Eigentlich wollte sie auf Partnervorschläge dieser Seite gar nicht mehr antworten, hatte sich längst abmelden wollen. Die Typen entpuppten sich alle als verheiratet oder waren nur auf flüchtige Abenteuer aus. Wenn die glauben, sie könnten sich so das Geld fürs Bordell sparen, hatten die sich gründlich getäuscht. Nicht mit mir, so lautete ihr Leitsatz.
Eigentlich ging es ihr allein recht gut. Sie hatte eine anständig bezahlte Arbeit und eine nette Wohnung in einer Hochhaussiedlung. Sie lag in dem letzten der drei zehngeschossigen Häuser und damit näher an den kleinen Straßen mit den Zechenhäusern, die alle nett renoviert waren und recht große, teilweise sehr hübsche Gärten hatten. Von der vierten Etage aus konnte sie deshalb über eine weite Fläche Grün sehen und fühlte sich oft wie im Park. Die Bahn, mir der sie zur Arbeit gelangte, fuhr gleich vor dem ersten Hochhaus. An dieser Hauptstraße lagen auch alle nötigen Geschäfte und Restaurants, die das Leben angenehm machten.
Der Regen war es, der sie bewog, an den PC statt zum Spaziergang zu gehen. Na, da hatte sich ja mal einer richtig Mühe gegeben. Nicht nur dieses…habe den Partnervorschlag gerade bekommen, wann und wo treffen wir uns? Er schrieb, dass er das pralle Leben gleich vor der Haustür habe, mit dem Auto aber gern auch mal zu stillen Wäldern oder Seen fahren würde, um dort die Seele baumeln zu lassen. Er habe im Haus zwei reizende, ältere Nachbarinnen, für die er Wasser und schwere Teile einkaufen ginge, doch das war nicht ausschließlich die Nähe, die er zu Menschen aufbauen wolle, es fehle ihm etwas, obwohl er eigentlich nicht unglücklich sei, er fühle sich nur…nicht vollständig. Ja, er suche nach seiner anderen Hälfte.
Dieser Mann drückte das in Worten aus, was Elke schon so lange fühlte. Etwas fehlte, das Glas war nur halb voll, der halbe Ball konnte nicht rollen. So schrieb sie ihm zurück…ich wohne recht grün und ruhig, mit den Nachbarn habe ich ein gutes Verhältnis, sogar mit Leuten aus den Häusern nebenan, doch auch mir fehlt die andere Hälfte, wie Du es so schön ausgedrückt hast.
Elke schwor sich, diesmal nicht gleich das Herz auf der Zunge oder im Tippfinger zu haben, wollte nicht, dass wieder einer ihre Telefonnummer heraus bekommen konnte und pausenlos nervige Anrufe tätigte. Peter nahm sich vor, diesmal nicht zuerst nach einem Date zu fragen. Was hatte seine letzte Mailpartnerin geschrieben, als er nach drei Wochen und zig Mails um ein Date bat? Notgeiler Affe hatte sie ihn genannt, dabei wollte er wirklich nur mit ihr bei dem Griechen etwas essen, der sein Lokal gleich neben dem Haus hatte, in dem Peter wohnte.
Da wusste er wenigstens, dass es schmecken würde.
Zwischen Elke und Peter flogen die Nachrichten hin und her wie der Ball beim Tennisspiel. Trotzdem wussten sie nur, dass sie beide in Essen wohnten. Peter nahm an, Elke wohne im Süden, wegen des Grüns, Elke dachte, Peter wohne in der Stadtmitte, wegen des prallen Lebens vor seiner Türe.
Eines Tages hielt das Schicksal so viel Dummheit nicht mehr aus und setzte Frau Brand, eine der alten Damen, die sowohl Peter als auch Elke kannten, den Floh mit der Renovierung ins Ohr. Frau Brand bat Elke, ihr bei der Reinigung nach dem Tapetenwechsel zu helfen, den ein netter Nachbar durchführen wolle. Der Nachbar stieg gerade die Treppen zur eigenen Wohnung hoch, da klingelte Elke, um mit den Reinigungsarbeiten zu beginnen. Der Mann hatte sauber gearbeitet und so konnte Frau Brand ihn nach zwei Stunden bitten, den schweren Schrank gemeinsam an die frische Wand zu schieben. Elke wienerte gerade die letzte Fensterscheibe als Frau Brand mit Peter eintrat, den sie als Herrn X vorstellte. Auch Elke wurde als Frau Y vorgestellt und wie ein eingespieltes Team hatten sie bald alles an Ort und Stelle geschoben. Elke hatte das Gefühl, dieser Herr X würde sie öfter ansehen…auch so ein Filou, der trug doch einen Ring! „Jetzt mach ich uns aber mal eine schöne Tasse Kaffee“, bestimmte Frau Brand und bat ihre Helfer, sich schon an den Tisch zu setzen.
Neben dem Kaffee wurde auch Kuchen aufgetischt. Puddingkrapfen für Peter, Apfelkuchen für Elke und Berliner, in die Frau Brand sich reinsetzen könnte, wie sie zu sagen pflegte. Elke lächelte als sie die Puddingkrapfen sah, denn „ihr“ Peter vom Internet aß die auch so gern und in einer besonderen Art und Weise…erst den Pudding mit dem Kaffeelöffel rausfuttern, dann den restlichen Krapfen. Als Peter seinen Löffel in den Krapfen tauchte, fror Elke mitten in der Bewegung ein. Frau Brand lächelte „Wie ein Kind! So isst der Peter die Krapfen immer, nicht wahr?“ Elkes Nackenhaare stellten sich auf. Das war IHR Peter, einer mit Ring! Doch als ihr Blick darauf fiel, erkannte sie, dass es ein Siegelring war. Frau Brand hatte Elkes Blick bemerkt und erklärte „Der Ring gehörte meinem Mann. Bevor den mein nichtsnutziger Neffe bekommt, habe ich Peter den geschenkt.“
Elke sah Peter länger als nötig in die Augen, dann nahm sie langsam die Kuchengabel und begann, ihren Apfelkuchen zu essen…erst nur die Decke mit dem dicken Zuckerguss, dann den Rest. Ein völlig erstarrter Peter trieb Frau Brand in die Küche, um die fast volle Kaffeekanne aufzufüllen. Während die alte Dame sich vergnügt die Hände rieb, beschlossen Peter und Elke am gleichen Abend noch den tollen Griechen zu besuchen, der gleich bei ihnen um die Ecke war.
PS. Tatsachenbericht!
Liebe macht blind
Manche suchen in der virtuellen Welt nach dem Traumpartner, der gleich nebenan wohnt.
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