1990. Die Mauer war eben gefallen, und meine Ehe war kaputt. Der Weg von West-Berlin in die nähere Umgebung war kein Aufwand, und bald fasste ich Fuß und engagierte mich politisch. Als Ablenkung, wie ich heute zugeben muss. Meine „Neue“ hatte wie ich eine zerbrochene Ehe hinter sich, nur dass sie an die 20 Jahre jünger war als ich. Eine arbeitslose Akademikerin. Wir richteten uns vorübergehend aneinander auf, spendeten uns quasi Trost für Erlittenes. So wie zwei Zaunpfähle, die sich gegenseitig aufrecht halten, wenn man sie aneinander lehnt. Nur tragfähiger sind sie dadurch nicht. Alters- und erfahrungsmäßig war ich ihr überlegen, und ich versuchte krampfhaft, meine Erfahrungen aus der zerbrochenen Beziehung zu übertragen. Ich wunderte mich beispielsweise darüber, dass sie nicht bereit war, Missverständnisse, kleine Streitereien sofort durch eine Aussprache zu beseitigen. Sie war und blieb verschlossen, schmorte im eigenen Saft, und ich predigte, redete auf sie ein, brachte sie durch mein Verhalten immer mehr in die Defensive. Bald verursachte ich, dass sie überhaupt nicht mehr bereit war, sich zu öffnen. Im Gegenteil. Meine Dominanz ließ sie sich auf sich selbst konzentrieren. Sie erweiterte ihren beruflichen Horizont, und bald brachte sie es zu kolossalen, beruflichen Anerkennungen. Ich liebte sie. Meine Dominanz hatte nichts mit meinen Gefühlen zu tun; ich meinte es schließlich nur gut mit uns beiden. Aber ihre Abwendung von mir, die nichts mit einer Trennung zu tun hatte, machte mich fassungslos. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. All meine Mittel hatten versagt. Ich lief ihr quasi hinterher, bettelte um ihre Liebe, verlor an Selbstbewusstsein und verstrickte mich, völlig leistungsunfähig, in einer sinnlosen Chatterei. Wir haben zwei Kinder. Ebenso wie meine Frau liebe ich sie, und ich könnte nicht von ihnen lassen. Vor drei Jahren kündigte meine Frau an, nun doch noch endlich einen Mann passenderen Alters finden zu wollen, was mich dazu brachte, auszuziehen, aber in der Nähe zu bleiben. Wir vier sehen uns fast täglich. Für mich ist es außer Frage, dass wir nicht füreinander taugen. Seitdem die heißen Emotionen weg sind, streiten wir uns nicht mehr. Die Kinder leiden nicht mehr unter der Trennung, aber für eine neue Beziehung bin ich nach wie vor blockiert. Ich möchte nicht noch einmal alles durchleben. - Nur beruflich, da funktioniert seit der Trennung bei mir alles bestens, was wiederum ihre Anerkennung findet, wovon ich nichts habe. Mein Fazit: lasst alles langsam angehen. Versucht nicht, etwas übers Knie zu brechen. Liebe passiert täglich, im Alltag. Sie ergibt sich aus dem, was sich ergibt. Und wenn ihr ein paarmal die Hand ausgerutscht ist... Mein Gott, ich habe sie auch mit meiner austrainierten Rhetorik ganz schön provoziert. Sie darauf fest zu nageln wäre voll daneben.