftig an seinem Ärmel zupfte und ihm tröstend zurief: “Ich habe ganz viel Geld gesammelt. Jetzt können wir die Karten zahlen.”
Schlagartig war Herr Meyer wieder ruhig und sah Leon lange einfach nur an.

“Leon - Schluß mit dem Geiz!
Wir fangen ein neues Leben an. Komm, wir gehen erstmal zum Frisör.” Eine Stunde später standen sie vor einem Frisörsalon - beide mit Faconschnitt - gut duftend.
Leon: “ Papa, Du siehst ja blendend aus!”
Vater Meyer: “Danke Leon, Du aber auch! Und nun werden wir mal ausprobieren, was es in Frankreich zum Frühstück gibt, bevor wir auf den Eiffelturm fahren.”

Hand in Hand machten sie sich auf die Suche nach einem gemütlichen Frühstückscafe in der Nähe.
Genau genommen hatte Herr Meyer von nun an zwei Kinder an der Hand -
seinen Sohn Leon und den kleinen Hans.
Manch einer findet ihn eben doch -
den Schlüssel zum Glück