Seit einer Woche ist er nicht mehr hier. Mein Sohn. 25 Jahre war er mein Lebensinhalt und mein Sorgenkind. Er ist behindert, Entwicklungsverzögerung mit Wahrnehmungsstörungen. Oft habe ich schon über ihn geschrieben er ist mein Alles. Vor einer Woche haben wir uns getrennt. Es hat geklappt und er hat einen Platz bekommen in einem Wohnheim für behinderte Menschen. Es kam plötzlich und seit etwa 1 1/2 Jahren bereite ich ihn darauf vor, dass er nicht ewig bei der Mama bleiben kann, weil er jetzt erwachsen ist.

 

Als es dann soweit war, hat ihn doch die Angst gepackt und mich auch. Es ist sehr endgültig. Er wird nicht mehr bei mir leben, kommt nur noch im Urlaub zu Besuch, zu mir und vorläufig kann ich ihn nur besuchen und nicht holen, um es ihm leichter zu machen sich einzugewöhnen. Er ist nicht so weit weg von mir, nur etwa 40 km aber man fährt nicht jeden Tag 40 km um ihn zu besuchen. Es ist ein schönes Wohnheim. Er hat ein wunderschönes, eigenes Zimmer bekommen, welches wir ihm liebevoll eingerichtet haben mit seinen Sachen, damit er sich wie zuhause fühlen kann. Alles woran sein Herz hängt, haben wir mitgenommen. Von seinen fleischfressenden Pflanzen bis zu seinem Molch und seinem Computerspiel.

 

Leicht war es nicht und bis heute hab ich es noch nicht geschafft in sein Zimmer zu gehen und es wieder aufzuräumen. Für morgen nehme ich es mir vor, ob ich es schaffe? Ich weiß es nicht. Es ist eine große Chance für ihn sich weiter zu entwickeln, denn ich habe alles was ich konnte, ihm beigebracht und nun ging es nicht mehr weiter. Lernen muss er nun mit neuen Menschen in Kontakt zu treten. Rücksicht nehmen auf andere. Alles Sachen die er hier nicht brauchte.

 

Er muss Freunde finden und sich in eine Gemeinschaft einfügen und ein Mitglied dieser Gemeinschaft werden. Es wird sicher nicht leicht für ihn, aber ich denke er kann es schaffen. Es war nicht so schön für ihn hier, jedenfalls zuletzt nicht. Sein kleiner Bruder hatte immer Freunde da und ist los gegegangen mit seinen Freunden, das hat er natürlich registriert, auch dass er keine Freunde hatte mit denen er losgehen konnte. Er war meistens allein und hat sich mit der Natur und dem Garten und seinen Hobbies beschäftigt.

 

Auch die Arbeit musste er nun wechseln. Seine Arbeitskollegen sind nun andere. Es ist ziemlich viel auf einmal passiert und am Anfang hat er mich noch jeden Tag angerufen von seinem Handy aus. Wo ist mein Schlafanzug, ich kann ihn nicht finden? Wie oft muss ich noch schlafen bis Nikolaus ist? Und solche Fragen stellte er mir täglich. Er hat versucht den Kontakt mit mir zu halten. Ich hab ihn angerufen und er sagte mir, dass er wieder nach Hause möchte, weil es dort sehr laut sei. Hmmm, ja er ist halt seine Ruhe gewöhnt. In einem Wohnheim geht es ein bisschen lauter zu als zuhause, da sind halt mehr Menschen. Er zieht sich noch oft zurück in sein Zimmer sagten mir die Betreuer. Er braucht eben seine Auszeiten, die brauchte er hier auch. Sie lassen ihn auch, holen ihn aber immer wieder in die Gemeinschaft, damit er sich daran gewöhnt.

 

Am Wochenende haben wir ihn besucht. Es war auch für mich ein komisches Gefühl meinen Sohn zu besuchen. Aber er war nicht unglücklich. Wir haben ihn gefragt, was er gerne machen möchte und er sagte er würde gern nach Mc Donalds fahren. Es gibt dort wie jedes Jahr Weihnachten dieses Monopoly wo man Aufkleber sammelt und in eine Karte kleben kann. Er liebt es, so etwas zu tun.  Wir sind dann mit ihm dorthin und es gab überhaupt keine Probleme. Er hat sich gefreut und und gleich zwei Karten beklebt und so wie wir wieder da waren im Wohnheim ist er herumgelaufen um zu zeigen wieviele Aufkleber er schon hat und dass er wahrscheinlich ein Handy oder ein Haus gewinnt.

 

Wir haben uns dann von ihm verabschiedet und es war kein Problem für ihn. Ich bin sehr stolz auf ihn, dass er diese Situation so gut meistert. Es ist für uns beide eine große Chance. Ich muss mich im Loslassen üben und er wird seinen Weg gehen und sich weiterentwickeln, denn bei mir wäre er immer nur mein Kind geblieben.

 

Winnie

 

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