Esther saß in der Metro, vertieft in ihr Buch „Mein Leben“ von M. Reich-Ranicki, als plötzlich eine Stimme aus dem Lautsprecher ertönte: „Verehrte Fahrgäste, bitte alle aussteigen, der Zug endet hier!“
Komisch, wunderte sie sich, der Zug hat doch noch gar nicht die Endstation erreicht, und ihr Zielbahnhof war auch noch ein paar Stationen entfernt.
Die Fahrgäste verließen die Waggons und versammelten sich auf dem Bahnsteig. Ein Bediensteter der Bahn erklärte, dass der Zug überprüft werden müsse und deshalb alle Fahrgäste gebeten worden waren, ihn zu verlassen
Wieder ertönte die Stimme aus der Lautsprecheranlage: „Verehrte Fahrgäste, der nächste Zug trifft in ca. zehn Minuten hier ein und wird Sie zu ihrem Zielbahnhof bringen. Wir bitten um ihr Verständnis.“
Zwischen den wartenden Menschen entwickelten sich lebhafte Gespräche. Mutmaßungen wurden aufgestellt und wieder verworfen.
Esther war müde. Sie war seit dem frühen Morgen unterwegs, hatte einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich. Sie wollte nach Hause und in ihr Bett.
Esther hatte schon eine Weile bemerkt, dass sie von zwei Männern beobachtet wurde, die offenbar über sie sprachen.
Nun kamen die beiden auf sie zu. „Entschuldigung“, sprach sie der Größere von beiden an, „ich möchte nicht aufdringlich erscheinen, aber darf ich fragen, was Sie da lesen?“
Esther zeigte ihm ihr Buch, nahm jedoch eine ablehnende Haltung ein.
Sie mochte es nicht besonders, wenn Fremde, insbesondere Männer, sie einfach so ansprachen.
„Ach, interessant!“ begann nun der andere zu sprechen, „Mein Leben von Marcel Reich-Ranicki, ein bewegendes Buch! Bewundernswert wie dieser Mann trotz der Schicksalsschläge sein Leben gemeistert hat!“
„Sie haben das Buch gelesen?“ fragte Esther, jetzt schon etwas aufmerksamer und interessierter.
Sie schaute sich die beiden Männer nun etwas genauer an. Auf jeden Fall waren es keine Deutschen. Das hatte sie schon an dem fremdländischen Akzent bemerkt, den beide hatten.
Der eine war groß und kräftig, hatte braunes, gelocktes Haar und wirkte recht selbstbewusst.
Der andere war wesentlich kleiner, schlank und schmal, mit schwarzem Haar und ernsten, dunklen mandelförmigen Augen. Beide waren nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt, durchaus als gut aussehend und sympathisch zu bezeichnen.
Schwer zu schätzen, woher sie kamen.
Als hätten sie ihre Gedanken erraten, begann der Größere von beiden: „Ich bin Grieche und heiße Tanos. Mein Freund ist Perser und heißt Ardalan. Wir sind Kollegen, arbeiten beide als Ärzte im Benjamin-Franklin-Krankenhaus.“
„Darf ich fragen, was Sie machen?“ begann nun der andere zu fragen.
„Ich bin Bibliothekarin und arbeite in der Universitätsbibliothek der TU“, gab Esther bereitwillig Auskunft.
In dem Moment fuhr die Metro in den Bahnhof ein. Die Fahrgäste bestiegen den Zug.
Die beiden Ärzte stiegen mit Esther zusammen in einen Waggon. Es entspann sich eine leichtflüssige angenehme Konversation zwischen den Dreien.
„Darf ich Sie noch ein Stück begleiten? Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen, würde mich aber gern noch eine Weile mit Ihnen unterhalten!“ fragte Ardalan. „Warum nicht!“ antwortete ihm Esther. Am nächsten Bahnhof verabschiedete sich Tanos und stieg aus.
„Würden Sie mir bitte Ihre Telefonnummer geben? Ich würde Sie gerne wieder sehen!“ bat Ardalan. Esther kramte in ihrer Handtasche nach einem Zettel und gab ihm das Gewünschte.
Sie erreichten die Metrostation, bei der Esther Zuhause war. Ardalan begleitete sie noch die Treppe hinauf. Dann reichten sie sich die Hände und verabschiedeten sich von einander.
„Wer weiß, ob dieser Mann sich jemals wieder bei mir meldet?“ dachte Esther bei sich, musste sich aber eingestehen, dass sie sich das insgeheim wünschte.
Bereits am nächsten Morgen klingelte das Telefon. Es war Ardalan, der anrief und sie fragte, ob sie schon etwas vorhätte, denn er würde sich gerne mit ihr treffen wollen. Immerhin war Sonnabend. Beide hatten frei und Esther noch nichts vor. So sagte sie zu. Sie wollten einen Spaziergang machen und anschließend Kaffee trinken gehen.
Als sie sich wiedersahen stellte Esther fest, dass ihr Ardalan wirklich sehr gut gefiel. Er war freundlich und zurück haltend, dabei aufmerksam und unterhaltsam. Beim Spaziergang nahm er ihre Hand und Esther entzog sie ihm nicht.
Nach dem Kaffee schlug Ardalan noch einen gemeinsamen Kinobesuch vor. Esther stimmte zu und sie sahen sich einen Film an, der gerade angesagt war, gute Kritiken bekommen hatte und beide interessierte.
Im Kino legte Ardalan ein paar Mal den Arm um ihre Schultern und hielt ihre Hand. Sie ließ ihn gewähren, denn es war ihr durchaus angenehm.
Als Ardalan sie nach Hause gebrachte hatte und vor ihrer Tür absetzte, nahm er sie in die Arme und küsste sie. Und sie ließ es zu, erwiderte den Kuss und spürte, dass es ihr gefiel und sie sich nur mit Mühe aus seinen Armen befreien konnte. Beide ein wenig außer Atem, schauten sich an und begannen verlegen zu lachen.
„Darf ich noch mit zu Dir kommen?“ fragte er sie. „Heute noch nicht, lass uns noch ein wenig warten!“ „Kann ich dich morgen wieder sehen? Lass uns was zusammen unternehmen!“, bedrängte er sie. „Hol mich um drei Uhr ab und lass uns die neue Ausstellung im Museum in der Lansstraße besuchen, die würde ich gerne anschauen!“ antwortete Esther.
„Danke, ich freue mich auf morgen!“ „Ich auch!“ Noch einmal nahm Ardalan sie in seine Arme, und sie küssten einander zärtlich und innig.
Schließlich riss sich Esther los, lief zu ihrem Haus, winkte noch einmal freundlich, warf ihm einen Kuss zu und verschwand hinter ihrer Wohnungstür.
Ihr Herz pochte heftig bis zum Hals, ihre Wangen waren gerötet. Wie lange würde sie Ardalan noch widerstehen können? Vielleicht würde sie ihm morgen schon nachgeben?
Ja, warum eigentlich nicht! Was sollte sie daran hindern? „Ich lebe jetzt!“ sagte sie zu sich, „und ich bin erwachsen!“
Text: Bataaron - M. Deborah24
Bild: Moni Sertel - pixelio.de
