Eigentlich war ich ja schon immer scharf auf die Rosi. In jungen Jahren. Jung ist natürlich ein dehnbarer Begriff und wird von jedem Leser unterschiedlich ausgelegt werden. Will heißen, nach der Schulzeit, aber noch vor dem Erwachsen werden. Auch noch zu weit gefasst. Also, um ganz genau zu sein, so etwa zwischen 20 und 25 Jahren. Die Rosi hatte nämlich all das, was jungen Männern, die noch richtig im Saft stehen (wer von uns erinnert sich nicht gerne an solche Zeiten), die Augen hervortreten läßt. Na was wohl? Mega Titten natürlich. Damals war noch alles Natur pur, nichts wurde unterfüttert oder aufgepolstert. Den Unterschied merkt man schon beim Zugriff. Und Röcke trug sie, so kurz wie Gästehandtücher, und Beine hatte sie... aber ihr wisst ja, wovon Kerle wie wir Blickstarre bekommen. Genau. Solche Beine hatte sie! Und einen Kopf hatte sie natürlich auch. Weiter oben, wunderschön verpackt in hellblondem Haar.

 

Die Reihenfolge obiger Aufzählung richtet sich streng nach den Auswahlkriterien die ein Mann zu beachten hat, wenn es darum geht seinen biologischen Auftrag zu erfüllen. Und der Auftrag ist klar und eindeutig definiert und der lautet, sein Erbgut möglichst zügig weiter zu geben. Am besten auf direktem Wege und nicht über den Umweg eines Reagenzglases. Soll ja auch ein bisschen Spaß machen der Job. Und dazu besaß Rosi die besten Anlagen. Rosi hatte nur einen Fehler, sie war ständig belegt.

 

Rosi besaß nun einmal alle Attribute der Marke 'Luder', und da war die Konkurrenz unter den Begattungsfähigen natürlich riesengroß. Mein Gott, wir waren jung und brauchten unsere Bestätigung. Wenn ich mir meine Mitbewerber näher betrachtete, so konnte ich micht guten Gewissens im vordern Mittelfeld einordnen, knapp unterhalb der Spitze. Eigene Einschätzung. Dabei hatte ich bisher nicht herausfinden können wie Rosi ihre Wahl traf. Nach Reihenfolge des Eingangs? Dicke des Portemonaies? Größe des..., ach lassen wir das. Auch Umfragen bei Ehemaligen und daraus abgeleitete statistische Erhebungen brachten mich nicht richtig weiter. Wer, wann, und wie oft bei Rosi zum Schuss kam blieb ein Rätsel.

 

Nach Wochen des Ausharrens, wann mir denn das junge Reh nun endlich vor die Flinte laufen sollte, ergab sich unser Kontakt mehr oder weniger zufällig in einem der bekannten Altstadtlokale unserer Stadt. Wie es die Hormone so wollen, hatte sich einer der neuen Anwärter nicht ans Ende der Schlange stellen wollen. Er war verbotenerweise direkt mit zwei Gläsern bewaffnet in die Unterhaltung geplatzt, die Rosi gerade mit Dieter führte, den ich später einmal auf einem Sommerfest von Platinnetz wiedertreffen sollte. Aufmerksame Leser erinnern sich an ihn. Einfach noch mal hier nachlesen.   >>>/artikel/ein-sommerfest-im-platinnetz-280233

 

Bei solch einem Aufeinandertreffen erhitzter Gemüter wird nicht lange geplaudert, da unterhalten sich ganz fix die Fäuste miteinander. Dieter verlor hierbei seine ersten Beisserchen. Der Drängler hatte durch Missachtung der Reihenfolge bei seinem Überholvorgang schnell den Rest der Meute auf sich gelenkt, womit die Jungens für die nächsten Minuten erst einmal beschäftigt waren. Ich stand in unmittelbarer Nähe des Geschehens und spielte kurz mit dem Gedanken hier und da einen Ergänzungsschlag anzusetzen, verzichtete aber zugunsten eigener Unversehrtheit auf direkte Kampfhandlungen.

 

Da drehte sich Rosi unvermittlet um, und es sprach zu mir: "Ist das nicht schlimm, wie manche Kerle sich benehmen?"
Zustimmendes Kopfnicken.

 

"Ich habe Dich schon eine ganze Weile beobachtet," sagte sie weiter "und bin froh, dass Du mehr so der ruhige Typ bist."
Ganz heftiges Kopfnicken.

 

"Was hälst Du davon, wenn wir beide in den neuen Pub gegenüber gehen, ich möchete mich jetzt einmal ganz gemütlich hinsetzen und mich ein wenig unterhalten."

 

Bis jetzt hatte ich noch kein einziges Wort herausgebracht, so überrascht war ich von der unverhofften Entwicklung des Abends.


"Sei mein Gast!" sagte ich daraufhin. Das hörte sich natürlich total bescheuert an. Diese Worte hatten aber, ohne einen Umweg über das Gehirn zu machen, soeben meinen Mund verlassen und so stiegen wir über ein Knäul sich raufender Leiber, die gerade dabei waren den Boden zu wischen.

 

Was soll ich sagen, Rosi blühte in der Unterhaltung mit mir richtig auf. Dabei will ich jetzt nicht beurteilen, ob dies an meiner genialen Gesprächsführung lag, oder ob ich Rosi auch mit meinem damals noch recht begrenztem Wortschatz so gut unterhalten konnte. Vielleicht lag es ja auch nur an meiner geschickt eingesetzten Geheimwaffe für solche Augenblicke, den Cocktails. 'Caipi' für die Dame, 'Zombi' für den Herrn. Ein wahrer Dosenöffner sag ich euch.

 

Die Unterhaltung war locker und gelöst, und noch bevor ich mich mit den 'Zombies' vollends aus dem Leben schoss, fragte sie mich, ob ich sie bis zu ihrer Wohnung begleiten würde. Sagte sie 'bis'? Dran ist nicht drin, dachte ich mir in diesem Moment, ohne den Fehler zu begehen es auch auszusprechen. Nein ich blieb freundlich und höflich, wie das eben so meine Art ist und ging mit ihr durch die laue Sommernacht dem vermeintlichen Tatort entgegen.

 

Bei ihr angekommen bat mich Rosi direkt auf einen Kaffee mit in ihre Wohnung. 'Aha, du brauchst es also auch,' schoß es mir durch den Kopf. Dann mal los. An die Gewehre! In ihren Räumlichkeiten stellte ich dann fest, dass die Geschmäcker in Einrichtungsfragen doch etwas weit auseinander lagen. Viel, viel Holz und das meist davon war Eiche. Naja, aber den Kaffee konnte sie. Jetzt bloß nicht festquasseln und weiter nach Fahrplan.

 

"Kommst Du mal mit, ich will Dir was zeigen?" Das Rosi nahm mich an die Hand und führte mich direkt in den Raum neben der Gästetoilette, ihrem Allerheiligsten sozusagen, der Werkstatt würden Handwerker sich ausdrücken. Dort angekommen traute ich meinen Augen nicht. Da litt offensichtlich jemand in der Familie an Augentinitus. Das Schlafzimmer war komplett in Grün gehalten. Das Bett, die Nachttischchen und der Schrank waren in lindgrünem Eschefurnier mit weißem Korpus gefertigt. Der Velours-Teppichboden war moosgrün, ähnlich die Vorhangstoffe. Die Bettwäsche passte sich dem Gesamtbild an. Au-Weia, da musst Du jetzt durch, dachte ich mir. Aber ich war ja nicht zu einer Farb- und Stilberatung hierher gekommen. Es ging um den Job!

 

Aber vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Nur sollte der nicht gleich in Form von körperlicher Ekstase austreten. Zunächst galt es den guten Eindruck, den Rosi von mir gewonnen hatte, weiter zu festigen. Also, reiß dich zusammen Alex. Erst einmal wurden mir die diversen Motive und Personen auf den Fotos erklärt, die an Wänden hingen und auf Tischen standen. Falls Rosi eine ähnlich körperliche Entwicklung wir ihre Groß- und Urgroßmütter nehmen sollte, galt es, sich dann doch nicht allzu lange mit ihr zu beschäftigen. Für heute Nacht wäre es aber OK, sagte ich mir.

 

Dann öffnete Rosi eine der großen Schranktüren. Ich hatte mich schon darauf gefreut einen Blick in die Dessousabteilung werfen zu dürfen. Weit gefehlt. Was Rosi mir dann in aller Ausführlichkeit erläuterte, waren die Anzahl und Art ihrer Aussteuer, die sie bereits von ihrer Familie erhalten hatte, die ich eben an Wänden hängend und auf Tischen stehend kennen lernen durfte, samt weiterführenden Informationen über Materialbeschaffenheit, Größe und Reinigungstipps. Das war jetzt aber ein Tiefschlag. Wenn so etwas im Ring passiert, steht dem Kämpfer eine fünfminütige Pause zu.

 

Dann meinte Rosi mir noch etwas ganz Besonderes zeigen zu müssen und bat darum, dass ich mich neben sie auf das Bett setzen solle. Sie griff zu ihrem Nachtkästchen, wo Damen nach Eintritt der postmenopausalen Phase gerne ihre kleinen Spielzeuge und elektrischen Helferlein aufzubewahren pflegen. Die aber brauchte Rosi noch nicht, sie hatte ja mich für diese Nacht. Sie griff hinein und es kamen zwei große Ordner im Format DIN A4 zum Vorschein. In welcher Farbe wohl? Na, ihr wisst es schon.

 

Sie nahm einen der Ordner und legte ihn auf ihre nackten Oberschenkel, die ich natürlich viel lieber als Ausgangspunkt für eine Erkundungsfahrt mit meinen Händen berührt hätte. Aber wer weiß, womit mich die Rosi jetzt überrascht. Welch intime Fotos, die nicht an Wände oder auf Tische gehören, sich zwischen diesen zwei Pappdeckeln mir offenbaren würden. Das Rosi ist schon ein Luder.

 

Tattaaa, Ordner öffne dich.
Ein weißes Vorblatt erscheint. Noch nicht der Brüller.

 

Weiter, nächste Seite.
Darauf steht "Mein größter Schatz".
Jetzt musste ich daran denken, ob ich meinem kleinen Strolch nicht auch einen Namen geben sollte. Klingt auf jeden Fall schon mal vielversprechend.

 

Weiter, nächste Seite.
Ich lese "Die größten Erfolge".
Na, die hat's aber drauf. Das glaub ich jetzt grad nicht. Vielleicht sollte ich mir auch mal so ein Album zulegen. Würde wahrscheinlich draufstehen "Die größten Pleiten".

 

Weiter, nächste Seite.
Jetzt kommt's. Die Enthüllung.

 

"Der Junge mit der Mundharmonika"

 

Also, was ist das denn jetzt? Hatte da jemand eine Technik drauf, die sich noch nicht bis zu mir rumgesprochen hatte? Oder kann sie mit ihrer ... auch Musik machen?

 

Weiter, nächste Seite.
Das erste Foto.

 

--- Bernd Clüver ---

 

Stille

 

Schweigen

 

Alle weitere Seiten:
Fotos von Live Auftritten, Autogrammkarten, mal mit, mal ohne persönlich Widmung. Zeitungsauschnitte, Bravo Starfotos, Liedtexte, Lebenslauf, alles, alles, alles in diesem Ordner handelt von diesem Schlagerfuzzi mit Namen Bernd Clüver.

 

Aus, vorbei, Ende, aber die Folter geht mit Band 2 weiter. Persönliche Briefe an ihn. Ihre Beiträge in Leserrubriken der Yellowpress. Seine anderen Hits, wie - 'Der kleine Prinz' - 'Sag doch nur ich will' - 'Das geht nur mit Dir'. Und immer wieder Fotos und Autogrammkarten, gebrauchte Eintrittskarten zu seinen Konzerten und was weiß ich nicht noch alles.

 

Ich bin fertig. Restlos bedient. "Rien Ne Vas Plus"! Nix geht mehr. Davon kannst du dich nicht mehr erholen. Keine Ahnung mit welcher Ausrede ich diesen Ort verließ. Meine Gedächtnis verweigert die Weitergabe.

 

Endlich draußen. Frische Luft. Ich will heim...

 

Natürlich begegnete ich Rosi noch oft in den kommenden Wochen und Monaten. Und die Jungens standen immer noch Schlange. Aber im Gegensatz zu früher gönnte ich jedem Einzelnen diese Erfahrung. Das bringt euch weiter...

 

Irgendwann ward Rosi nicht mehr gesehen. Einfach fort. Weg von der Bildfläche. Die Schlange hatte sich aufgelöst und suchte, jetzt in neuer Formation, frische Beute.

 

Doch vor zwei Wochen sah ich sie rein zufällig wieder. In der TV-Abteilung vom Media Markt. Nein, nicht persönlich. Als Aufzeichnung. Auf 100 Vorführgeräten gleichzeitig.

 

Sie saß in der ersten Reihe der Sendung "Lustige Musikanten" - heutiger Stargast "Bernd Clüver". Ich konnte mich noch an die Bilder ihrer Groß- und Urgroßmütter erinnern. Sonst hätte ich sie vielleicht gar nicht erkannt. Und der krachlederne Hutträger mit Gamsbart an der Mütze neben ihr, der ganz sanft ihre Hand streichelte, war offentsichtlich der, dem genau das alles gefiel.

 

Auf jeden Topf passt halt immer auch ein Deckel, dachte ich mir da.

 

Und das ist auch gut so.