Müde und abgespannt saß sie am Tisch in der kleinen Essecke. Vor ihr der alte Keramikpott mit starkem Kaffee und ein Stapel Post der letzten Tage. Uschi stand auf, schaltete ihr Radio ein und sah noch einmal nach den Kindern. Diese lagen selig schlummernd im Reich der Träume. Sie zupfte die Bettdecken zurecht. Streichelte ihren Schätzen über die vom Schlaf geröteten Wangen und blieb gedankenversunken stehen. Sie liebte ihre Dreier-Bande aus tiefstem Herzen, geriet jedoch oft an ihre Grenzen. War mit Berufstätigkeit, Haushalt und der alleinigen Verantwortung für die Drei überfordert.

Uschi atmete tief durch und ging zurück zum Tisch. Sie griff nach dem Stapel Post, sortierte nach Rechnungen und Unwichtigem. Sie wusste bereits vor Beginn, welcher Stapel höher ausfiel.
Der letzte Schluck des bereits kalten Kaffees und ihr täglich rationierter Riegel Schokolade. Finanziell wäre auch eine Tafel drin, doch ihrer Figur zuliebe verzichtete sie.

Auf einmal verspürte sie ein Kribbeln. Gänsehaut überzog ihren Körper und ihre feinen Härchen stellten sich auf. Diese Melodie, Diese eingängige Stimme aus dem Radio…

Schnell sprang sie auf und drehte es lauter. Sie hatte diesen Song noch nie gehört, doch er bannte sie. Uschi erkannte sich in den eingängigen Textzeilen wieder:

So 'ne kleine Frau
Und so 'ne große Lust
Und hat schon Kinder dreie
Und immer noch kein' Frust
Und hat schon so gelitten
Und immer noch so'n Mut
Und hat so schlaffe Titten
Und hat so'n heißes Blut
(Songtext von Silly)

Etwas tief in ihrem Inneren verborgenes, erwachte. Geweckt durch die Musik und die rauchige Stimme der Sängerin. Was schon lange verschollen war. Es kehrte zurück mit jedem Ton dieses Songs. Uschi spürte schlagartig die Veränderung vom Mutter- und Arbeitstier zurück zur Frau. Sie verspürte unbändige Sehnsucht nach Zärtlichkeit, und ihr körperliches Verlangen brannte zwischen ihren Schenkeln. Ja, auch sie hatte noch heißes Blut. Es strömte wie Feuer durch ihre Adern. Pulsierte und hämmerte in Kopf und Körper.

Uschi lauschte gebannt jeder Zeile, jedem Wort, jedem Ton. Sie wusste nicht von wem, doch sie wusste für wen dieses Lied geschrieben und gesungen wurde. Es war ihres. Ihre Hymne der Weiblichkeit, die ihre Seele und körperliches Verlangen freisetzte. Uschi wusste, mit diesem Song hatte sich ihr Leben verändert. Der Kompass wies eine andere Richtung. Die Nadel zeigte auf sie und ihr heißes Blut.

So 'ne kleine Frau
Und so 'ne große Stadt
Und so 'ne gute Bluse
Die kaum noch Farbe hat
Doch so 'ne fahle Sehnsucht
Schmerzt in ihrer Brust
Und wenn die Kinder schlafen
Schon wieder so 'ne Lust
(Songtext von Silly)


Die Sängerin Tamara Danz wurde am 14. Dezember 1952 in Breitungen geboren und verstarb am 22. Juli 1996 im Alter von 43 Jahren an Brustkrebs. Tamara Danz war die Frontfrau der ostdeutschen Gruppe Silly und eine meiner Lieblingssängerinnen.


"Silly – So ne kleine Frau“, Video bei Clipfish zu hören unter: http://www.clipfish.de/video/2365951/

kompletter Songtext unter: http://www.magistrix.de/lyrics/Silly/So-ne-Kleine-Frau-219622.html, aus rechtlichen Gründen keine komplette Veröffentlichung in fremden Texten möglich



Text @ Doris Sponheimer
Bildquelle Pixelio, Fotograf Karin Schmidt