Loslassen....
oder wenn der Mond die Sonne ruft
Das Telefon klingelt und ich nehme den Hörer ab. Am anderen Ende ist Jörg. Er fragt mich, ob ich am nächsten Tag gemeinsam mit ihnen frühstücken möchte. Schon lange habe ich auf diesen Anruf gewartet. Ich sage zu.
In der Nacht schlafe ich schlecht, wälze mich unruhig von einer Seite auf die andere, habe Träume, die mich erschreckt aufwachen lassen.
Am Morgen trinke ich nur eine Tasse Kaffee, dazu eine Scheibe Toast, die mein flaues Gefühl im Magen vertreiben soll. Dann gehe ich ins Bad und schaue in den Spiegel. Der Versuch eines Lächelns misslingt. Ich dusche, putze meine Zähne. Noch einmal versuche ich, ein Lächeln in mein Gesicht zwingen, aber meine Augen strafen dieses Lächeln Lügen.
In der letzten Nacht hat es geschneit. Ich fege den Schnee vom Autodach und von den Scheiben, versuche an nichts zu denken. Für die Strecke brauche ich nicht mehr als 30 Minuten. Heute plane ich eine Viertelstunde mehr Zeit ein.
Ich fahre konzentriert, erlaube meinem Blick nicht, die Winterlandschaft wahrzunehmen.
Mir ist kalt, ich friere, obwohl die Heizung auf höchster Stufe läuft.
Vor mir liegt das Dorf, eingebettet in sanfte bewaldete Hügel. Ich lenke mein Auto in einen Feldweg, fingere eine Zigarette aus der angebrochenen Packung, rauche langsam und streife mir eine Maske mit dem am Morgen eingeübten Lächeln über mein Gesicht.
Dann stehe ich vor der Haustür und drücke die Klingel. Eine weiche Melodie kündigt mein Kommen an. Jörg öffnet die Tür und ich trete ein. Wärme und eine freundliche Helligkeit umfangen mich. Mein Blick fällt auf einen Koffer in der Diele. Für einen Moment starre ich ihn wie einen feindlichen Eindringling an.
Jörg schiebt mich mit leichtem Druck in Richtung des Wohnzimmers. Gela erwartet mich. Sie ist schön, trotz ihrer Zerbrechlichkeit, Zartheit. Ihre Perücke trägt sie wie vormals ihr Haar. Ich will ganz stark sein, kämpfe mit den Tränen, bis mein Hals anfängt zu schmerzen. Als wir uns in den Arm nehmen, fange ich an zu weinen, hemmungslos. Ich, die Starke, die für alles immer eine Lösung findet, auch in scheinbar ausweglosen Situationen. Ich kann diese Krankheit nicht akzeptieren, was sie längst getan hat. Sanft löst sie sich aus meiner klammernden Umarmung.
Jörg richtet für Gela die Kissen auf der Couch, wickelt sie in eine Decke mit einer Behutsamkeit, die ich nie zuvor an ihm bemerkte.
Ich greife nach einem Brötchen, bestreiche es mit etwas Butter. Nur mit Mühe gelingt es den Bissen, an dem Kloß in meinem Hals vorbei zu kommen. Ich trinke den heißen Kaffee in kleinen Schlucken.
Dann bricht es aus mir heraus. Scheiße, das kann es nicht gewesen sein. Du gehörst seit fast 40 Jahren auch zu meinem Leben. Wieso hast Du die Krankheit nicht gefühlt, setzt ihr nichts entgegen. Ich will Dich dabei haben, wenn ich meinen nächsten Geburtstag feiere, will Dich glücklich sehen, wenn Deine Söhne heiraten, Dich bei unseren Familienfeiern lachen hören! Ich will Dir Bücher bringen, die Du auch zu Ende lesen kannst. Ich will von Dir hören, dass unsere früheren dummen Streitereien auch für Dich schon lange nicht mehr von Bedeutung sind. Ich will wissen, dass Du da bist, auch wenn wir uns nicht so oft sehen. Ich will, dass der gepackte Koffer für eine Reise mit Jörg bereit steht und nicht für die Reise in das Hospiz. Du gehörst zu unserem Leben! Ich habe Angst! Aber Du sollst wissen, dass ich noch oft deine Hand halten werde, versuchen werde mit Dir zu lachen, aber auch mit dir zu weinen. Ich lasse dich nicht allein, nicht deinen Mann und nicht deine Söhne. Ich will versuchen so stark zu sein wie du, weil ich dich liebe.
Ich stehe auf, beuge mich zu Gela, nehme sie fest in meine Arme und fühle, wie die Stärke zurück in meinen Körper strömt.
In der Nacht schlafe ich schlecht, wälze mich unruhig von einer Seite auf die andere, habe Träume, die mich erschreckt aufwachen lassen.
Am Morgen trinke ich nur eine Tasse Kaffee, dazu eine Scheibe Toast, die mein flaues Gefühl im Magen vertreiben soll. Dann gehe ich ins Bad und schaue in den Spiegel. Der Versuch eines Lächelns misslingt. Ich dusche, putze meine Zähne. Noch einmal versuche ich, ein Lächeln in mein Gesicht zwingen, aber meine Augen strafen dieses Lächeln Lügen.
In der letzten Nacht hat es geschneit. Ich fege den Schnee vom Autodach und von den Scheiben, versuche an nichts zu denken. Für die Strecke brauche ich nicht mehr als 30 Minuten. Heute plane ich eine Viertelstunde mehr Zeit ein.
Ich fahre konzentriert, erlaube meinem Blick nicht, die Winterlandschaft wahrzunehmen.
Mir ist kalt, ich friere, obwohl die Heizung auf höchster Stufe läuft.
Vor mir liegt das Dorf, eingebettet in sanfte bewaldete Hügel. Ich lenke mein Auto in einen Feldweg, fingere eine Zigarette aus der angebrochenen Packung, rauche langsam und streife mir eine Maske mit dem am Morgen eingeübten Lächeln über mein Gesicht.
Dann stehe ich vor der Haustür und drücke die Klingel. Eine weiche Melodie kündigt mein Kommen an. Jörg öffnet die Tür und ich trete ein. Wärme und eine freundliche Helligkeit umfangen mich. Mein Blick fällt auf einen Koffer in der Diele. Für einen Moment starre ich ihn wie einen feindlichen Eindringling an.
Jörg schiebt mich mit leichtem Druck in Richtung des Wohnzimmers. Gela erwartet mich. Sie ist schön, trotz ihrer Zerbrechlichkeit, Zartheit. Ihre Perücke trägt sie wie vormals ihr Haar. Ich will ganz stark sein, kämpfe mit den Tränen, bis mein Hals anfängt zu schmerzen. Als wir uns in den Arm nehmen, fange ich an zu weinen, hemmungslos. Ich, die Starke, die für alles immer eine Lösung findet, auch in scheinbar ausweglosen Situationen. Ich kann diese Krankheit nicht akzeptieren, was sie längst getan hat. Sanft löst sie sich aus meiner klammernden Umarmung.
Jörg richtet für Gela die Kissen auf der Couch, wickelt sie in eine Decke mit einer Behutsamkeit, die ich nie zuvor an ihm bemerkte.
Ich greife nach einem Brötchen, bestreiche es mit etwas Butter. Nur mit Mühe gelingt es den Bissen, an dem Kloß in meinem Hals vorbei zu kommen. Ich trinke den heißen Kaffee in kleinen Schlucken.
Dann bricht es aus mir heraus. Scheiße, das kann es nicht gewesen sein. Du gehörst seit fast 40 Jahren auch zu meinem Leben. Wieso hast Du die Krankheit nicht gefühlt, setzt ihr nichts entgegen. Ich will Dich dabei haben, wenn ich meinen nächsten Geburtstag feiere, will Dich glücklich sehen, wenn Deine Söhne heiraten, Dich bei unseren Familienfeiern lachen hören! Ich will Dir Bücher bringen, die Du auch zu Ende lesen kannst. Ich will von Dir hören, dass unsere früheren dummen Streitereien auch für Dich schon lange nicht mehr von Bedeutung sind. Ich will wissen, dass Du da bist, auch wenn wir uns nicht so oft sehen. Ich will, dass der gepackte Koffer für eine Reise mit Jörg bereit steht und nicht für die Reise in das Hospiz. Du gehörst zu unserem Leben! Ich habe Angst! Aber Du sollst wissen, dass ich noch oft deine Hand halten werde, versuchen werde mit Dir zu lachen, aber auch mit dir zu weinen. Ich lasse dich nicht allein, nicht deinen Mann und nicht deine Söhne. Ich will versuchen so stark zu sein wie du, weil ich dich liebe.
Ich stehe auf, beuge mich zu Gela, nehme sie fest in meine Arme und fühle, wie die Stärke zurück in meinen Körper strömt.
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