Love Canal – dort war ich 1979, kurz nach der Evakuierung, und erneut 1980. Der LaSalle Expressway nach Buffalo führt direkt daran vorbei. In diesem eingezäunten Areal im Süden der Stadt Niagara Falls (US-Bundesstaat New York) kann man studieren, wie die Natur sich einen Ort zurück holt, wenn die Menschheit ihn verlassen hat. An manchen Stellen wächst allerdings nichts mehr...

 

Love Canal – der merkwürdige Name geht zurück auf den Unternehmer William T. Love, der 1894 vom Niagara River zum Ontariosee einen Kanal zur Umschiffung der berühmten Wasserfälle und zur Industrieansiedlung plante. Das Projekt wurde aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten zwar aufgegeben, als der Kanal eine Länge von knapp einem Kilometer erreicht hatte. Den bereits vorhandenen Stichkanal nutzte die Bevölkerung jedoch noch in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts zum Baden und Bootfahren.

 

Später versenkten zahlreiche am Niagara River angesiedelte Chemieunternehmen fast 21.000 Tonnen giftiger Chemikalien darin. Allen voran die Hooker Chemicals and Plastic Corp., der ab 1947 der Love Canal mit einem sechs Hektar großen Landstück gehörte. 1953 verkaufte die Hooker Corp. ihr Land mit dem zugekippten Kanal für einen Dollar an die Schulbehörde (Board of Education) der Stadt Niagara Falls. Das Unternehmen wies auf den Giftmüll hin und schloss jegliche Haftung dafür ausdrücklich aus.

 

Als die Stadt wuchs, dehnten sich Wohngebiete über das Gelände hinweg aus. Käufer der Grundstücke wurden über die Deponie unter ihnen nicht aufgeklärt. Genau über dem Zentrum der alten Deponie entstand die 99th Street Elementary School, eine Grundschule. Zwei weitere Schulen baute die Stadt in der Nähe.

 

Seit den späten Fünfzigerjahren gab es immer wieder Klagen der Anwohner über seltsame Gerüche und Substanzen, die in ihren Gärten sowie auf dem Spielplatz der Grundschule auftraten. Die Stadt half ihnen beim Abdecken der betroffenen Stellen mit Erdreich und Lehm. Da die Beschwerden nicht nachließen, beauftragten Stadt und County eine Firma mit Nachforschungen. Sie entdeckte Giftfässer knapp unter der Oberfläche und wies Schadstoffe wie PCB in Luft und Kanalisation nach. Die Firma empfahl einige Maßnahmen, doch nichts geschah.

 

Am 3. Oktober 1976 berichtete die Lokalzeitung "Niagara Gazette" erstmals über Substanzen, die in den Kellern einiger Häuser zum Vorschein kamen und Krankheiten oder Schädigungen an Menschen, Tieren und Pflanzen verursachten. 1978 wurde in der Zeitung erneut über die Gefahren von Giftmülldeponien berichtet. Daraufhin nahm der Druck seitens der Anwohner zu und die Behörden wurden aktiv. Im August erklärten sie Love Canal zum Notstandsgebiet. Im November wurde berichtet, dass 200 verschiedene Chemikalien, darunter 200 Tonnen Dioxine, im Kanal vergraben seien. Im Januar 1979 wies eine Krebsexpertin bei der betroffenen Bevölkerung eine besonders hohe Rate von Fehlgeburten und Schädigungen bei Neugeborenen nach und drängte auf eine komplette Räumung des Areals. Hunderte Familien wurden später auf Staatskosten umgesiedelt, was aber nicht immer reibungslos funktionierte.

 

Ein offizieller Bericht im November schätzte das Krebsrisiko der Anwohner auf 1:10. Im Mai 1980 gab die Federal Environmental Protection Agency (EPA – Bundesumweltschutzbehörde) bekannt, dass bei 11 von 36 untersuchten Personen Erbgutschäden festgestellt wurden. Des weiteren wurden in Boden- und Gewässerproben Dioxinkonzentrationen von bis zu 312 ppb sowie im Erdreich der Grundschule abnorme Mengen des radioaktiven Cäsium-137 gefunden. Die Rechtsstreitigkeiten sollten sich noch über Jahre fortsetzen (ausführliches Material zu dem Thema sowie diverse Luftaufnahmen finden Sie auf der Website der Universität Buffalo: http://ublib.buffalo.edu/libraries/projects/lovecanal).

 

Love Canal ist ein bestürzendes Beispiel für die Verseuchung unserer Umwelt mit Schadstoffen und hochgefährlichen Giften durch deren gewissenlose Entsorgung. Doch es ist nur eine von unzähligen und teils vergessenen Deponien überall auf der Welt, deren Chemikalien nach und nach austreten und das Grundwasser sowie Flüsse und Seen belasten. Hier ist es der Niagara River. Er fließt direkt am Love Canal vorbei, stürzt über die Wasserfälle und mündet im Ontariosee. Vor dem Verzehr dort gefangener Fische wird gewarnt...

 

© by H.R.