Er rückte gefährlich nahe an mich heran, als ich gerade dabei war, an der Kasse die Ware auf das Band zu legen. Sein Aftershave kroch durch meine Nasenflügel, und ich verzog unweigerlich das Gesicht. Puh, neee, geht gar nicht … Ich versuchte mich nach vorne zu schieben, um die nötige Distanz wieder herzustellen, aber vor mir stand so ein Riese wie angewurzelt, bewegte sich keinen Millimeter …
Was nun? Er rückte mir immer weiter auf die Pelle, so Schritt für Schritt und ich hielt den Atem an, weil dieses grässliche Aftershave richtig unerträglich wurde. Nun war er nur noch eine Handbreit von mir entfernt und ich musste mich zwingen, nichts zu sagen. Dieser Mensch war mir einfach zu nah, drängte sich mir auf, wahrte nicht einen Moment lang die Distanz. Ihm schien das Spaß zu machen, mir weitaus weniger …
Was mache ich jetzt? Ihn wütend ansehen? Wäre so etwas von Erfolg gekrönt? Warum ging es denn da vorne nicht vorwärts? Die Kassiererin verließ ihre Kasse, weil jemand vergessen hatte, die Tomaten zu wiegen … Na klasse … Spitzenklasse … und ich hing hier auf Tuchfühlung mit zwei Männern, die mich nicht im geringsten interessierten …
Der Riese vor mir drehte sich genervt zu mir herum. Ein Schwall von Schweißgeruch traf meine empfindliche Nase … Dabei murmelte er etwas von: Wie lange es denn noch dauert, und trat noch den letzten kleinen Schritt in meine Richtung … Klasse … Danke! Nun war ich richtig eingekeilt zwischen Aftershave der Übelklasse und Schweiß der Sonderklasse. Ich bereute, ausgerechnet heute mal nicht meine Straßenpumps an meinen Füßen zu fühlen, die mir vielleicht ein wenig mehr frische Luft gegönnt hätten, da Luft bekanntlich in höheren Regionen gesünder ist. Nein, heute ging ich flach, weil das einfach bequemer für einen Vormittag des Einkaufs ist …
Was tun? Die Minuten vergingen, keine Ausweichmöglichkeit in Sicht und irgendjemand meinte, die Gemüsewaage, die so schöne Etiketten ausspuckt sei defekt … Und nun???? In mir keimte die Wut … Lange würde ich diesen Zustand nicht mehr aushalten. Ich hätte ihn aber auch nicht ändern können, denn selbst wenn ich jetzt dem Aftershave gesagt hätte, er möge sich bitte in Distanz üben, hätte dieser es gar nicht mehr unternehmen können, denn hinter ihm drängelten schon die Nächsten.
Ich plädiere für die Abschaffung von Einkaufshandkörben, denn so hätte ich wenigstens Luft nach vorne, wenn es nur noch diese bulligen Einkaufwagen geben würde … Nur, auch das brachte mich ja jetzt keinen Schritt weiter … im wahrsten Sinne des Wortes …
Immer noch war die Kassiererin nicht in Sicht und ich fragte halblaut, ob die Dame vorne an der Kasse nicht gänzlich auf die Tomaten verzichten könne, immerhin könnten die Tomaten ja vielleicht gar nicht so gesund sein … Ob ich noch nicht wüsste, dass wir ab jetzt alles wieder essen dürfen, kam es mir gleich von allen Seiten entgegen … Na denn … so weiß ich jetzt auch das …
Ich schaute vor mich hin und dachte darüber nach, wie es denn jetzt so wäre, wenn nun so ein Traummann hinter mir stehen würde … schöne Ablenkung … Das wäre ja jetzt so die richtige und gleichzeitig ungewollt schönste Begebenheit der Welt, wenn mir jetzt so ein Traummann so nahe kommen „müsste“ … Dabei fiel mir so plötzlich meine Ex-Beziehung ein … und … eine ähnliche Situation an der Kasse einer Tankstelle, wo er mich so ganz ungeniert von hinten „befummelte“, wie das noch so zu Teenagerzeiten genannt wurde … Wie war das denn damals an der Tankstelle????
Ach ja, mal ganz davon abgesehen, dass ich diese unmittelbare Nähe der Tuchfühlung damals absolut prickelnd fand, konnte jeder mitbekommen, was mein Ex da so trieb … Denn direkt neben uns waren die Stehtische gut befüllt mit Menschen, die einen unmittelbaren Blick auf die Handlungen meines Ex hatten … und ich muss gestehen … ich genoss es …
Nun gut, dieser Tankstellenstop war ja auch mehr eine Erholungspause unsererseits, weil die Getränkepreise des Hotels in unmittelbarer Nähe, etwas übertrieben waren … Also, ich meine, wir waren eh in Fahrt … Nein, ich meine nicht das Auto damit, sondern WIR waren in Fahrt … und so konnten wir auch in der sogenannten Erholungsphase nicht von einander lassen …
Und dies war nun auch für jeden sichtbar … Aber es kannte uns ja keiner dort … Also war es auch egal, es sei denn, wir hätten als Aufregung öffentlichen Ärgernisses gegolten … Doch glaube ich, auch das wäre uns in diesem Moment schnuppe gewesen … Ich kann mich noch an den Kassierer erinnern, wie süffisant er lächelte, als ich ihm meine Scheckkarte entgegen hielt … Dieses Lächeln empfand ich als so etwas, wie eine Bestätigung seiner Akzeptanz … Wie schön doch Nähe sein kann … die man ja überall diskret leben könnte … wenn zwei das möchten …
Die Phantasie wird ja gerade in der Öffentlichkeit beflügelt, denn einerseits ist es so eine Art Wagnis, etwas zu tun, was man ja nicht darf, und auf der anderen Seite reizt ja so etwas Verbotenes ungemein … Wie gesagt, in solchen Fällen kann ich gar nicht genug Nähe bekommen, so als Appetitanreger … Aber in anderen Fällen bevorzuge dann doch lieber die Distanz …
Man hört und liest es immer wieder … Nähe und Distanz im ausgewogenen Verhältnis leben, ist heute so ein Standardsatz der Ratschläge, wenn es um Mann und Frau geht … Ich finde das nicht … Es geht auch mit ausschließlich großer Distanz und andererseits immer und immer wieder mit gaaaanz viel Nähe …
Sarah
(Dieses „Lüstergeflüster“ habe ich aus F&A und finde diesen Begriff einfach genial … lächel)
