Lilith

 

Einer alten jüdischen Überlieferung nach war Lilith die erste Frau Adams. Lilith war eine selbstbewusste und lustvolle Frau, die mit Adam in Gleichberechtigung leben wollte. Ihr gefiel es nicht, dass sie beim Sex immer unten liegen sollte und sie bestand darauf, genau so oft wie Adam oben zu sein. Sie wollte dem Manne nicht untertan, sondern ebenbürtig sein. Adam gefiel das gar nicht, er wollte eine Frau, die sich dem Mann unterordnet. Nachdem Lilith bewusst wurde, dass sie von Adam niemals als gleichrangig behandelt werden würde, floh sie aus dem Paradies. Lilith ließ sich mit verschiedenen Dämonen ein, denen sie unzählige Kinder gebar und wurde mit der Zeit selbst zur Dämonin. Sie verführte wahllos Männer im Schlaf oder erwartete sie, als Hure verkleidet, an einer Wegkreuzung. Nach dem Beischlaf ermordete sie die Männer. Im Mittelalter wurde Lilith von der schönen, verführerischen Frau zur alten, hässlichen und wollüstigen Hexe oder auch zur Großmutter des Teufels.

 

Lilith war und ist heute noch die von männlichen Kräften zutiefst verletzte, unterdrückte und missachtete Frau. Ihr Selbstwertgefühl, ihre Selbständigkeit und ihr Wille wurden ihr gebrochen. Lilith war mit ihrer ungezügelten, natürlichen Sexualität nicht willkommen. Sie hatte immerhin noch so viel Stolz, dass sie ein Leben in Freiheit – wenn auch unter Dämonen - dem Leiden unter der männlichen Herrschaft und Willkür vorzog. Lilith war nicht von Anfang an bösartig und hartherzig. Sie wurde es auf Grund von Wut und Schmerz, auf Grund der ihr zugefügten Verletzungen.

 

Lilith verlor ihr Vertrauen zu den Männern, sie hat Angst vor ihnen. Lilith verletzt Männer, weil sie verletzt ist - oft unabsichtlich, einfach weil sie nicht anders kann. Häufig verhält sie sich wie ein Missbrauchsopfer: Obwohl sie sich nichts sehnlicher wünscht als ein tiefes Einlassen, eine wirklich verbindliche Beziehung, in der sie als geachtete, gleichberechtigte Partnerin leben kann, sind ihr Schmerz, ihre Angst vor neuen Verletzungen und ihre Angst vor Nähe so groß, dass sie nicht in der Lage ist, sich wirklich zu binden. Da Lilith eine sexuell aktive (und sicherlich auch attraktive) Frau ist, kann sie auf den körperlichen Kontakt zu Männern nicht verzichten. Entweder lebt sie ihre sexuellen Bedürfnisse als Hure oder in One Night Stands aus oder sie lebt ängstlich-zurückgezogen, eine Unnahbarkeit ausstrahlend, allein – bis sie es ohne Sex gar nicht mehr aushält. Dann lässt sie sich ein, jedoch nur körperlich, das dann allerdings total. Im Höchstfall hat sie ein eine Zeit lang dauerndes sexuelles Verhältnis. Oft aber wird ihre Angst vor Bindung und seelischem Einlassen schon nach dem ersten oder zweiten Geschlechtsverkehr mit dem selben Mann so groß, dass sie jeden Kontakt zu ihm abbricht.

 

Bemüht sich ein Mann um Lilith, der in ihr mehr sieht als ein Sexualobjekt, einer, der sie als ganzen Menschen, als Frau und gleichberechtigte Partnerin annehmen und lieben will, überkommt Lilith panische Angst. Sofort erwachen ihr Misstrauen und ihr Fluchtinstinkt. Feste Partnerschaft ist für sie in ihrem Empfinden und in ihrer Erinnerung eben nur mit dem mit Adam Erlebten verbunden. Obwohl tief in ihr drin ein Mann, der sie als ganzen Menschen begehrt, verschüttete und eingeschlossene Saiten und ihre tiefsten Sehnsüchte zum Schwingen bringt, bedient Lilith sich allerlei Abwehrmechanismen, verleugnet sich und ihre Bedürfnisse, besonders die sexuellen, gibt vor, der Mann spreche sie überhaupt nicht an, sie habe keine Liebesgefühle für ihn (was tatsächlich stimmen mag, denn ihre Gefühle sind so verletzt, dass sie sie oft schon im Keim erstickt, sobald sie sich melden). Und wird ihre Sehnsucht nach Geborgenheit, Angenommen- und Geachtetsein gar zu groß und reichen Selbstkontrolle und –unterdrückung nicht aus, richtet Lilith die in ihr im großen Maß vorhandene Lebensenergie als Stachel gegen sich selbst, vereitelt alles, was ihr gut tun könnte, bestraft sich selbst, verletzt sich ab und zu sogar, um nicht mehr attraktiv für das andere Geschlecht zu sein. – So sehr hat sie ihre Verletzung verinnerlicht, dass sie sie hegt und pflegt als diene sie ihrem Wohlbefinden. Auch sich schuldig fühlen an dem, was ihr früher geschehen ist, trägt sie in sich, verbunden mit einem Gefühl, der Liebe, Achtung und Anerkennung nicht wert zu sein. Und gemäß der mehrtausendjährigen Geschichte empfindet Lilith die Sexualität, insbesondere die weibliche, die ihr als einziges Zeichen von Leben noch geblieben ist, als schmutzig.

 

Trotz allem kann Lilith Erlösung finden. Leid ist ein Hinweis auf notwendige Wandlung und Neubeginn, also auf stirb und werde. Unsere Mutter Erde ist eine Welt der Polarität, des Lichts und der Schatten, des Tags und der Nacht, der Liebe und des Hasses, der Freude und des Leids. Nur wenn wir die dunklen Seiten des Lebens, unsere Schatten, annehmen, werden wir ganz. Man mag zur Christusgeschichte stehen wie man will – Jesus hat es uns vorgelebt: Durch das Leid, durch den Tod, durch das Dunkel ist er gegangen und auferstanden ins Licht. Schmerz, Krankheit, Leid, Tod gehören zu unserem Leben hier auf Erden, und wir ändern daran nichts, indem wir dies nicht annehmen. Viele unter uns fürchten die dunklen Seiten des Lebens so sehr, dass sie sie abwehren. Diese Abwehr macht alles nur schlimmer. Wir sind oft so verzweifelt wie Lilith verzweifelt war als sie das Paradies verlassen und unter Dämonen leben musste. Die (Er)Lösung heißt: die Schatten annehmen, aber nicht im Schatten stehen bleiben. Für Lilith heißt das: sie hat lange genug gelitten, war lange genug verstoßen und auf der dunklen Seite. Sie kann sich jetzt ihrer ureigensten Qualitäten bewusst werden und sie zurück holen in ihr Leben. Diese sind Selbstbewusstsein, erotische Weiblichkeit, ein unabhängiger Geist – und auch „übersinnliche“ Kräfte und Praktiken, vor allem auch die Fähigkeit zum Stirb und Werde, also zur tiefen Wandlung.

 

Lilith kann ihre Verletzungen anschauen, feststellen, dass sie von gestern sind, sie loslassen und einen Weg der Gesundung gehen. Je weiter sie auf diesem Weg voran kommt, desto eher wird sie das finden, was sie bei Adam vermisst hat, nämlich einen Partner, mit dem sie in Freiheit und Gleichheit leben kann, einen Mann, der sie nicht unterdrückt, den ihre sexuelle Initiative und Verführungskunst nicht verunsichern und erschrecken, der sie achtet als Frau und als Mensch. Allerdings muss Lilith ein paar Schritte tun dazu. Sie darf nicht in ihrer Angst und Verunsicherung, in ihrem Leid verharren. Sie darf neben der Dunkelheit das Licht wieder entdecken, die Freude an der Liebe, die Freude an ihrem Körper, braucht keine alte hässliche Hexe mehr sein, sondern kann als attraktive und aktive Frau leben, die sich ihre Partner bewusst und ohne Angst vor irgendwelchen Tabus aussucht nach Kriterien, die weit über das Sexuelle hinaus gehen. Letztlich kann Lilith dann auch ihre magischen (Hexen)Kräfte einsetzen, um denen bei ihrer Heilung zu helfen, die sich auch aufgemacht haben zur Ganzheit, aber noch nicht so weit sind wie sie.

 

 

Verwendete Literatur: Lianella Livaldi-Laun, Lilith Die Begegnung mit dem Schmerz -  Chiron Verlag

 

 

Helmut Schmitt-Treiber

25. 07. 2004